Bruno im Film: Nils Arztmann, geboren 1999 als Sohn eines Richter-Ehepaars. Absolvierte das Reinhardt-Seminar, spielt seit 2023 an der Josefstadt.
©Dor Film„Ikonografie eines Kultkanzlers“ nennt der Schauspieler Nils Arztmann den vielerorts zurückgesehnten Bruno Kreisky. Arztmann wurde neun Jahre nach dem Tod des unsterblichen „Alten“ geboren. Aber in Harald Sicheritz' erhellendem Film „Bruno – der junge Kreisky“ spürt man das Original.
Das letzte Bild in der Erinnerung, leicht rotstichig, aber nicht auszulöschen, obwohl es einen Menschen im Verlöschen darstellt. Wien, Armbrustergasse 15, an einem dunklen Novembernachmittag des Jahres 1989. Das automatische Scheinwerferlicht flammt auf, die beiden alten Boxerhunde trotten schwerfällig ans Gitter. Die Pflegerin öffnet.
Kreisky, der echte
Hier – so hat es der damals junge Verfasser der hier im Entstehen begriffenen Geschichte beschrieben – scheint das Leben auf Zehenspitzen zu gehen. Es dauert eine Zeit, ehe Bruno Kreisky den Salon mit den Trophäen welthistorischer Begegnungen betritt. Er ist infolge zweier Schlaganfälle schlecht zu Fuß und muss gestützt werden. Seine letzte Lebensgefährtin, die Witwe des Schriftstellers Friedrich Torberg, umsorgt ihn fast unsichtbar. Als ihn der Fotograf Martin Vukovits bittet, die Brille abzunehmen, hat er keinen Einwand: Er sei ohnehin so gut wie blind. Von einer Decke geschützt, im Schaukelstuhl ruhend, gleicht er einem Abschied nehmenden König. Und das Gespräch, nach mühsamem Beginn von Minute zu Minute klarer, schärfer, boshafter, leidenschaftlicher, taugt für die Archive. Vor sechs Jahren ist er als Kanzler zurückgetreten, krankheitshalber und weil er mit 47,6 Prozent hauchzart die Absolute verfehlt hat. Acht Monate nach dem Gespräch, am 29. Juli 1990, ist es vorbei.
Und heute? Welch ein Schnitt, in jeder Hinsicht! Der junge Mann, der sich da von der Anklagebank der Sozialistenprozesse im März 1936 aus dem Gröbsten plädiert, ist ein romantischer Feschak aus jüdischer Fabrikantenfamilie, einen halben Kopf größer als das Original, umworben von drei einnehmenden Frauen. Das Gesicht ist ebenmäßig, von der markanten Nase blieb nicht einmal ein Ansatz.
Der tatsächlich junge Kreisky, geboren 1911 noch in die Monarchie.
© APA-Images, TopFoto, Between The WarsAber alles stimmt auf rätselhafte Weise. Man meint den sprichwörtlichen „Alten“ im Jungen zu ahnen. „Ich dachte an einen Irrtum“, erinnert sich der heute 27-jährige Nils Arztmann, der an der Josefstadt auf das Fach des hochsensiblen Gutaussehenden gebucht ist. „Die können mich ja nicht für Bruno Kreisky wollen.“ Er war 21, als er von der Produktionsfirma zum E-Casting gebeten wurde. Heißt, er sollte dem mitgeschickten Drehbuch ein paar Sequenzen entgegensetzen und das Resultat binnen drei Tagen elektronisch einsenden.
Glück in mehrfacher Hinsicht
Kreisky? War für ihn bloß die dunkle Ikonografie eines Kultkanzlers. Also las er sich binnen Stunden ein, rief das Geschichte gewordene Fernsehduell gegen den ÖVP-Obmann Taus auf. Aber wie all das auf den jungen Sozialisten aus reichem Haus, 16 bis 27 Jahre alt, herunterrechnen?
Dann wurde er als einer von drei Verbliebenen zur analogen Endrunde eingeladen und gewann. Bis der Film realisiert wurde, dauerte es wegen finanzieller Unzukömmlichkeiten fünf Jahre. Doch das war in mehrfacher Hinsicht ein Glück.
