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Es geht mehr darum, Eindrücke zu sammeln, als diese zu dechiffrieren. Schon gar nicht geht es darum, Anklage zu erheben. Aufklärendes und Mahnendes findet sich in einem dreieinhalbseitigen Nachwort, in dem die Geschichte des 1944 für die Fertigung von Flugzeugteilen errichteten Arbeitslagers nachgezeichnet wird. Die Franzosen nannten es nach der Befreiung in Erinnerung an das von der SS an der Zivilbevölkerung von Oradour-sur-Glane angerichtete Massaker "Camp Oradour" und hielten hier Mitglieder von NSDAP, Gestapo, SA und SS an, ehe es 1948 in ein Lager für Vertriebene und Geflüchtete umgewandelt wurde. Ab 1954 war es als "Märzensiedlung" eine prekäre Wohnmöglichkeit für soziale Randgruppen, bis der "Schandfleck" der Stadt Ende 1988 geschliffen wurde. Auch das mangelnde Bewusstsein für die Geschichte des Ortes, an dem heute ein Wanderweg vorbeiführt, hebt die Autorin in dem Text hervor.
Schutti, die im November als H.C.Artmann Lyrik-Stipendiatin der Stadt Salzburg einen Monat lang in der Mozartstadt leben und arbeiten wird, erhält am 26. November in Wien einen Outstanding Artist Award überreicht: "Carolina Schuttis Schreibstil zeichnet sich durch genaue Spracharbeit, sorgsam komponierte Texte, hohe Musikalität, Rhythmus und Formbewusstsein aus", heißt es in der Jurybegründung. "In poetischer Sprache und in leisen, eindrücklichen Tönen verhandelt Schutti Erfahrungen des Menschseins. Dabei verfolgt sie stets den Anspruch, durch das Zusammenspiel von Sprache und Form tiefere Bewusstseinsschichten der Lesenden zu erreichen." Punktgenau trifft diese Charakteristik auch auf "Relative Ruhe" zu.
2020 trat die 1976 geborene Innsbruckerin beim Bachmann-Preis an, neben der Arbeit an interdisziplinären Projekten an der Schnittstelle von Musik, Theater und Sprache veröffentlichte die ausgebildete Sängerin zuletzt die Romane "Der Himmel ist ein kleiner Kreis" (2021) und "Meeresbrise" (2023). Ein Langgedicht über eine brisante Vergangenheit ist ein Wagnis. Schutti arbeitet Erinnerungsfetzen ein, lässt "botanische Eindeutigkeit" "stummes Zeugnis ablegen" von einstigen Bauwerken, deren Mauerreste überwuchert wurden, und führt die Schilderung der unaufhörlichen Arbeit der Natur parallel zum Absinken des kollektiven Gedächtnisses der Bewohner: "es ist schon / so lange her".
"Relative Ruhe" biegt in der Folge weniger in Richtung Zeitgeschichte als in Richtung persönlicher Erinnerung ab. Es geht um Gefühle, Erfahrungen und ihre Erstarrung. Was davon am Ende übrig bleibt, ist ernüchternd. "Silberfischchen / auf den Fliesen / Teetassen mit braunem Rand / und ein Rest von Brot / das liegen bleibt / bis es so hart ist / dass es weggeworfen / werden kann".
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Carolina Schutti: "Relative Ruhe. Eine Annäherung", Literaturverlag Droschl, 104 Seiten, 22 Euro)
GRAZ - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Dino Bossnini/Dino Bossnini db
