ABO

"Der Betrachter": Der zweite Wien-Roman von Judith Fanto

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Wien im Zentrum eines niederländischen Romans
©APA/APA/Kein&Aber
Mit ihrem 2021 auch auf Deutsch erschienenen Roman "Viktor" hat die 1969 geborene Niederländerin ihrer jüdischen Wiener Familie ein Denkmal gesetzt und damit großen Erfolg gefeiert. Auch ihr 2025 erschienener zweiter Roman "Narcis" wurde ein großer Erfolg und hat sich in den Niederlanden über 50.000 Mal verkauft. Wieder spielt das Buch im Wien der Zwischenkriegszeit. Unter dem Titel "Der Betrachter" liegt nun die deutsche Übersetzung vor.

von

Alles beginnt mit einem Brief, den der niederländische Kunstrestaurator Hermann Loch 1948 erhält, und der eine schmerzhafte Erinnerungskette in Gang setzt. 1916 beenden die Worte "Herzattacke" und "überfahren" seine Kindheit. Zuerst stirbt seine geliebte Großmutter, danach hat seine Mutter einen tödlichen Unfall. Die Schwester seines Vaters, eines verkommenen und versoffenen k.u.k.-Unteroffiziers, holt den Buben aus einem Waisenhaus in Haarlem westlich von Amsterdam zu sich nach Wien. Hermann wird nicht nur in ein anderes Leben, sondern in eine andere Sprache katapultiert, ist von der seltsamen Tante, die sich letztlich als Nobelprostituierte herausstellt, höchst irritiert und fühlt sich sehr einsam.

Über Empfehlung seines wohlmeinenden Hauslehrers verbringt er die Sommerferien in einer von der Familie Wittgenstein gegründeten musikalischen Sommerschule in Baden, wo sich bald ein Freundeskreis bildet, in dem Geschlechter- und Standesunterschiede ebenso wenig eine Rolle zu spielen scheinen wie Nations- und Religionszugehörigkeit. Béla, Max, Bertl und die beiden Mädchen Franzi und Lotte bilden mit dem stillen Manno, wie Hermann genannt wird, eine verschworene Clique, die gemeinsam aufwächst und sich angewöhnt, gemeinsam Ferien in Altaussee zu verbringen.

An den Hängen des Loser liegen Freud' und Leid, Kitsch und Tod freilich nahe beisammen: Wiesen voller Narzissen betören Augen und Nasen und warten darauf, abgepflückt zu werden; wer einen Seeblick zu erhaschen versucht, läuft Gefahr, den Halt zu verlieren und in die Tiefe zu stürzen. Das wird im Laufe des Romans gleich mehreren zum Verhängnis. Gleichzeitig gerät aber auch die Harmonie in dem anfangs durch viel Liebe und Zuneigung aneinandergeschmiedeten Sextett ebenso aus der Balance wie die Stilsicherheit der Erzählung, in die sich immer wieder Klischees und Pathos mischen. Sätzen mit pastosem Stimmungsfarbauftrag wie "Gemeinsam mit den letzten Nelken im Stadtpark welkte auch meine Lebensfreude dahin", hätte Manno, der ein gefragter Gemälderestaurator wird, wohl energisch ihre Patina genommen.

Judith Fanto schildert die bekannten zeithistorischen Ereignisse, mit denen sich die Monarchie in eine Republik und von dort Richtung Austrofaschismus und NS-Diktatur wandelt, als politischen Hintergrund, dessen Änderung auch für den Zusammenhalt der sechs Freunde Sprengkraft entwickelt. Homosexualität, die vorher selbstverständlicher und akzeptierter Bestandteil der menschlichen Natur war, wird zum Erpressungsgrund, politische Propaganda zeigt Wirkung.

Nicht das Herz, sondern die Herkunft wird zur zentralen Frage, die auch einen tiefen Keil in die zuvor für unverbrüchlich gehaltenen Freundschaften treibt. Manches bleibt in "Der Betrachter" zu sehr Papier, aber die verschiedenen Methoden, mit denen sich Profiteure des neuen Regimes ihr Mitläufertum schönreden, werden von der Autorin eindrucksvoll geschildert.

Manno, der sich weigert, einen Ariernachweis zu unterzeichnen, um seine Stelle als Universitätsdozent auf der Kunstakademie zu behalten, erhält das Angebot für eine Stelle in den Niederlanden und kehrt in sein Heimatland zurück. Nur kurz entkommt er jenen, die ihn vertrieben haben. Am Ende übersteht Hermann Loch NS-Herrschaft und Krieg. Die Freundschaften haben jedoch tiefe Wunden bekommen. Tödliche Wunden. Und am Steilhang des Losers geraten in fatalen Momenten auch frühere Freunde in Versuchung, dem Schicksal (oder der Rache) ein wenig nachzuhelfen.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Judith Fanto: "Der Betrachter", Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt, Kein & Aber, 464 Seiten, 26,80 Euro)

ZÜRICH - SCHWEIZ: FOTO: APA/APA/Kein&Aber

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER