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"Es ist ein sehr spezieller Release", gesteht Ernst im APA-Gespräch ein mit Blick auf den Split, der die restlichen drei Viertel der Band Anfang des Jahres eiskalt erwischt hat. "Zwei Tage vor einem Videodreh hat Mike sehr spontan diesen Entschluss gefasst, was für uns am Anfang schon sehr erratisch gewirkt hat. Aber es war zu akzeptieren." Der Leadgitarrist hatte schon 2022 eine Pause eingelegt und sich beim Schreiben und Aufnehmen der "Softpower"-EP, der bisher letzten Veröffentlichung, nicht beteiligt. "Wir haben das schon einmal gecrashtestet, sozusagen den Ernstfall geprobt", so der Frontman. Überraschend war der endgültige Abschied nach fast zwei Jahrzehnten gemeinsamer Reise dann aber insofern, als Krammer bei "∞+1" eigentlich wieder zurück an Bord war. "Das Album war fast ein re-integratives Arbeiten und es hat gut funktioniert", sagt Ernst.
Wichtig ist dem Sänger, die Schrumpfung vom Quartett zum Trio nicht nur mit einem weinenden Auge zu sehen. "Mike und ich haben eine wunderschöne musikalische Sprache entwickelt." Die bleibe bestehen. Und die neue Situation zwinge die Band auch zur kreativen Weiterentwicklung. "Wo man früher gesagt hat: Scheiß drauf, da frickelt man einfach noch ein bisschen mit der Gitarre drüber und passt schon, da muss man künftig eine andere Lösung finden."
Künstlerisches Risiko einzugehen, war bei Bilderbuch seit jeher ein wichtiger Antrieb. Auf "∞+1" nun "zitiert sich Bilderbuch zum ersten Mal ein bisschen mehr selbst", formuliert es der Sänger. Ist doch ok, oder? "Ja klar! Man muss nicht aus Prinzip eine Technoplatte machen, nur um so zu klingen wie nie zuvor." Aber einen Restzweifel hat es bei Ernst schon gegeben. "Gar nicht wegen der Qualität, sondern wegen der Ambition. Bei 'Gelb ist das Feld' (2022) und 'Softpower' habe ich Blut geleckt, eine Platte noch mehr als ein abgeschlossenes Gesamtkunstwerk zu betrachten." Das neue Album sei aber mehr eine Sammlung von Songs ohne übergestülptes Konzept.
Gibt es trotzdem so etwas wie ein Überthema? "Die grundsätzliche Überforderung und recht aktuelle Themen. Ich war sehr unzufrieden in letzter Zeit", rekapituliert Maurice Ernst. Der poppige Opener "Finstere Erleuchtung" spielt auf die neoreaktionäre "Dark Enlightenment"-Bewegung und Typen wie Peter Thiel an. Oberflächlichkeit, unechte Emotionen, Entmenschlichung tauchen in den Texten immer wieder auf - etwa in "Was in dieser Welt". Das klangflächig-fragile "Unterwasser" adressiert ein Gefühl der Überforderung, der Tanzflächenkracher "Push Reality" den (körperzentrierten) Selbstoptimierungswahn. "Ich hätte gerne wieder mehr Akzeptanz für unperfekte Menschen", kommentiert der Musiker.
Das krachend-verzerrte "Irgendwo" setzt sich dezidiert mit aktueller Kriegsgewalt auseinander. Wie aber schafft man es, über Drohnen am Himmel und Hoffnung gebende Menschlichkeit zu singen, ohne dabei in die Plattitüdenfalle zu stolpern - noch dazu auf Deutsch? Es gehe um den Kontext, um Zwischenräume. "Die Zeile 'Irgendwo brennt immer ein Licht' könnte auch Hansi Hinterseer singen", findet Ernst. "Aber weil der Sound so zerrissen ist, ist es mir möglich, so etwas fast Schlagereskes reinzuhauen."
Was schnell auffällt: Auf den zehn Songs feiert Autotune ein geradezu exzessives Comeback. Haben Bilderbuch bei "Gelb ist das Feld" und "Softpower" so gut wie komplett darauf verzichtet, hat es sich jetzt "wieder richtig angefühlt", lacht Ernst. Die beiden Vorgänger-Veröffentlichungen hätten so etwas wie nostalgischen Flair gehabt, jetzt sollte es wieder mehr in Richtung "Jetzt" und jene "Crunch-Zone, wo man keine klaren Referenzen hat", gehen: "Mit Autotune kann man Genres besser sprengen."
