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Sonja Pikart: Warum Schwäche stark machen kann

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Sonja Pikart©Matt Observe

Als die vielfach ausgezeichnete Kabarettistin Sonja Pikart an Brustkrebs erkrankte, wurde der gut gemeinte Satz zur Zumutung. Nun stellt sie eine Gesellschaft auf den Prüfstand, die Stärke feiert. Und fragt, was geschieht, wenn Menschen schwach sein dürfen.

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Am Höhepunkt ihres Erfolgs hält Sonja Pikart Stärke für eine gefährliche Sehnsucht. In ihrem fünften Soloprogramm „Stark“ seziert sie den Begriff, der oberflächlich gesehen ihren Weg zum Gipfel der heimischen Kleinkunstszene beschreibt: Ihr letztes Programm wurde 2024 mit dem Hauptpreis des Österreichischen Kabarettpreises ausgezeichnet, gemeinsam mit Berni Wagner und Christoph Fritz holte sie auch noch den Programmpreis, obendrauf wurde sie 2026 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Stark! Oder?

Die 41-Jährige misstraut dem Stark-Sein. So wie sie stets Unbehagen spürt, wenn moralische Gewissheit differenzierte Meinungen ersetzt. Richtig groß wurden die Zweifel rund ums Stark-Sein vor eineinhalb Jahren. Damals sagte man ihr in der größten Krise ihres Lebens immer wieder: „Du bist so stark!“

Wer ständig über sich hinauswachsen will, ist nie dort, wo er gerade ist. Das macht unglücklich.

Sonja Pikart

Die Zumutung, stark zu sein

Im Jänner 2025 wurde bei Sonja Pikart Brustkrebs diagnostiziert. Zwei Tage nach einer Operation stand sie wieder auf der Bühne. „Dabei dachte ich die ganze Zeit: Nur den linken Arm nicht heben. Das ging noch nicht“, erzählt sie. Inmitten der Krise bedeutete Bühnenalltag Normalität, Freude am Beruf zu leben und nicht zuletzt wirtschaftliche Notwendigkeit. Und immer wieder erntete Pikart den Satz: „Du bist so stark!“

„Das fand ich faszinierend, weil ich mich noch nie im Leben so schwach gefühlt habe“, sagt sie. Die Zeit der Behandlung, der Untersuchungen, der Operation hat Sonja Pikarts Verständnis von Stärke erweitert und präzisiert. „Es waren die Menschen, die für mich da waren, die mich jeden zweiten Tag angerufen haben, bei denen ich schwach sein durfte, die für mich stark waren“, erklärt die Kabarettistin. Natürlich sei es lieb gemeint gewesen, ihr Stärke zu attestieren, weiß sie: „Aber der Satz verschiebt auch die Verantwortung: Du bist stark, du schaffst das alleine.“

Im Programm „Stark“ geht Sonja Pikart diesem Begriff auf den Grund, dem man sich in unserer Gesellschaft nur allzu gerne unterwirft: Die High-Performer im Fitnesscenter. Die Selbstoptimierer mit Mental-Coaches und Nahrungsergänzungsprogramm. Pikart beobachtet eine Gesellschaft, die Körper, Geist, Berufe und Beziehungen optimiert, als läge hinter dem Erreichen des nächsten Ziels endlich das wahre Leben. „Das ist ein Trugschluss“, sagt sie. „An diesen Punkt kommt man nie. Wer ständig über sich hinauswachsen will, ist nie dort, wo er gerade ist. Das macht unglücklich.“ Durch das Eingestehen von Schwäche entstehe auch Handlungsspielraum, meint die Kabarettistin. Wer nicht perfekt sein müsse, könne Prioritäten setzen. – Nicht nur in Krisen, sondern an jedem mittelprächtigen Tag.

„Wir gehen doch daran zugrunde, wenn wir ständig das Bild von Perfektion vor uns hertragen. Schwäche zuzugeben bedeutet, anzuerkennen, dass man menschlich ist“, erklärt sie. Pikart, die sich heute als geheilt beschreibt, wünscht sich, dass Stärke nicht bloß als individuelle Eigenschaft betrachtet wird. „Nach dieser Logik ist jeder, der etwas nicht schafft, selbst schuld, weil er zu schwach ist. Wenn wir stattdessen, die Stärke der Gemeinschaft fördern, dann hat Stärke eine nachhaltige Kraft: Jeder Mensch ist hin und wieder schwach. Eine Gemeinschaft, in der Menschen einander auffangen, macht dauerhaft stark.“

© Matt Observe

Steckbrief

Sonja Pikart

geboren 1984 in Aachen, ist eine deutsche Kabarettistin, Schauspielerin, Autorin und Regisseurin. Nach einem Studium der Humanbiologie absolvierte sie ihre Schauspielausbildung in Wien, wo sie heute lebt und arbeitet. Seit ihrem Kabarettdebüt „Gluten Abend!“ steht sie regelmäßig auf Theater- und Kleinkunstbühnen sowie vor der Kamera. Für ihre Programme erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Österreichischen Kabarettpreis 2024 und den Salzburger Stier 2026.