Der Sohn eines Richter-Ehepaars stand damals im vorletzten Ausbildungsjahr am Reinhardt-Seminar und hatte schon Anfragen aus Erlangen und vom Salzburger Landestheater. Die hatte er, mit dem Kreisky-Dreh rechnend, schweren Herzens abgelehnt. Dafür holte ihn Josefstadt-Chef Föttinger alsbald ans zweite Wiener Haus, mittlerweile ist er „Nestroy“-Preisträger, dreht die ORF-Serie „Pflegeleicht“ und führt das News-Gespräch am einzigen freien Abend der laufenden drei Wochen.
So entstand der junge Kreisky
Auf den jungen „Alten“ konnte er sich verzögerungshalber unerwartet gründlich vorbereiten. Kreisky sollte erkennbar, aber eine nahbare jugendliche Figur bleiben. Also legte man den Alten im Jungen an: Der sich immer wieder behauptende Zeigefinger, die hinter dem Rücken verborgenen Arme, der gern auf dem Verb betonende Sprachduktus, alles überwacht von der großen Historikerin Helene Maimann. „Das macht automatisch auch etwas mit dem Gesicht.“
Dass die Nase nicht vergrößert wurde, hatte das mit der Sorge zu tun, antisemitische Stereotype zu reproduzieren? Das war nicht einmal ein Thema, sagt der Regisseur Harald Sicheritz, 68. Der Schauspieler müsse die Figur erfüllen, statt sich acht Stunden täglich in Winston Churchill zu verwandeln, bis von Gary Oldman nichts übrig war.
Der Film
„Bruno – der junge Kreisky“ folgt den Memoiren des epochemachenden Kanzlers (1970 bis 1983) vom 16. zum 27. Lebensjahr. Zu Beginn sieht man den jungen Sozialisten in der Zelle des christlich-sozialen austrofaschistischen Regimes. Soeben hat der Justizpalast gebrannt, die Polizei hat in die demonstrierende Menge geschossen. So wurde der wohlhabende jüdische Großbürgersohn zum Sozialisten.
Er wird vom austrofaschistischen Regime eingesperrt, dann von der SS verhaftet und blutig geprügelt, und kann nach Schweden emigrieren. Der Film zeigt verstörende Szenen faschistischer Gewalt, folgt aber auch feinen Liebeswirren. Die ihn umwerbenden Frauen werden von Maja Unger, Soi Schüssler und Maresi Riegner verkörpert. Filmstart am 1. Oktober.
Sicheritz ist Jahrgang 1958 und hat seinem Protagonisten 41 Jahre Zeitzeugenschaft voraus. „Kreisky war es, der bei mir überhaupt erst ein Gefühl für politische Wirkung im Alltag erweckt hat.“ 1970 schlug Kreisky den ÖVP-Kanzler Josef Klaus und wagte die Minderheitsregierung. „Als ich nach den Ferien ans Gymnasium zurückkehrte, waren die alten Nazis aus dem Lehrkörper weg. In der Direktion saß ein SPÖ-naher Mathematikprofessor, der nicht glauben konnte, dass er plötzlich Direktor war.“ Dafür gab es per Erlass ein Schulparlament, keiner wusste, wie das geht.
Sicheritz teilt das Empfinden vieler Altersgenossen. Man rebellierte gegen Kreisky, etwa weil er für das AKW Zwentendorf war. „Aber man schätzte ihn immer für seinen Humanismus, für die positive Gestaltungskraft.“ Nicht zu reden von der Authentizität: Der junge Kreisky lässt sich im Dreiteiler mit genagelten Schuhen von den jungen Sozialisten verspotten – auch der alte war immer er selbst. „Er hat auch als Bundeskanzler mit allen geredet. Auch mit Arbeitern – in Maßanzug und Maßschuhen. Er hat nie versucht, sich zu verstellen oder anzubiedern.“
Im Abspann kann man lesen, was damals verändert wurde, von den Frauenrechten bis zum Gratisschulbuch, der Abschaffung der Studiengebühren und der Einführung des Zivildiensts.
Traurige SPÖ
Und heute? Die SPÖ befinde sich im Tief, diagnostizierte Kreisky, der seinen Nach-Nachfolger Vranitzky als „Banker“ missbilligte, schon 1989. „Ich will nicht einmal sagen, dass sie noch ein neues Hoch erleben wird. Die Großparteien werden über 30, 40 Prozent nicht mehr hinauskommen.“ Der Grund? „Weil wir keine Persönlichkeiten finden.“
Da kann Sicheritz ergänzen. „So ergeht es einer Partei, wenn sie seit Jahren zu Kernthemen keinen klaren Standpunkt hat, zum Beispiel zur Migration.“ Nie hätte Kreisky auch die lähmenden parteiinternen Konflikte geduldet.
