von
Der neue, am 3. September erscheinende Streich des Element of Crime-Frontmanns schließt fast unmittelbar an "Glitterschnitter" an - jenes Buch, das 2021 als bisher letzte Episode der literarischen Sitcom erschienen ist. Frank(ie), Anfang 20, ist vor kurzem von Bremen nach West-Berlin gezogen. Am Tag vor dem Heiligen Abend macht er sich auf den Weg, um seinen älteren Bruder Manfred vulgo Freddie aus einem Probandenhotel am Kudamm abzuholen. Der hat dort nämlich in den vergangenen Wochen an einem "psychopharmazeutischen Versuchsdingens" teilgenommen. Nicht nur, dass das "Pillenprojekt" merkbar Spuren psychischer Natur hinterlassen hat, gibt es bald noch ein größeres Problem: Freddie will nach Weihnachten für ein Jahr nach New York abhauen, um dort mit seiner Kunst den Durchbruch zu schaffen. Aber die Tasche mit Reisepass, Visum und Flugticket ist plötzlich weg.
Was folgt, ist eine rastlose wie aberwitzige Schnitzeljagd durch die grau-verschneite Mauerstadt im starterbatterieschwachen Opel Kadett. Bei aller storybedingten Herumhetzerei fühlt man sich als Kenner des literarischen Regener-Universums schon bald wie zu Hause. Denn an allen Ecken warten alte Bekannte - ein Sammelsurium an schrägen Vögeln, die alle irgendwas mit Kunst machen (wollen) - und vertraute Schauplätze aus dem Lehmann-Kosmos. Da ist beispielsweise WG-Kollege und Nebenerwerbsschneeräumer Karl Schmidt, Freddies Ex-Versuchskaninchen-Kollege Artsy Fartsy, der in einer Ikea-Musterwohnung lebende H.R. Ledigt, der mit Nachbar Marco und einem Malen nach Zahlen-Konzept in unterschiedlichen Rottönen ("Marco Rothko") die Szene aufmischen will, und natürlich das Café Einfall, in dem sie alle irgendwie Kundschaft und Arbeitnehmer zugleich sind. Kennt man, mag man. Nur getrunken wird diesmal - mit Ausnahme von wenig Bier und etwas mehr Glühwein - relativ wenig.
Wäre nicht die Jagd nach der verlorenen Tasche mit teils unfreiwilligen Zwischenhalten an einer Astral-Tankstelle, bei einem von einer reinen Saxofonband beschallten Weihnachtsmarkt und einer Kaschemme namens "Schnaftifix" schon mühselig genug, muss sich Frank auch noch um die fiebernde Mitbewohnerin Chrissie, in die er nebenbei schwer verliebt ist, sorgen. Zwischen den Brüdern selbst gibt es außerdem einiges Grundsätzliches zu klären. Und dann will ja auch noch überlegt werden, wie, wo und mit wem man Weihnachten verbringen soll.
"Frankie und Freddie" hat den typischen Regener-Sound: In temporeicher Schnoddrigkeit mäandert der Erzähl- und Gedankenstrom durch die fast filmhaft geschilderten Szenen. Was die Lehmann-Bücher seit jeher auszeichnet, ist die große Kunst des gepflegten Gequassels über die herrlichsten Nebensächlichkeiten. "Laberflash" wird der medikamentös aufgeputschten Chrissie einmal attestiert, als sie die Burschen auf ihrer Odyssee durch die Stadt begleitet - eine treffende Beschreibung auch für den Stil des Buchs.
An den irrwitzigen Dialogen kann man sich kaum sattlesen. Einmal diskutiert Frank mit einer Apothekerin ("Pippi Langstrumpf mit grauen Haaren") über ein mit Speed versetztes Grippemittel und den "Leistungsgesellschaftsshit", ein andermal philosophiert man über die "gute ehrliche Arbeiterzigarette" à la "Eckstein Nummer fünf" und ihre Antipoden ("Intellektuellenscheiß wie Gauloises oder Winston"), dann wieder über Sinn und Unsinn einer Pizza in Calzone-Form. Im Hintergrund schimmert stets das schummrige, zwischen Aufbruch und Resignation torkelnde Berlin der frühen 80er mit seiner grimmigen, aber eigentlich eh ganz netten Bewohnerschaft durch.
"Klingt doch eigentlich ganz gut!", sagt Frank ganz am Ende der gut 270 Seiten. Ein Satz, der auch als Resümee für den Roman selbst ohne weiteres durchgeht. Am 13. und 14. November präsentiert Sven Regener sein neues Buch im Wiener Rabenhof. Bis Weihnachten ist es dann auch nicht mehr weit.
(Von Thomas Rieder/APA)
(S E R V I C E - Sven Regener: "Frankie und Freddie", Galiani Verlag, 288 Seiten, 25,50 Euro; Buchpräsentation: 13. und 14. November im Wiener Rabenhof, https://www.rabenhoftheater.com/programm/sven-regener )
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Verlag Galiani Berlin
