Vom Bürgermeister von Manchester zum Favoriten auf das Amt des britischen Premiers: Nach Keir Starmers Rücktritt greift Andy Burnham nach der Labour-Führung. Er setzt auf sozialen Ausgleich, wirtschaftliche Vernunft und den Kampf gegen den Rechtsruck.
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Andy Burnham ist nun seinem Ziel, britischer Premierminister zu werden, so nah wie noch nie: Am Montag erklärte Regierungs- und Parteichef Keir Starmer seinen Rücktritt und machte damit den Weg frei für Burnham. Dieser gab unmittelbar im Anschluss seine Kandidatur für den Labour-Vorsitz und das damit verknüpfte Amt des Premierministers bekannt. Den Stein ins Rollen gebracht hatte die Nachwahl Burnhams am vergangenen Donnerstag im nordwestenglischen Wahlkreis Makerfield.
Burnhams hoher Sieg gegen den Kandidaten der rechtspopulistischen Partei Reform UK dürfte all denen in der sozialdemokratischen Labour Party Hoffnung gemacht haben, die den jüngsten Höhenflug der Rechtspopulisten bei den Kommunal- und Regionalwahlen im Mai sowie in den landesweiten Umfragen mit Entsetzen beobachtet haben – und die Starmer dafür mitverantwortlich machen.
„Letzte Chance auf Veränderung“
„Ich sage meiner eigenen Partei, dass dies die letzte Chance für Veränderung ist“, erklärte Burnham nach seinem Sieg. Britische Medien hatten im Vorfeld bereits von der „folgenreichsten Nachwahl“ in der Geschichte des Landes gesprochen. Der Abgeordnete des Wahlkreises Makerfield, der Labour-Politiker Josh Simons, war eigens zurückgetreten, um den Weg frei zu machen für Burnham. Der brauchte einen Sitz im Unterhaus, um für den Parteivorsitz kandidieren zu können.
Nach dem Wochenende, das Starmer britischen Medien zufolge mit Gesprächen mit Parteikollegen verbrachte, gab der Premier sich geschlagen: Angesichts des massiven Drucks erklärte er seinen Rücktritt. Ein weiterer potenzieller Kandidat für den Labour-Vorsitz, der frühere Gesundheitsminister Wes Streeting, erklärte nach Starmers Rücktritt, er unterstütze Burnham. Streeting öffnete damit den Weg für Burnham, ohne einen formellen Wettbewerb Partei- und damit auch Regierungschef zu werden.
Von London nach Greater Manchester und wieder zurück?
Burnham, der sich bereits 2010 und 2015 um den Labour-Vorsitz beworben hatte, kann langjährige Erfahrung in der nationalen und regionalen Politik vorweisen. 2001 wurde er zum ersten Mal ins Unterhaus gewählt, in der Regierung von Tony Blair war er Staatssekretär im Innenministerium. Premier Gordon Brown ernannte ihn zum Staatssekretär im Finanzministerium, später zum Kultur- und danach zum Gesundheitsminister. 2017 kehrte Burnham London den Rücken, um Bürgermeister des Großraums Manchester mit 2,8 Millionen Einwohnern zu werden.
Zwei Mal wurde er wiedergewählt, zuletzt mit einer Mehrheit von fast zwei Dritteln. Einer seiner größten Erfolge als Bürgermeister ist der Ausbau des Nahverkehrs zu erschwinglichen Preisen. Burnham war in seiner Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester zum charismatischen Liebling des moderat-linken Parteiflügels geworden. Britische Medien bezeichnen ihn in Anspielung an die Fantasy-Serie „Game of Thrones“ als „König des Nordens“.
Ich denke, wir müssen das, was wir im Großraum Manchester erreicht haben, auf die nationale Ebene übertragen
Auch der Wohnungsbau und die Verbesserung der öffentlichen Gesundheitsversorgung zählen zu den Prioritäten des 56-Jährigen, der sich als Vertreter eines „wirtschaftsfreundlichen Sozialismus“ versteht und der Brexit-Kritiker ist. „Ich denke, wir müssen das, was wir im Großraum Manchester erreicht haben, auf die nationale Ebene übertragen“, sagte er im Mai dem Sender BBC. „Greater Manchester ist heute ein ganz anderer Ort als der, den ich 1991 verlassen habe“, hieß es 2024 in Burnhams Wahlprogramm. Damals habe er wegziehen müssen, „weil ich keine anständige Arbeit finden konnte“.
Starmer kritisierte er für Kürzungen bei den Sozialleistungen. In der Corona-Pandemie stritt Burnham sich öffentlich mit dem damaligen konservativen Premier Boris Johnson und kämpfte für mehr Unterstützung für Unternehmen und Arbeitnehmer in der Region, was ihm den Namen „König des Nordens“ einbrachte.
Burnham, die Arbeiterbiene
Er ist tief in der ehemaligen Bergbau- und Industrieregion in Nordengland verwurzelt. 1970 wurde Burnham in Aintree bei Liverpool geboren, er wuchs im Dorf Culcheth auf. Sein Vater war Kommunikationstechniker, die Mutter Arzthelferin. Wegen seiner Herkunft habe er sich später beim Anglistikstudium in Cambridge manchmal wie ein Hochstapler gefühlt, sagte Burnham über sich. Mit 14 Jahren trat er in die Labour Party ein, „radikalisiert“ durch den Bergarbeiterstreik von 1984 bis 1985, den die konservative Premierministerin Margaret Thatcher niederschlagen ließ.
Burnham tauchte in die „Madchester“-Musikszene der 1990er Jahre ein. „Ich war voll und ganz dabei – mit Anglerhut, Schlaghosen und der ganzen Kluft“, erzählte er 2023 der Zeitung Daily Telegraph. Bis heute ist er treuer Fan des FC Everton aus Liverpool. Burnhams Frau stammt aus den Niederlanden, das Paar hat drei Kinder.
Auf den rechten Oberarm hat sich Burnham eine Arbeiterbiene tätowieren lassen, das Symbol Manchesters. Es steht für den harten Fleiß der früheren Bergarbeiter, aber auch für die Solidarität nach dem Anschlag in der Manchester Arena 2017 – Tugenden, die sicher auch einem Premier Burnham weiterhelfen könnten.