Und was wollen uns Bilderbuch sagen, wenn an der Unendlichkeitsschleife noch ein paradoxes "+1" hängt? Die KI-Slop-Musik und überhaupt die Content-Flut im Netz hätten ihn als Künstler zu der existenziellen Frage gebracht, warum man eigentlich auf eine endlose Masse selbst noch etwas draufpacken sollte. Die Antwort: "Die Berechtigung ist, dass man es trotzdem tut. Obwohl es schon alles gibt, mache ich trotzdem dieses '+1'." Worin besteht der Anspruch an dieses eigene. menschengemachte Extra? "Ich habe das Gefühl, dass Musik im deutschsprachigen Raum zu wenig experimentiert. Es ist eher wieder enger geworden. Die Sachen klingen ähnlicher, alles ist ein Brand. Es geht so viel Musik ab, die interessant wäre, und es gibt viel zu oft dasselbe. Dem möchte ich etwas entgegensetzen." Viele junge Artists würden ihre Zeit hauptsächlich für Marketingstrategien anstatt für Studiosessions verwenden, stellt Ernst fest: "Lieder werden behandelt wie Fotos: next, next, next ... ." Man könne den Albumtitel aber auch anders lesen - etwa einfach als "8+1", also das neunte Studioalbum. Und seit Krammers Ausstieg habe die Formel noch einmal eine zusätzliche Bedeutungsebene bekommen.
Viele der zehn neuen Songs haben Bilderbuch im Sommer erstmals live ausprobiert - allerdings nicht, wie von ihnen gewohnt, in großen Venues oder als Festival-Headliner, sondern im kleinen Flex am Wiener Donaukanal. An drei Abenden lud die Band zu "öffentlichen Proben", Tickets wurden ausschließlich nach Registrierung verlost, wobei man nach "Pay as you wish"-Modell bezahlen konnten. Mit dabei war erstmals die viel beachtete Sängerin und Multiinstrumentalistin Uche Yara, die die Jungs Ende Juni als neue Livegitarristin an Krammers Stelle verkündet hatten - und die am 25. September ihr eigenes erstes Album "Bodyscanner" veröffentlicht hat.
Er habe großen Respekt vor dem "unglaublichen Selbstbewusstsein" der Mittzwanzigerin, sagt Ernst mit dem Wissen, dass die Fußstapfen freilich große sind. Soll das frisch gebackene Bühnenmitglied bald auch intensiver in den kreativen Schaffensprozess integriert werden? "Sie hat ja ihr eigenes Projekt. Grundsätzlich muss sich so etwas ergeben, das sollte nicht zu sehr geplant sein, sonst wäre es für alle Seiten zu viel Druck. Wir wissen, dass es auch zu dritt geht und müssen nicht händeringend jemanden ins Studio zerren", sagt Ernst. Aber zugleich sei es "eine schöne Vorstellung".
Trotz des bevorstehenden Album-Releases werden sich Fans bezüglich einer neuen Bilderbuch-Tour noch gedulden müssen. "Wir fangen jetzt wieder zu planen an", verspricht der Frontman mit dem Hinweis, dass man ja nach Krammers Ausstieg gar nicht gewusst habe, ob man weiter live spielen könne und eine Konzertreihe sehr viel Vorlaufzeit brauche. Fix ist, dass man am 7. August 2027 in Linz im Rahmen von Klassik am Dom auftritt und von 14. bis 16. September auf der Bühne des Freiluftgeländes der Arena Wien gastiert - der Vorverkauf läuft. Im darauffolgenden Herbst soll dann eine Tour starten.
Bis dahin könnte sogar schon die nächste Platte rausgekommen sein, deutet Maurice Ernst an. Denn im Entstehungsprozess von "∞+1" seien "ein paar geile Songs" entstanden, die nicht auf das Album gekommen sind. "Die will ich nicht versumpern lassen." Dabei könnte es wieder mehr in Richtung Konzeptalbum gehen. "Vielleicht ein fantastischer Versuch - weiter weg von der eigenen Person. Was wäre, wenn der Sänger z.B. eine Manga-Figur wäre? Musik ohne den Ballast, der einen umgibt. Der absolute Eskapismus!" Es wird also weiterhin nicht fad mit Bilderbuch.
(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)
(S E R V I C E - www.bilderbuch-musik.at/ )
