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"Mein privates Glück": Neuer Roman von Michael Köhlmeier

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Neuer Roman von Michael Köhlmeier
©APA, Roland Schlager
"Monika" steht ganz alleine auf der ersten Seite, und dass diese Widmung Michael Köhlmeiers der Gefährtin gilt, die nach einem Sturz seit kurzem nicht mehr am Leben ist, und einen Roman mit dem Titel "Mein privates Glück" einbegleitet, verschlägt einem die Sprache. In aller Stille hat man sich vor wenigen Tagen in Hohenems von Monika Helfer verabschiedet. "Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf", heißt es am Ende des Buches.

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Hoffentlich glaubt der Autor daran, denkt man unwillkürlich, und versucht sich, bei der Lektüre von der Tragödie, die das Buch nun überschattet, freizumachen. Das ist schwer, denn Monika Helfer wird nicht nur an manchen Stellen direkt angesprochen - sie waren füreinander auch in Fragen des Schreibens erste Ansprech- und Diskussionspartner -, und ihre mit "Die Bagage" begonnene erfolgreiche Familien-Trilogie kommt einem auch sofort in den Sinn, wenn man nun Köhlmeiers Erinnerungen an sein eigenes Aufwachsen liest.

Schon die erste Szene ist in ihren Begleitumständen hoch dramatisch und wäre der glänzende Opener für einen Film. Zwei Kinder reisen mit ihrer Großmutter von Coburg nach Lindau, der vierjährige Michael Köhlmeier und seine um zwei Jahre ältere Schwester Walli. Der Mann, der sie am Bahnhof abholt, ist ihr Vater, die halbseitig gelähmte, im Bett liegende Frau, der sie später gegenübertreten, ihre Mutter. Der Vater hatte die Kinder nach Erkrankung der Frau "an seine Schwiegermutter und seine Schwägerin weitergegeben. Wie wir nach Coburg gekommen waren, daran erinnere ich mich nicht. Wir waren in Coburg. Als hätte unser Leben dort begonnen." Das bisherige sorgenlose Leben an der Seite von Tante Helga und Onkel Otto muss getauscht werden gegen zwei Fremde, die man erst kennenlernen muss. Keine leichte Sache.

Auch bei der eigenen Lebensgeschichte und jener seiner Eltern erweist sich Michael Köhlmeier als hervorragender Geschichtenerzähler, und in vielen Episoden spürt man, dass sich hier auf wenigen Seiten eine Welt auftut, die sich problemlos zu eigenen Romanen ausweiten ließen. Etwa die "Wahltante Thea", die aus unerfindlichen Gründen mit strengem Urteil und erstaunlichem Einfluss die Einschulung des schon früh ungewöhnlich belesenen Buben hintertreibt, und der er eines Tages, bereits ein erfolgreicher Autor geworden, im Zug gegenübersitzt. Diese in Dialogform geschriebene Szene lässt in ihrer gespenstischen Kälte auch bei Hochsommerhitze erschauern. Randepisoden wie die im Keller aufgebauten Modelleisenbahnanlage des "Vetters von Fräulein Montag" oder die Verehrung, die Cousin Helge als Mitglied der Hells Angels genoss, wechseln mit der immer tiefer und existenzieller werdenden Annäherung an den Vater.

Die "Einführung in die Schönheit", die er als Bursche eines österreichischen Offiziers im besetzten Paris genoss und die doch nur zur "Vorbereitung auf das Grauen" diente, das beim späteren Fronteinsatz auf den Vater wartete; die grotesken Erziehungsversuche des Vaters; dessen Doppel-, ja Vierfachleben mit drei gleichzeitigen Geliebten neben der bettlägerigen Gattin und der vergebliche Versuch, sich dafür bei der Beichte Absolution zu holen - all' diese Dinge sind fein geschliffene Funkelsteine an einer funkelnden Geschichtenkette, die Michael Köhlmeier auf der Höhe seiner Erzählkunst zeigt.

Die Mutter ahnt, weiß - und vergibt. Eine der berührendsten Szenen des Buches schmiedet die beiden Eheleute gerade dann noch enger aneinander, als die Frau durch ein starkes Medikament die Kontrolle über ihre Verdauung verliert, das gemeinsame Bett beschmutzt und fürchtet, nun werde sich ihr Mann endgültig mit Grausen von ihr abwenden. Mit dem Sohn verlebt sie später ein "seliges Semester" mit gemeinsamer Haushaltsführung und hundertprozentigem Glück (auf ihrer Seite, er beziffert sein Glück auf "80 von 100"). Viel Liebe ist da spürbar, aber auch viel Angst vor Abschieden - auch von Monika, über die er eine Geschichte erzählt, deren Bekanntwerden sie nicht schätzen werde, schreibt er, "aber es ist auch mein Leben, also erzähle ich es".

Am Ende steht ein Gespräch mit einem Beichtvater im Stephansdom und die eingangs zitierte Versicherung, wie es im Himmel zugehe: "Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf." Daran muss man glauben können. Sicher ist, dass Monika Helfer das Manuskript dieses Buches noch gekannt hat. Und sehr wahrscheinlich hat sie es geliebt.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Michael Köhlmeier: "Mein privates Glück", Hanser Verlag, 320 Seiten, 26,80 Euro)

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