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„Benko – Size Does Matter“: Thomas Stipsits über seine Rolle als Signa-Gründer

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Thomas Stipsits

©Matt Observe

Mit dem künstlerischen und juristischen Grenzgang „Benko – Size Does Matter“ wagte Thomas Stipsits den Grenzgang ins dämonische Charakterfach. Im Interview skizziert er Benkos Seelenabgründe, legt seine eigenen Strategien gegen Selbstverschleiß offen, bekennt sich zu Eseln und Austria Wien und missbilligt die Empörungskultur.

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Herausforderungen, unter deren Last andere schon zusammengebrochen wären, todesverachtend ins Auge zu blicken: Auch das macht einen außerordentlichen Künstler aus. Der Schauspieler, Kabarettist und multiple Bestsellerautor Thomas Stipsits zum Beispiel ist Austria-Anhänger. Ein Schicksal, dessen tragische Unentrinnbarkeit auch einen, dem seit Menschengedenken nichts mehr misslungen ist, beugen könnte.

Stipsits hingegen trotzt beim Gespräch drei Tage vor dem Stadtderby dem Eishauch des Lebens. Jawohl, er wird im Stadion zugegen sein, mag auch die wankende Austria schon mehr als 20 Punkte hinter dem Erzrivalen Rapid den vorletzten Tabellenplatz einnehmen. „Es gibt ja nicht viel zu bejubeln“, stellt Stipsits treffend fest, um gleich das Gute aus der Situation zu filtern. „Aber dass die Kollegen Klaus Eckel und Fredi Dorfer aktiv den Kopf für die Austria hinhalten, das gibt mir Hoffnung. Und das mache auch ich mit großer Begeisterung, weil man gerade jetzt Austrianer bleiben muss, bei dem unbegreiflichen grünen Überhang unter den Künstlern.“

Drei Tage später war es gekommen, wie es kommen musste (0:2). Aber da bereitete sich die Welt schon auf das nächste Ereignis vor: Unter äußerster Geheimhaltung – außer einem knappen Trailer wurde zuvor nichts verbreitet – erreichte der ORF am Montag mit dem künstlerischen und juristischen Risiko „Benko – Size Does Matter“ 540.000 Seher.

Ich glaube nicht, dass alles nur Kalkül war. Benko hat auch mit seinem Gewissen gekämpft

Thomas Stipsits

Benko, der Film

Stipsits, den mit dem Nordtiroler Finanz-­Zarlet keine äußerliche Ähnlichkeit verbindet, verwandelte sich unmerklich, aber umso nachdrücklicher.

Er habe selbst nicht glauben können, dass man ihn für die Rolle wollte. Aber, gibt er zu bedenken, auch die Ähnlichkeit zwischen Joaquin Phoenix und dem von ihm fulminant verkörperten Johnny Cash sei überblickbar. „Wir haben mit unserem Wissen unseren Benko kreiert und interpretiert. Es entsteht ja auch keine Reibung, wenn ich einen Bösewicht mit einem Bösewicht besetze. Mein Zugang war die charmante, gewinnende Art, die mir auch manchmal nachgesagt wird.“

Wer ist René Benko?

So entstand die Rolle aus der Ambivalenz, ohne dass einander die beiden je begegnet wären. „Man muss ihm zugestehen, dass er Visionen hatte, die am Anfang wirklich innovativ waren. Und er hatte einen unfassbaren Charme“, kommt er auf den persönlichen Zugang. „Er konnte die abgebrühtesten Füchse derart überzeugen, dass sie ihm Hunderte Millionen überlassen haben. Er hatte schon etwas, alle haben sich sicher gefühlt bei ihm.“

Und eine weitere Runde beim Feinschliff: „Er schien im Umgang sehr sympathisch und war in den Medien wenig präsent. Wenn er einmal vor die Kamera tritt, spricht er ganz besonnen, er hat auch das Tirolerische nie abgelegt, das schafft Grundsympathie. Und vorsichtig gesagt glaube ich auch nicht, dass das alles nur Kalkül war. Ich glaube, er hat auch mit seinem Gewissen gekämpft. Er muss den Kopf voll gehabt haben bis über beide Ohren, es lief ja wohl alles über ihn. Und wenn du merkst, das Ganze kippt, ist der Rückzug schwieriger als der Angriff.“

Die nicht zu knapp bemessene dämonische Komponente? Lagerte man klug an den deutschen Kollegen Heino Ferch aus. Benko tritt voller Skrupel vor die Belegschaft, wenn am heranrasenden Ende längst nicht mehr zu zweifeln ist. Aber der Mephisto redet ihm die Gewissensbisse aus.

Tiefenpsychologische Enddiagnose: „Das Verhältnis zu seinem Vater war angeblich schwierig, ich könnte mir vorstellen, dass er gegen eine Vaterfigur gekämpft hat, der er beweisen wollte, was er alles schaffen kann.“ Es gebe, fügt er hinzu, Leute, die im Designeranzug geboren würden, und solche, die ihn sich aneignen müssten, daher immer etwas verkleidet aussähen. Auch das riesige Tiroler Anwesen eigne sich diesbezüglich als Indiz.

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Heino Ferch und Thomas Stipsits in „Benko – Size Does Matter“.

 © UFA FICTION GmbH, Martin L. Ludwig, ORF

Das Phänomen in Zahlen

Das Phänomen Stipsits verleitet leicht zur statistischen Abarbeitung. Seine Krimis mit Schauplatz im heimatlichen Stinatz waren 2020 und 2024 Österreichs meistverkaufte Bücher, die Verfilmungen erreichten Zuseherzahlen von 40 Prozent, wie man sie eher als Mythos aus der Zeit vor Einführung des Kabelfernsehens kennt. Die Kinokomödie „Griechenland“ belegt Platz neun der ewigen österreichischen Besucherliste.

Jetzt, sagt er, sei die Zeit für die gebrochenen, ambivalenten Charaktere gekommen. Eine kleine, kaum wahrgenommene Glanzleistung in Harald Sicheritz’ „Bruno – Der junge Kreisky“ zeigt die Richtung vor: Stipsits verkörpert da den authentischen Nazi Josef Weninger, der mit Kreisky und einem Kommunisten in austrofaschistischer Haft sitzt. Kreisky rettete ihm in einem Impuls das Leben, indem er einen Kassiber verschluckte. Weninger ermöglichte ihm dann dafür die rettende Emigration. Ein Unterbelichteter, jung der Nazi-Propaganda verfallen, als Kreiskys Lebensretter eine Fußnote der Geschichte, endlich im ­April 1945 als Kriegsverbrecher durch den Strang hingerichtet. Solch eine Gestalt zu spielen, taugt dem burgenländischen Universalsympathler, für den sich soeben auch ein schmaler Pfad zum bisher verschlossenen deutschen Markt öffnet: Ein Angebot für einen hoch besetzten Kinofilm liegt vor, etwas aus dem Segment „Poesie und Charakterdarstellung“.

Noch größere Ambitionen? Eine Weltkarriere, wie sie dem um zwölf Jahre jüngeren Felix Kammerer zuteil wird? „Nein. Ich habe jetzt schon mehr, als ich mir jemals erträumt habe. Ich wünsche mir nur noch, das Mäntelchen des Komödianten öfter ablegen zu können, um etwas schauspielerisch Reizvolles zu machen.“ Wenn sich das deutsche Angebot konkretisiert, ist da schon etwas gewonnen.

Kontrollierte Betriebsamkeit

Das Erfolgsmodell bleibt derweil in ständigem Betrieb, allerdings selektiver und kontrollierter, seit ihn vor fünf Jahren ein Burn-out zu Boden warf. Er ist gerade von zweieinhalb Ferienmonaten in den Bergen und im griechischen Anwesen zurück, die Kinder aus der friedlich beendeten Ehe mit der Kollegin Katharina Straßer waren viel bei ihm.

Ein Film, der mit Alfred Dorfer und einem charismatischen Esel durch Italien führt, ist fertig und wird im Frühjahr gezeigt. Die wenigstens temporäre Lebensgemeinschaft mit dem Lieblingsvieh war ein auch emotional markantes Ereignis, rühmt er. Über Jahrhunderte hätten Esel die Lasten der Menschen getragen, viele Bergdörfer in Italien und Griechenland wären ohne die graue Assistenz nie entstanden. Im Film trägt solch ein selbstloser wie eigensinniger Gefährte die psychische Last seines Herrn, eines ausgebrannten, an Roy Black erinnernden Schlagersängers.

Die Zeit des Aneinander-Gewöhnens auf einem einschlägig spezialisierten Bauernhof sei das reinste Glück gewesen, legt Stipsits eine bis dato ungekannte Seite offen. Habe er einst doch aus Zeitgründen vom bereits angebahnten Erwerb eines Esels Abstand nehmen müssen.

Solcherart entspannt blickt er einem arbeitsreichen Herbst entgegen. Die Kabarett-Tournee mit dem Kollegen Viktor Gernot endet am 30. Dezember in der Stadthalle. Der vierte Stinatz-Krimi mit dem Titel „Allerheiligenfiasko“ ist in Vorbereitung.

Aber ab März soll alles bewältigt sein, auch der nächste Stinatz-Krimi mit Veröffentlichungsdatum Oktober. Das Nächste ist eine Tournee mit eigener Band im Herbst.

Die Dreharbeiten in Stinatz könnten außer amüsant auch emotional werden: Die 1.800-Einwohner-Gemeinde im Bezirk Güssing hat der Kunstwelt eine überproportionale Zahl an Zelebritäten geschenkt, nebst Stipsits auch die Familie Resetarits. Dass der gleichnamige phänomenale Kabarettist soeben den Berufsabschied bekanntgegeben hat, trifft den Freund und Schüler sehr. „Der Lukas ist ja ein bisschen ein Ziehvater für mich, er hat mich am Anfang meiner Karriere sehr unterstützt und ist einer meiner Freunde in der Szene, so viele gibt es ja nicht. Ich kann ihn um drei Uhr früh anrufen, und er hebt ab und hilft mit seiner Lebenserfahrung.“

Noch etwas?

Ja, ein Wort zur mittlerweile unermesslich lästigen Empörungskultur, gespeist aus Unbildung und Wichtigmachen. Der Kabarettist sieht da schon ernste berufliche Einschränkungen. „Es ist nicht mehr einfach zu kommunizieren, dass eine Figur etwas anderes sagen kann als man selbst. Die Empörungskultur ist viel, viel größer geworden, wenn man denkt, wie frei und revolutionär der Lukas im Kottan agieren konnte.“

Dass ein Starlet den großen, vor 15 Jahren verstorbenen Ludwig Hirsch posthum der Verbreitung pädophilen Liedguts bezichtigt hat? „Entweder ist das Kalkül, damit man Aufsehen erregt, oder es ist einfach Unwissenheit. Gerade Ludwig Hirsch hat in den 70er-Jahren Themen angesprochen, die man nur unter vorgehaltener Hand erörtern durfte. Aber wenn jemand Satire nicht verstehen möchte, kämpfst du gegen Windmühlen.“

Die nämliche Dame belästigte auch den 2007 verstorbenen Georg Danzer. „Er war eine Ikone des Friedenslieds, des Kampfs gegen Antisemitismus, für Gleichberechtigung und die Rechte Homosexueller“, empört sich Stipsits. „Einfach dumm“ sei der Krawallversuch.

Zumindest als Teil der Wahrheit ist das unbestreitbar.

© Matt Observe

Steckbrief

Thomas Stipsits

Geboren am 2. August 1983 in Leoben, hat sich Thomas Stipsits stets seiner Wurzeln in Stinatz besonnen. 1999 legte er sein erstes Kabarettprogramm vor, wurde im Genre zur Größe und erweiterte seine Tätigkeit dann zum gesuchten Schauspieler und Buchautor. Er lebt in Wien, Niederösterreich und Griechenland und war mit der Schauspielerin Katharina Straßer verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 45/2026 erschienen.

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