von
So sprach Grohl etwa vom bisher besten Abend auf dem Europa-Abschnitt der "Take Cover Tour". Auch spielte das Wetter meisterhaft mit im Konzert, das die Band gegen 20.00 Uhr lautstark einläutete. Man spiele jedenfalls "so laut und so lange", wie man kann, ließ Grohl bald nach Beginn seiner Tour de Force wissen. Wem der Ablauf einer Foo-Fighters-Show noch bekannt war, wusste schnell, warum sich die Gruppe freie Tage zwischen den Auftritten gönnt. Den gestrigen hat die Band schon in Wien verbracht: "Es ist einfach unglaublich schön hier. Sogar eure Katakomben sind schön", gab Grohl Einblick in sein Tagesprogramm.
Einmal mehr wurde in der Folge klar, was den Erfolg der eigentlich aus einem Soloprojekt des einstigen Nirvana-Schlagzeugers Mitte der 1990er-Jahre hervorgegangenen Band ausmacht: ein mittlerweile gut mit Hits gefüllter Songmaterial-Rucksack, die mitreißende Kraft einer eingespielten Rockband, die echte Handarbeit liefert, und die ansteckende Energie und Authentizität, die vor allem Grohl noch mit 57 Jahren versprüht. So springt der emotionale Funke eben verlässlich über, wenn er mit seinem Gefühlsleben nicht hinter dem Berg hält, um dann die Message "Kopf hoch, weiter geht's" musikalisch anzubringen.
Wenn Grohl schreit - und das tut er bekanntlich oft -, fühlt die Menge mit. Dementsprechend oft bricht die Stimme an Stellen, wo es sein soll, aber auch an anderen. Wie sich der Mann nach über 30 Jahren in diesem Modus zwischendurch stimmlich wieder etwas sanieren kann, um dann erneut brachial anzuheben, bleibt offen.
Inzwischen ist der Sänger, Gitarrist und Kurzzeit-Schlagzeuger mit seiner Formation beim zwölften Album angekommen: Das im April erschienene "Your Favorite Toy" - eine solide Platte ohne übergroße Songs - war auf der freitäglichen Songliste sehr spärlich vertreten. Das neue Material ist bei der Band meist auch nicht ganz so wichtig, schließlich kommen die allermeisten wegen der Gassenhauer. Und davon warf man zu Beginn gleich jede Menge in das weitläufige Wiener Oval, mit bekanntlich nicht immer dem allerbesten, am Freitag aber brauchbaren Sound: Wer mit "All My Life", "The Pretender", "Times Like These", "My Hero", "Walk" oder "Learn to Fly" das Set eröffnen kann, hat quasi per Definition schon gewonnen.
Damit legten Grohl, Nate Mendel (Bass), Pat Smear, Chris Shiflett (beide Gitarre), Ilan Rubin (Schlagzeug) und Rami Jaffee (Keyboards) schon in der ersten Dreiviertelstunde ein solides Fundament für den Rest des Abends, der schon am späten Nachmittag von der englischen Band Fat Dog und den britischen Punk-Postpunk-Berserkern Idles eingeläutet wurde. Nach dem ersten Block gab es dann etwas reduziertere Kost mit getrageneren Titeln wie "Wheels", "Marigold" oder "Big Me" vom allerersten Album aus dem Jahr 1995. Da erinnerte Grohl etwa an das komödiantische Video, bei dem er "noch gut ausgesehen" habe, scherzte er.
Seither ist viel passiert - was man in den Gesichtern der Musiker sieht, aber eigentlich nicht hört. Über weite Strecken des Sets übrigens fast nicht zu hören ist der seit dem Jahr 2017 fix in der Gruppe verankerte Keyboarder Jaffee. Über der Wahrnehmungsschwelle ist sein Spiel nur, wenn sich die drei Gitarren ein gutes Stück weit zurückziehen. Aber Grohl weiß mittlerweile jedes Bandmitglied ins Rampenlicht zu zerren: So gut wie jeder muss ein Lied aus einer seiner früheren Bands anstimmen. Heraus kommt dabei ein abwechslungsreich-witziges Medley zwischen Punk, Prog und Pop.
Auch eine Erkenntnis des Abends: Auf nahezu jedem Album der Band findet sich zumindest ein Song, der auch 2026 gut ins Konzept passt. Und selbst wenn die Formation vielleicht das eine oder andere Mal einen Song schlichtweg mit zu viel Power zu ersticken droht, rettet selbigen das starke Songwriting, der Mitsingfaktor und die positive Energie auf der Bühne, die sich nur ein Stück weit wandelt, wenn man an den überraschend im Jahr 2022 während einer Südamerika-Tournee verstorbenen Langzeit-Drummer und Sympathieträger Taylor Hawkins erinnert. Am Ende sprach man dann mit dem Titel "Exhausted" vielleicht doch dem einen oder anderen Fan ein wenig aus der Seele. Ja, der Abend war ausufernd, aber lohnend bis zum letzten Akkord des klassischen Foo-Fighters-Schlusssongs "Everlong".
(Von Nikolaus Täuber/APA)
