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Wie Schulen in Österreich mit Antisemitismus umgehen

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Wissen, wie sich Antisemitismus äußern kann – und im Ernstfall sofort eingreifen: Das sind die wichtigsten Empfehlungen an Lehrkräfte in einer neuen Handreichung für Schulen, um adäquat auf Judenfeindlichkeit zu reagieren.

Die überwiegende Mehrheit jüdischer Kinder und Jugendliche in Wien besucht eine jüdische Schule. Jene wenigen, die Schüler an öffentlichen Lehranstalten sind, sehen sich – in unterschiedlichem Ausmaß – mit Antisemitismus konfron­tiert. Das zeigt eine im Auftrag des Bildungsministeriums unter Leitung des Instituts für Konfliktforschung (IKF) durchgeführte Studie auf. Mit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 habe dabei der Israel-bezogene Antisemitismus deutlich zugenommen, betont Projektleiterin Karin Liebhart. Anfeindungen seien aber auch davor schon erfolgt.

Studie: Annäherung mit mehreren Ansätzen

Für die Studie, die auf Basis der „Nationalen Strategie gegen Antisemitismus“ der Regierung beauftragt wurde, hat sich das Forschungsteam mit mehreren Ansätzen dem Thema genähert. Einerseits wurden 27 jüdische Jugendliche sowie Eltern jüngerer Kinder „mittels problemorientierter, sehr narrativer Interviews befragt“, so Liebhart.

Andererseits gab es eine Online-Befragung, die über die Partnerorganisationen des Projekts (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, erinnern:at, Israelitische Kultusgemeinde Wien, ZARA Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit) sowie über Social Media verbreitet wurde. Sie wandte sich an jüdische und nicht jüdische Schüler, Lehrende und Eltern. 540 Personen nahmen daran teil.

Gearbeitet wurde auch mit Schülern in Berufsschulen und Oberstufen höherer Schulen in verschiedenen Bundesländern. In Workshops näherte man sich dem Thema dabei niederschwellig: Die Jugendlichen wurden gebeten, Fotos zu machen, die das Thema Antisemitismus illustrieren. So kam man gut mit den jungen Menschen ins Reden.

Alle Gespräche dienten einerseits dazu, das Problemfeld möglichst präzise zu umreißen, andererseits aber auch auszuloten, wie Schulen hier besser gegenarbeiten können. Ziel des Projekts war es, nicht nur zu beleuchten, wie sich Antisemitismus an Schulen äußert und wie es jüdischen Schülern damit geht, sondern auch, ganz konkrete Empfehlungen für Schulen auszuarbeiten. Jüdische Schüler wurden etwa danach gefragt, was sie sich von Lehrpersonen, aber auch dem System Schule an sich an Hilfestellung erwarten würden. In den Foto-Workshop-Gruppen wurde unter anderem ausgelotet, welche Strukturen es an Schulen bereits gibt, um mit Anfeindungen verschiedener Art umzugehen.

Antisemitismus nahm zu

Die Muster, die sich aus den Interviews mit den jüdischen Schülerinnen und Schülern herauslesen ließen, fasst Liebhart so zusammen: Dass Juden in Österreich eine kleine Minderheit seien, entspreche nicht nur der Realität, sondern auch dem subjektiven Empfinden der jüdischen Jugendlichen an öffentlichen Schulen. Jüdisches Leben und jüdische Kultur seien weitgehend unbekannt, damit einher gingen Exotisierungsprozesse.

„Die wirklich erschreckende Erkenntnis war, dass viele jüdische Schülerinnen und Schüler berichtet haben, dass sie sich an den alltäglichen österreichischen Antisemitismus schon gewöhnt haben, dass man sich über den gar nicht mehr aufregt. Das sind dann Witze über Juden, über den Holocaust.“

Handlungsbedarf im Klassenzimmer

Mit dem 7. Oktober 2023 sei aber auch der Israel-bezogene Antisemitismus gestiegen, die verbalen Angriffe durch Klassenkollegen hätten zugenommen. Teilweise sei es auch zu „problematischen Bemerkungen“ von Lehrerinnen und Lehrern gekommen. Alle Formen von Judenfeindlichkeit seien den Schülern zudem auf Social Media begegnet, hier wird seitens vieler Schulen aber keine Zuständigkeit gesehen. Insgesamt würden Lehrpersonen teils als „überfordert“ wahrgenommen, wenn es zu Antisemitismus komme.