Wo Stärke keine Feinde braucht

Fragt man Pikart mit dem Blick auf die Wahlen in Deutschland nach dem politischen Aspekt von Stärke, ist ihre Analyse klar. Vermeintliche Stärke wurde gewählt. „Dabei entsteht Stärke bei Weidel, aber auch bei Trump oder Putin erst durch Abgrenzung. Sie alle brauchen Feinde, um diese Illusion von Stärke zu kreieren“, stellt Pikart fest.

Die Wut auf gegenwärtige Entwicklungen auf die Bühne zu bringen, ist ihr zu kurz gegriffen. „Wenn ich mich 90 Minuten hinstelle und erzähle, dass ich Rechte blöd finde – was ist der Mehrwert?“ Lieber begleitet sie das Publikum zu dessen blinden Flecken. Sie tut es in sorgfältig gearbeiteten Abenden, die Theaterstücken gleichen. Sie wechselt Figuren, verschiebt Gewissheiten und denkt gesellschaftliche Entwicklungen weiter, bis sie ins Absurde kippen.

Oft sind es die einfachen Fragen, die verfangen. „Warum sagt man dem Menschen, mit dem man Sex hat, ganz selbstverständlich ,Ich liebe dich‘! Nicht aber ,Ich liebe dich‘ zur Freundin, die einen durch eine Krankheit trägt? Warum, lassen sich romantische Beziehungen rechtlich absichern, Freundschaften aber nur schwer?“

Pikart misstraut dem Gedanken, der die romantische Zweierbeziehung und die Kernfamilie zum Maß aller Nähe erhebt. Freundschaften würden durch Krisen tragen, Schwäche ermöglichen und Verbindlichkeit schaffen, beschreibt sie. Trotzdem fehlen ihnen Rituale, Rechte und öffentliche Anerkennung. Freundschaft als unterschätzte Form gesellschaftlicher Fürsorge aufzuwerten, ist einer der Gedanken, den sie ihrem Publikum mitgibt.

Ein Geschenk vom Universum

Pikarts analytischer Blick mag ihrem ersten Berufsweg geschuldet sein. Nach dem Schulabschluss in Nordrhein-Westfalen studierte sie in Marburg Humanbiologie. Nach Wien kam sie zum Schauspielstudium und nach Theaterarbeiten mit der Performance-Gruppe SIGNA „beinahe naiv“ zum Kabarett.

Seit 17 Jahren ist Sonja Pikart Wahl-Wienerin und spricht liebevoll von der Stadt. Gleichzeitig sei sie „nie so deutsch gewesen wie hier“, sagt sie. Es ist der Blick der anderen, der die Herkunft zur bestimmenden Eigenschaft macht. Dabei ist ihre Mutter Niederländerin, die Familie des Vaters stammt aus Polen, Tschechien und Ungarn. Pikart versteht sich als Europäerin. Heimat ist für sie eher etwas Zwischenmenschliches als Geografisches: „Der Ort, an dem die Menschen sind, mit denen ich mich wohlfühle.“

Wien also. Wo auch die Freundin lebt, die sie nach der Krebsdiagnose zur Psychologin begleitete. Pikart erinnert sich an das Gespräch mit einer ­Anekdote. Die Sonne schien ihr während der Therapiestunde ins Gesicht. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, tastete die Psychologin nach dem Schalter für die Jalousie und blieb lange erfolglos. Als sich die Jalousie endlich bewegte, tat sie es mit solchem Lärm, dass Pikart ihre Sorgen hinausschreien musste. „Ich wusste, wenn ich jetzt meine Freundin anschaue, haben wir beide einen Lachkrampf.“

Nie war eine Pointe so weit entfernt. Und doch war das Lachen da. Sonja Pikart nennt solche Momente „ein Geschenk vom Universum“. Wenn man zulassen kann, dass selbst im Schrecklichen das Lachen Platz hat.

Neues Programm: Stark

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.

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