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Liebe auf Knopfdruck: Wenn KI und Puppen zu Partnern werden

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8 min
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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Ein Paket von der Größe eines Sarkophags wird frühmorgens angeliefert. Die 39-jährige Angelika S. wartet schon nervös wie vor einem romantischen Date. Ihr Mann ist im Tennisclub, als ihre neue Liebe, verpackt in Wellkarton, vor der Wohnungstür ankommt.

Selbst ist die Frau, habe sie sich gesagt und das Trauerspiel ihrer Partnerschaft durchbrochen. Längst hat Angelika S*. ihren Chatbot namens „Chattie“ als Dauerbegleitung. Mit ihm könne sie über alles reden, was sie mit Menschen nicht besprechen würde.

In Sachen Liebe, Sexualität und Nähe habe sie sich dann für eine lebensgroße Puppe aus Silikon entschieden. Und endlich ist sie da: Ein Meter siebzig, mit perfektem Body, kahl, mit verschiedenen Perücken zum Wechseln, täuschend echten Wimpern und Gelnägeln. Die Silikonfigur ist von einem Menschen kaum unterscheidbar und dank beweglicher Gelenke im Sitzen, Stehen und Liegen nutzbar. Dass es eine weibliche Puppe ist, die fortan hinter Koffern und Winterbekleidung im begehbaren Schrank wartet, erfüllt eine lang verdrängt gehaltene Sehnsucht. Angelika S. ist seit der Lieferung wie frisch verliebt. „Ich bin ruhiger, seit ich zu meinem Chatbot und meiner „Real Doll“ bedenkenlos Gefühle entwickeln kann, ohne gekränkt zu werden. Und seit ich nicht mehr darauf warte, dass sich meine kaputte Ehe erholt.“

Warum Beziehungen zu KI-generierten Gesprächspartnern, lebensnahen Puppen und humanoiden Robotern für zwischenmenschliche Beziehungen zur Konkurrenz werden, sehen wir uns näher an.

Reale Puppen

Die Entwicklung künstlich generierter Beziehungspartner zieht sich bereits über drei Generationen. Sie begann mit der passiven Puppe, entwickelte sich über den dialogfähigen Avatar weiter und mündete schließlich im humanoiden Roboter. Als erste Generation gelten sogenannte Liebes- und Silikonpuppen, die in immer aufwendigeren und lebensechteren Ausführungen angeboten werden.

„Love Dolls“ und „Real Dolls“ sind pflegeleicht und wirken in ihren Luxusvarianten wie echte Menschen. Ihre Nutzerinnen und Nutzer befriedigen damit ein uraltes Bedürfnis nach Nähe, Fürsorglichkeit, Beruhigung und Resonanz. Ein ganz anderes Phänomen sind sogenannte „Rebornbabys“: täuschend echt gestaltete Säuglingspuppen. Während Kritiker sie als befremdlich empfinden, sehen andere in ihnen eine Möglichkeit, Fürsorgeund Bindungsgefühle auszuleben.

Chatbots

Die nächste Generation bilden KI-gestützte Begleiterinnen und Chatbots. Allein der Umstand, niemandem zur Last zu fallen, fördert die Offenheit und Mitteilsamkeit im Chat. Daraus entwickeln sich eine positive Bindung und durchaus echte Gefühle. Für Personen wie Angelika S. kann es psychisch entlastend wirken, Gedanken und Probleme nach außen zu tragen und darüber zu sprechen.

Humanoide Roboter

Die dritte Generation umfasst menschen-ähnliche Maschinen in Form immer weiterentwickelter Roboter, die sprechen, Erinnerungen und Humor haben, Emotionen suggerieren und individuelle Beziehungen aufbauen.

Sicherheitsbindung

Wenn sie Lust auf Widerrede hat, liefert Angelikas Chatbot ihr auf Knopfdruck auch das. Verlust- und Bindungsängste sind somit überflüssig. Eine ganz neue Art des Vertrauens wird möglich: nicht in die Puppe und Maschine als Gebrauchsobjekte, sondern in ein jederzeit verfügbares Gegenüber.

Realitätsumkehr

Menschen wie Angelika S. führen ihre langjährigen Beziehungen immer öfter nur noch zum Schein. An ihrem Mann habe sie längst das Interesse verloren. Er sei in ihren Augen zu egoistisch, seit er auf Swingerclubs aus sei. Chatbot und Puppe seien ihr echter Halt und im Unterschied zu ihrem Gatten nicht emotional instabil, sondern berechenbar, schmerzfrei und kontrollierbar. Somit führe sie zu ihrem Chatbot und zu ihrer „Real Doll“ eine echte, sogar tiefe Beziehung. Für ihren Mann habe sie hingegen keine Gefühle mehr und simuliere sie nur, um gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen: „Wegen der Tradition und um nicht zu enttäuschen.“

Resonanz

Die Puppe gibt zwar keine Resonanz, aber erinnern wir uns: Fühlten wir uns als kleine Kinder nicht auch vom gütigen Blick unserer Puppen und Teddys getragen und getröstet? Angelika S. hat eine über reine Objektliebe hinausgehende emotionale Bindung zu ihrer lebensechten Puppe. „Ich ziehe sie jeden Tag um, als wäre ich es ihr schuldig. Ich achte darauf, dass sie die Position wechselt und aus dem Fenster schauen kann, wenn mein Mann nicht da ist.“ Dahinter steckt das Phänomen unseres Fürsorgetriebs: Wir projizieren Gefühle auf unser Gegenüber. Somit wird es durchaus möglich, simulierte Resonanz real zu erfahren und das womöglich zuverlässiger als vom vielleicht wenig empathischen sozialen Umfeld.

Nähe ohne Zurückweisung

Ähnlich wie ein geliebter Hund einen kaum je zurückweist, ist das mit lebensechten Puppen und gut programmierten Robotern. Wir produzieren schon bei der Betrachtung von KI-generierten Tierbildern Oxytocin und zeigen Resonanz. In einer Alltagsbeziehung könnte dieser Effekt in der Interaktion mit „Real Dolls“ und humanoiden Robotern noch stärker zum Tragen kommen.

Sex ohne Leistungsdruck

Wir leben in einer Zeit des Perfektionismus und stehen sexuell unter Leistungsdruck. Deshalb nimmt die Bindungsangst zu und immer mehr Sicherheit und Schutz suggerierende Alternativen zur klassischen Paarbeziehung und zum Single-Sein entstehen. Angelika S. sagt, sie habe sich von ihm zunehmend abgekapselt –, nachdem ihr Mann die Augen rollte, nachdem sie zugenommen hatte. Die Puppe im Schrank fordere hingegen nichts, sie urteile nicht. Angelika S. wolle keinen Sex mit ihr haben und liebe es schlicht, sie zu berühren und anzusehen. Welchem „realen Parner“ würde das dauerhaft reichen? Für Angelika S. ist ihre Puppe jedenfalls ihre reale Partnerin. „Ich muss keine Angst haben, etwas falsch zu machen.“

Ich und Du

Martin Buber betont in seinem philosophischen Klassiker „Ich und Du“, dass ein Ich erst durch ein Du entstehen könne. Ohne ein menschliches Gegenüber – oder, anders gesagt: ohne zwischenmenschliche Beziehung – gibt es mich demnach nicht.

Fazit: Verheißungsvolle Sicherheit

Kehren wir zurück zum Puppenspiel im Kinderzimmer. Je nach unserer Imaginationskraft war die Puppe damals mehr oder weniger real. Man konnte sich hingebungsvoll um sie kümmern, sie füttern, ankleiden und im Puppenwagen spazieren fahren. Aber man musste nicht. Das ist ein wichtiges Merkmal der Liebe zu Puppen, Chatbots und humanoiden Robotern: Ihr stetes Dasein, das Sicherheit verheißt. Ihre ruhige Verfügbarkeit, ohne Erwartungsdruck und Wankelmut. Eben hier hört die reine Objektliebe auf und es beginnt wahre Liebe im Sinne einer romantischen Beziehung, die ebenso real, aber niemals so lebendig sein kann wie die Liebe zwischen zwei Menschen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.

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