von
Immer schon wirkten die Texte des heute 43-Jährigen irritierend anders. Die Ernsthaftigkeit, mit der er beunruhigende Sujets, ausgefallene Biografien, irritierende Begebenheiten behandelte, hatte etwas Unheimliches. "Söhne und Planeten" hieß 2007 sein Debütroman, "Monde vor der Landung" 2023 einer seiner vielen weiteren Romane. Wie Literatur von einem anderen Stern wirken auch die 19 in dem neuen Buch versammelten Texte. Es sind Geschichten, in denen sich das Gruseln, ja mitunter auch das Grauen auf leisen Sohlen nähert, ohne, dass man den Grund dafür klar benennen könnte.
"Kurz vor ihrem neunundzwanzigsten Geburtstag wurde meine Frau von mir schwanger, aber wir verloren das Kind schon nach sechs Wochen." So beginnt Setz den Auftakt-Text "Das Lesebändchen in der U-Bahn". Drei Sätze weiter liest man: "Danach sah ich unseren Sohn viele Jahre nicht mehr." Bei zufälligen späteren Begegnungen war aus dem abgegangenen Embryo "nun ein schöner junger Mann mit beginnendem Bartwuchs" geworden. "Er trug eine Brille und ein bedrucktes T-Shirt, und in der Hand hielt er meist ein Buch." Ein Nerd wie sein Vater, ist man versucht, hinzuzufügen.
In manchen Texten baut Setz seine eigene Autorenbiografie ein. Die Geschichte eines jungen Mannes, der sich im Hundetraining beißen lässt und trotz dicker Wattierung dabei körperliche wie psychische Grenzerfahrungen macht, lässt er so enden: "Ich war sehr froh, nicht mehr der sich quälende, verschlossene Clemens Setz von früher zu sein, der mit den Büchern. Nein, ich war jetzt der Mann im Beißanzug. Und ich blieb es auch, freudvoll und ernsthaft, bis zu meiner Erlösung."
Seine Erfahrungen als Zivildiener in Betreuungseinrichtungen fließen immer wieder ein. In "Der Mylar-Komplex" dreht es sich um ein eigentümliches Bauwerk, in dem ein Schulbub jahrelang sechs dort gefangen gehaltene, geistig und körperlich schwer behinderte Männer versorgt haben soll. In "Das Kleid" geht es um einen Mann, der in einer Boutique immer wieder dasselbe schwarze Frauenkleid einkauft, in "Die Liste" um einen Mann, der einem Arbeitskollegen von einer Erkrankung berichtet und diesen dadurch in einen psychischen Ausnahmezustand versetzt. Was ist Normalität? Was ist sensibel und was überempfindlich? Was ist wirr und was irr? Diese Fragen wirft Setz ein- ums andere Mal auf und hinterlässt in der Verweigerung von Antworten nicht selten Verstörung.
Verstörend ist etwa eine hermetische Geschichte wie "Der DUAD-Tourismus in Toblach", die wie ein Rätsel wirkt, das für seine Auflösung zu wenige Hinweise gibt, verstörend sind vermeintliche (oder wahre?) Protokolle aus Chatforen, in denen mit perverser Begeisterung Videos von Vorgängen kommentiert werden, für die schon die beschriebenen Andeutungen eigene Triggerwarnungen benötigen würden.
Setz, ein bekennender Liebhaber von Kunstsprachen, verwendet Sprache nicht zur Beschreibung des Alltäglichen oder der Nacherzählung von Erlebtem, sondern setzt sie als Hebel an den Fugen und Bruchlinien unseres Lebens an, wo sie Sprengkraft entwickelt, den Spalt zwischen der Oberfläche und dem Darunterliegenden so erweitert, dass er in ihn hineinleuchten kann. Nie ist vorauszusehen, was dabei zum Vorschein kommt, und wie flüchtig oder bleibend sich das dabei zutage Geförderte erweist.
Die titelgebende Erzählung "Mein Leben als Noiseband" wirkt dagegen vergleichsweise konventionell. Das Leben des Noise-Musikers Paul ist zerrissen zwischen seinen Versuchen, verstiegene Lyrics mit mörderisch lauter Musik zu verbinden, und seiner Verliebtheit in einen weiblichen Fan, die aus dem verschlossenen Einzelgänger schließlich einen fürsorglichen Familienvater macht. Zwischen rührend wirkendem Austausch von Leseerfahrungen, dem Kampf gegen den Tinnitus und der Einsicht, mit eigenen künstlerischen Ambitionen beim Publikum auf völliges Unverständnis zu stoßen, schwankt dieser Protagonist, der wohl zumindest facettenweise als Selbstporträt des Autors durchgehen kann. "Sein Werk ist durchzogen von einer tiefen Empathie für das Andere, deren Wahrnehmung sich nicht mit dem vermeintlich Normalen deckt", so Babler über Setz. Dem kann auch nach diesem Buch kaum widersprochen werden.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Clemens J. Setz: "Mein Leben als Noiseband", Suhrkamp Verlag, 384 Seiten, 26,80 Euro)
