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Doch es gibt keinen Grund, enttäuscht zu sein. Woelfl, selbst Villacher des Jahrgangs 1965, schildert das Aufwachsen eines im Jahr 1980 15-Jährigen so lakonisch wie anschaulich. Sein Ich-Erzähler besucht das Gymnasium, liest Baudelaire und würde gerne mit seinem besten Freund eine Rockband gründen. Am liebsten hätte er aber eine feste Freundin und etwas weniger Angst um die Zukunft der Welt.
1980 - das ist das Jahr der NATO-Nachrüstung, der großen Friedensdemonstrationen und der lähmenden Angst vor dem mit Atomwaffen geführten Dritten Weltkrieg. Woelfl bringt das damalige Lebensgefühl der Teens und Twens gut zum Ausdruck. In der Schule reibt man sich an Autoritäten, die drohen, einen "abzuschießen", wenn man zu sehr aufmuckt, zu Hause versucht man einen taschengeldschonenden Mittelweg zwischen Widerstand und Anpassung, und auf der Straße und in den Lokalen, in denen man mit seiner Clique abhängt, versucht man, den örtlichen Gangs möglichst selten in die Arme zu laufen und bei Gelegenheitsdiebstählen, ersten Drogenerfahrungen und dem Anzünden des Mofas eines ungeliebten Professors möglichst nicht erwischt zu werden.
In diesem Mini-Manhattan ist die Karawanken-Grenze, der Tod Titos und die Frage, welches Regime man unterstützt, wenn man in Jugoslawien Urlaub macht, in den Diskussionen der Bevölkerung präsenter als die österreichische Politik, und ein Ausflug zweier Kärntner Burschen zur Friedensdemo in Wien endet mitten in der Nacht vor der Türe zur legendären Disco U4, wo freilich für die beiden Youngsters keine Chance auf Einlass besteht.
Stetig wechselt Woelfl zwischen kleinen und großen Problemen und bleibt dem hin- und hergerissenen Innenleben seiner Hauptfigur dabei ganz nahe. In einer Welt, in der Ronald Reagan und Margaret Thatcher den Ton angeben, gibt es für die politisch engagierte Jugend nur eines: Widerstand. Man wird nicht Popper, sondern Punk, und ist der Überzeugung: Auch Jesus wäre ein Punk. Und der einzige Erwachsene, mit dem man vernünftig reden und Fußball spielen kann, ist ein katholischer Geistlicher, der am liebsten im Tor steht.
Woelfls Coming-of-Age-Roman hat eine traurige Klammer. Sie heißt John Lennon und Isabella. Die 14-jährige Schulkollegin, in die der Ich-Erzähler verliebt ist, borgt ihm Lennons Platte "Imagine" und begeht kurz darauf in ihrem Kinderzimmer Selbstmord. Alle stehen vor einem Rätsel. Der Protagonist bekäme gerne das von ihr hinterlassene Tagebuch zu lesen - um eine Ahnung davon zu bekommen, was sie in den Tod getrieben hat. Und um Nachschau zu halten, ob sie seine Gefühle erwidert hatte. Alles ist miteinander verknüpft und kann doch nicht entwirrt werden. Das Leben, das so unendlich lange vor einem zu liegen scheint, kann schon morgen zu Ende sein. Aus eigenem Entschluss - oder durch eine Atomrakete.
Auch wenn die konkreten Zeiten und Milieus beider Bücher unterschiedlich sind: Robert Woelfls "Manhattan" erinnert in der treffend eingefangenen Stimmung einer ganzen jungen Generation an Nicolas Mathieus in einer nordfranzösischen Kleinstadt der 1990er spielenden Roman "Wie später ihre Kinder". Das Buch gewann 2018 den Prix Goncourt. Und auch "Manhattan" hat sich Aufmerksamkeit verdient.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Robert Woelfl: "Manhattan", Muery Salzmann, 296 S., 26 Euro)
SALZBURG - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Müry Salzmann