Die zentrale Botschaft an Schuldirektionen, Lehrerinnen und Lehrer, die das Forschungsteam nun in der auch online verfügbaren Handreichung „Antisemitismus in der Schule. Case Management Strategien und Empfehlungen für Schulmanagement und Lehrpersonen“ formuliert hat, lautet: Bei einem antisemitischen Vorfall sofort und klar reagieren. Das gilt auch dann, wenn gar keine jüdischen Schüler anwesend sind. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man an einer Schule auf so einen Fall gut vorbereitet ist. Das bedingt, dass Lehrpersonen Antisemitismus erkennen und über dessen verschiedene Erscheinungsformen Bescheid wissen.

Antisemitismus erkennen und abwehren

Die Broschüre verweist einerseits auf die Antisemitismus-Definition der IHRA, der International Holocaust Remembrance Association. Ein QR-Code leitet Interessierte weiter – ebenso wie zu vielen anderen vertiefenden Materialien. Auf die Spielart des aktuell besonders virulenten Israel-bezogenen Antisemitismus geht aber auch die Handreichung selbst ein. Hier erfährt man etwa, dass der Vorwurf des Kindermordes gegenüber Israel, aber auch Jüdinnen und Juden weltweit, in einer historischen Kontinuität steht: und zwar mit der mittelalterlichen Ritualmordlegende, einer antisemitische Verschwörungserzählung, die von Christen über Juden verbreitet wurde. Auch die Parole „From the River to the Sea“ wird angesprochen, die Israel das Existenzrecht abspricht, indem sie das gesamte israelische Staatsgebiet als „Palästina“ adressiert.

Zur Vorbereitung gehört zudem, an einem Schulstandort Strukturen zu etablieren, die bereits vorbeugend wirken und im Anlassfall die Reaktion und Aufarbeitung erleichtern. Dazu zählen etwa ein verschriftlichtes Leitbild, das Antisemitismus klar benennt und verurteilt, Vertrauenslehrer oder Schulpsychologen als sofortige Ansprechpartner, die verpflichtende Meldung von Vorfällen an die Direktion, aber auch deren Dokumentation, die Etablierung von Mechanismen für Konfliktmanagement sowie Räume für das gesamte Schulkollegium, in denen gemeinsam die Schulkultur reflektiert und diese in Richtung eines „Wir-Gefühls“ innerhalb der Schule weiterentwickelt wird.

Was Liebhart und ihr Team dazu aus den Foto-Voice-Workshops vor allem mitgenommen haben: „Dort, wo grundsätzlich ein gutes Schulklima und vor allem eine demokratische Schulkultur besteht, gibt es insgesamt weniger hasserfüllte Ausgrenzung verschiedenster Art und wenn sie doch auftritt, wird dieser auch entschiedener entgegengetreten.“ Für Lehrpersonen sei wichtig, dass es eben an der Schule ein bereits etabliertes Procedere gibt, dass man jemanden an der Schule habe, bei dem man sich sofort Rat holen könnte. Ein demokratisches Schulklima motiviere auch Schülerinnen und Schüler dazu, für Mitschüler einzutreten, wenn diese attackiert werden. Wichtig sei zudem, dass auch Eltern von solchen Strukturen an einer Schule wissen.

Versteckte Handreichung

Stichwort Information: News kontaktierte mehrere Schuldirektionen, ob sie von der neuen Handreichung zum Thema Umgang mit Antisemitismus wissen. Sie scheint noch nicht an allen Schulstandorten angekommen zu sein. Eine Direktorin durchforstete schließlich ihren Maileingang. In einem der wöchentlichen Rundmails des Bildungsministeriums an alle Schulleitungen vom Oktober fand sich dann unter vielen anderen Hinweisen ein Link, betitelt mit: „Neue Web-Übersicht: Antisemitismus – Prävention und Intervention“.

Ja, das sei leider untergegangen, so die Direktorin. Angesichts der Menge an Informationen sei das aber leider der Alltag: Es gebe immer wieder wichtige Informationen wie diese, aber beim Überfliegen eines Mails bleibe man bei etwas hängen, das man dringend benötige, und klicke die weiteren Links nicht mehr an.

