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Spitzentöne: Bachmannpreis in Gefahr

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Heuer hat man das Jubiläum samt Jubeltag der Namengeberin mit Glanz gefeiert. Aber die Zukunft des Bachmannpreises scheint alles andere als sorgenfrei. Eine abstruse Entscheidung über den Vorsitz entvölkert überdies die Jury.

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Vertraut ist vielleicht zu viel gesagt. Aber gehofft habe ich schon auf den in Berlin geborenen, von der Schweiz entsandten Bachmann-Juror Philipp Tingler. Diesen Reich-Ranicki für Besserverdiener (immerhin), der den Verriss mit meist ansprechendem Resultat wieder als literarische Gattung etabliert hat.

Ohne ihn wird es im Klagenfurter Frühsommer 2027 viel weniger amüsant sein als zuletzt. Und dass er sich mit vier Kollegen nicht kommentarlos davonmacht, das hatte ich gehofft. Jetzt ist er im Spiegel deutlich geworden.

Beleidigende Entgleisung

Ich konnte nämlich nicht glauben, was mir im vergangenen Juni vor Ort zugeraunt wurde: dass die deutsche Literaturkritikerin Insa Wilke dem aus eigenem Antrieb retirierenden Jury-Vorsitzenden Klaus Kastberger folgen wird. Sie hatte das Amt schon vor ihm inne und verschwand 2023 kommentarlos nach einer den Berufsstand beleidigenden Entgleisung: Um ihre letztlich siegreiche Kandidatin Valeria Gordeev vor einem Stechen in der letzten Runde zu retten, warf sie die hoch favorisierte Österreicherin Anna Felnhofer mit null Punkten aus dem Direktbewerb.

Deren Mentorin, die Furche-Kritikerin Brigitte Schwens-Harrant, hatte der Gegenkandidatin verdiente drei von fünf Punkten zugestanden. Denn tatsächlich ist Valeria Gordeev eine hervorragende Schriftstellerin und ihr hiemit empfohlenes Debüt „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ zum Deutschen Buchpreis unterwegs

Aber Anna Felnhofers aufwühlenden Roman „Prosopon“ empfehle ich eben noch um eine Spur leidenschaftlicher. Zudem war Wilkes kleinliches Manöver maßgeblich daran beteiligt, dass das früher pulsbeschleunigende Ermittlungsverfahren jetzt „transparenter“, aber auch erheblich fader abläuft.

Eine Rückkehr mit Folgen

Dass nun Insa Wilke nicht nur pardoniert, sondern ohne Wissen der Jury an deren Spitze befördert wurde, habe ich gleich verständnislos kommentiert. Mittlerweile hat sich die Jury so gut wie aufgelöst. Und Tingler hat im Spiegel den Grund bei Wilkes Namen genannt.

Dass sich fünf von sieben verabschieden, ist ein Malheur. Der Germanist Kastberger blieb ein Atout, obwohl er bei Übernahme des Vorsitzes etwas von seiner kauzigen Nonchalance dreingegeben hat. Auch hatte er die Position des Meistermachers an Brigitte Schwens-Harrant abgegeben. Deren Verlust ist der härteste: Im Vorjahr mit der Siegerin Natascha Gangl, heuer mit der ungerechterweise nur zweitplatzierten Kinga Tóth hatte sie Texte von Sprache und Gesinnung durchgesetzt. Das ist der Idealfall, der davor notorisch zugunsten politischen Wohlverhaltens außer Kraft gesetzt wurde – der größte aller Irrwege.

Denn Gesinnung kann der Literatur zwar nicht schaden, ist aber verzichtbar. Goethes Sechszeiler „Über allen Gipfeln ist Ruh“ („Ein gleiches“) transportiert nichts anderes als das Größte, das je in deutscher Sprache geschrieben wurde. Aber gestammelte Literatur ist Müll, gleich, unter welchen Entbehrungen und in welcher Absicht sie entstanden ist.

Dass außer Kastberger, Tingler und Schwens-Harrant auch noch der Schweizer Thomas Strässle und die besonders feinsinnige Deutsche Mara Delius gehen, verschärft die Situation noch.

Die dunkle Zukunft

Vor allem kommt das Getöse zur denkbar ungelegenen Zeit. Im März 2028 wird in Kärnten gewählt, und womit dann zu rechnen ist, kann man sich blau ausmalen. Der Bachmannpreis, finanziert vom ORF, der klammen Stadt und dem Land, stand selbst unter dem satisfaktionsfähigen Landeshauptmann Kaiser mehrfach zur Disposition: Wie das nicht minder unentbehrliche Radiosymphonieorchester war er in Geiselhaft, wenn der veranstaltende ORF mehr Geld benötigte. Das ist derzeit in ungeahntem Ausmaß der Fall.

Inmitten des Drucks auf die zivilisierte Politik und den ORF hat der Bachmannpreis auch noch die profiliertesten Juroren eingebüßt

Schon als der Bewerb anno Corona in die digitale Welt verlegt werden musste, wurde das als budgetschonende Dauervariante ins Spiel gebracht. Damals drohte auch ein blauer ORF-Eindringling den Verantwortlichen mit der Liquidation des gesamten Unternehmens, sollte man darüber nächstens bestimmen. Zuletzt stand mit der verdienstvollen Komplettübertragung des Bewerbs gleich der ganze Sender 3Sat zur Disposition. Der verantwortliche ORF-III-Gründer Peter Schöber hat Schlimmes verhindert, wurde aber folgenschwer abmontiert. Dem neuen Kärntner Landesintendanten sind List, Zähigkeit und Widerstandskraft ohne Ende zu wünschen.

Dann selbst wenn 2028 der schwache SPÖ-Landeshauptmann Fellner im Amt bestätigt werden sollte, sind die Aussichten für den Bewerb bescheiden. Zum Fünfzigjahrjubiläum hat man heuer noch alle Kräfte gebündelt. Jetzt ist man inmitten des Existenzdrucks auf die zivilisierte Politik und den ORF auch noch um die profiliertesten Juroren ärmer.

Die großen Ignorierten

Wobei auch die, und öfter als einmal, die interessantesten, sprachmächtigsten Texte den Opportunitäten politischen Wohlverhaltens geopfert haben.

Darf ich daher Autoren, denen die verdiente Beachtung teils zur Gänze versagt wurde, Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen? Suchen Sie nach Anna Baar, Barbara Zeman, Laura Freudenthaler, Anna Felnhofer, Dana Vowinckel, Tamara Stajner, Verena Gotthardt, Henrik Szanto, Sophie Stein, Laura Laabs, Ulrike Haidacher, Christoph Szalay …

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.

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