Und was sonst ist vom politischen Visionär geblieben? Er hat mit dem ehemaligen SS-Mann Friedrich Peter kooperiert und seinen eigenen Nachfolger Fred Sinowatz zur Koalition mit Norbert Stegers damals noch harmloser, erst durch den parteiinternen Putsch Jörg Haiders radikalisierten FPÖ gezwungen.
Regisseur Harald Sicheritz zum Status quo der SPÖ
Kreisky habe die FPÖ stets taktisch genutzt und sich von ihr bei erster Gelegenheit verabschiedet, sagt Sicheritz. Mit den Koalitionen von Schüssel und Kurz könne man das nicht vergleichen.
Der Film legt eine weitere Schicht frei: Kreisky sitzt mit einem Kommunisten und einem Nazi in U-Haft der Austrofaschisten, alle drei als Illegale. Da rettet er im Reflex dem Nazi den Kopf, indem er eine Geheimbotschaft verschluckt.
Der Nazi aus Neunkirchen hieß Josef Weninger und wurde zum Kriegsverbrecher, Sicheritz besetzte ihn listigerweise mit dem Sympathieträger Thomas Stipsits. Aber als Kreisky später von der SS blutig geprügelt wurde, war es der Nazi, der ihm die Emigration ermöglichte. „Hier herinnen sind wir alle gleich“, zitiert der Kino-Kreisky das Original. Der gemeinsame Feind war die spätere ÖVP.
Kreisky, Palästina und die Antisemiten
Und sonst? Speist sich aus Kreiskys explizit palästinenserfreundlicher Außenpolitik der linke Antisemitismus von heute? War er das, was man einen jüdischen Antisemiten nennt? Kreisky sei Antizionist, nicht Antisemit gewesen, entgegnet Sicheritz. „Unser Platz ist dort, wo wir seit Jahrhunderten leben, was soll ich in der Wüste“, widerspricht der Film-Kreisky seinem Bruder. „Tatsächlich war Kreisky jener Politiker, der die Palästinenser ernst genommen und Yassir Arafat bis zum Friedensnobelpreis gebracht hat. Für den Antisemitismus der heutigen Linken kann er nichts. Der fußt auf bedauerlichen menschlichen Eigenschaften wie dem polemischen Vergröbern sensibler Faktenlagen. Kreisky wusste einfach, wie wichtig es ist, dass die Leute miteinander reden.“
Und jetzt droht mit einer Mehrheit, die Kreisky einst zur Bildung einer Minderheitsregierung genügte, der Volkskanzler. „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben“, zitiert Harald Sicheritz Brunos Geliebte im Film. „Bis zur Wahl ist noch Zeit, welche die Regierung nützen müsste. Schon deshalb, weil in ganz Europa die banale Bestie Faschismus in ihrer Höhle erwacht, wenn die Leute in ihrem privaten Leben verunsichert sind. Faschismus ist keine Ideologie, sondern eine negative Rhetorik, die den Menschen sagt: ,Es geht euch schlecht, die Regierenden schauen nur auf sich, wirklich fein wird es erst, wenn wir an der Macht sind.‘ Und das Ganze funktioniert – ohne Fakten, ohne Konzepte, nur mit Versprechungen – schon seit über einem Jahrhundert ziemlich gut.“
Wer wollte da nicht in der Armbrustergasse 15 um Rat fragen? Doch dort ist heute, durchaus symbolschwer, bloß ein Archiv.

Steckbrief
Harald Sicheritz
Geboren 1958, wuchs in Wien-Favoriten auf, promovierte in Kommunikationswissenschaft und wurde der erfolgreichste österreichische Filmregisseur seit 1945. „Hinterholz 8“ und „Popitz“ belegen die ewigen Plätze eins und drei, „Muttertag“ und „Vorstadtweiber“ wurden Kult. Sein Bekenntnis: „Mir war von Kindheit an alles Elitistische unsympathisch. Ich werde gern von möglichst vielen Menschen verstanden. Wenn ich an den Gesichtern des Publikums sehe, dass ich sein Interesse habe, ist mir das das Allerliebste. Jedenfalls muss man nicht misanthropisch sein, um einen wertvollen Film machen zu können.“
Nächstens dreht er die bayrische Kinokomödie „Himmel, Herrgott, Hirschgeweih“ mit Heiner Lauterbach. Er lebt mit der Schauspielerin Proschat Madani in Wien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.