Das bestätigt auch Christian Klar, Leiter einer Mittelschule in Wien-Floridsdorf. „Wir bekommen an den Schulen eine Flut an Mails, die fast nicht bewältigbar ist.“ Auch bei ihm würden viele Informationen, aber auch Veranstaltungen, die interessant wären, untergehen. Beim Thema Antisemitismus sei er persönlich aber „sehr sensibilisiert“, als zur Präsentation der Handreichung eingeladen wurde, habe er sich daher dafür angemeldet.

Zustimmung mit Vorbehalt

Wie bewertet er nun aus Schulperspektive den vorliegenden Leitfaden? Die Handreichung biete viele wichtige Anregungen, so Klar. An seinem Schulstandort sei auch einiges, was hier an Voraussetzungen für das richtige Agieren im Anlassfall angeführt wird, bereits gegeben – von einem etablierten Konfliktmanagement bis hin zu einem Gewaltschutzkonzept. In der Praxis sei es zudem jetzt schon so, dass jeder Fall von Antisemitismus auf seinem Tisch lande. An einer Schulcharta wird zudem gerade gearbeitet: Auch da soll Antisemitismus klar angesprochen werden.

Was sich Klar allerdings gewünscht hätte: dass die Handreichung vor allem das Problem von muslimischem Antisemitismus klar herausstreicht. In seiner Wahrnehmung sei diese Form von Judenfeindlichkeit aktuell die brennendste Herausforderung, einerseits. „Andererseits kenne ich ein paar Schulleiterinnen und Schulleiter und auch Lehrpersonen, die bei rechtem Antisemitismus alle Hebel ziehen, die es gibt, bei islamisch begründetem Judenhass aber sagen, da hat er einmal einen Blödsinn gemacht und dem kann man nicht böse sein, der hat ja so viel Frust erlebt in seinem Ankommen, wo man das also verharmlost. Ich hätte gerne alle Formen von Antisemitismus nicht verharmlost.“ Daher brauche es hier auch eine noch klarere Kommunikation.

Strukturen statt Gesinnungskontrolle

An seiner Schule wüssten Schüler wie Lehrer, dass Antisemitismus nicht akzeptiert seien, daher gebe es auch kaum Vorkommnisse. Als einige Schüler kurz nach dem 7. Oktober 2023 auf dem Gang „From the River to the Sea – Khaybar, Khaybar yā Yahūd, Muhammad saya‘ūd” („Chaibar, Chaibar – das ist der Name einer Ortschaft – ja Jud, Mohammed wird zurückkehren“, Anm.) gerufen haben, habe die Gangaufsicht machende Lehrerin diese gefragt, ob sie deshalb zum Direktor wollen. Die Rufe seien daraufhin weitgehend verstummt, nur ein Schüler habe sich zunächst nicht stoppen lassen. „Er musste daraufhin von der Lehrerin vor den Mitschülern geschützt werden, damit er nicht von ihnen verprügelt wird. Alle wissen, was für eine Haltung ich als Direktor hier habe und sie wollen keine Probleme mit mir bekommen.“ Seitdem sei nichts mehr in diese Richtung zu hören gewesen.

Ob das aber auch etwas an der inneren Einstellung ändere? Dazu meint Klar: „Ich glaube grundsätzlich nicht, dass man eine Haltung verbieten kann. Aber man kann verhindern, dass diese Haltung an der Schule gelebt und geäußert wird. Das ist in Wahrheit das Maximum, das wir erreichen können.“

Liebhart ist sich jedenfalls der Informationsflut an Schulen bewusst. Sie setzt nun auf Netzwerkarbeit, um die Handreichung an möglichst vielen Schulen bekannt zu machen. Erfreut ist sie über Anfragen für Fortbildungen, die bereits eingetroffen seien. Ja, es werde Zeit brauchen, um möglichst viele Menschen, die im Schulsystem arbeiten, zu erreichen. Bei allen werde das nie gelingen. Aber, betont sie: „Wer Strukturen aufbaut, um gegen Antisemitismus vorzugehen, schafft zugleich Strukturen, die auch im Fall rassistischer Diskriminierungen und anderer Anfeindungen greifen.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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