Wenn der Salzburger KP-Vizebürgermeister etwas sagt, ist das nicht dringender Aufmerksamkeit bedürftig. Aber es passt ins Bild, weil es so nah an der blauen Position ist. Die Kunst hat keine Verbündeten mehr.
Darauf habe ich so dringlich gewartet wie auf einen eingewachsenen Zehennagel. Kay-Michael Dankl, „KPÖ-Sprecher und Salzburger Vizebürgermeister“, enthüllt via Umfrage, dass mehr als 50 Prozent der ihm stellvertretend Anbefohlenen „noch nie die Festspiele besucht“ hätten! Dies sei nun zeitnah zu ändern. Das Direktorium hat umfänglich geantwortet, auf Tiefpreiskonvolute im Umfang von 50 Prozent des Gesamtangebots verwiesen, auf Jugendkontingente und die von Siemens bezahlten Übertragungen auf den Kapitelplatz. Nicht zu reden von der ungeheuren, zu Recht gern bemühten Umwegrentabilität.
All das wurde schon so oft geklärt, dass die Wiederholung langweilt. Wenn es nun einen noch zu erhebenden Prozentsatz der Stadtbevölkerung mehr zu Gabalier oder zum Adventsingen treibt als zu Messiaens „Saint Francois d’Assise“, was dann? Die Ignoranten mit vorgehaltener Waffe in der Felsenreitschule zu Paaren treiben? Oder Gabalier per Festspielgesetz als Überraschungs-Act im „Jedermann“ festschreiben?
Auch wüsste ich gern, ob schon 1.021.018 Wiener Stadtbewohner (laut Statistik Austria 50 Prozent des Gesamtbestands) die Staatsoper besucht haben. Und wie viele insgesamt danach Bedarf verspüren.
Wie verfahren wir zudem mit den vergleichsweise bescheidenen 1,7 Millionen, die sich jährlich zum Besuch der 195 Bundesligaspiele überwinden? Mit den bloß 1.186.000 Schülern bei 9,2 Millionen Einwohnern? Den statistisch vernachlässigbaren 10.000 Insassen heimischer Gefängnisse? Wie kommen 9.209.113 dazu, lebenslang keine solche Anstalt von innen begutachtet zu haben?
Klassenkampf für Schulabbrecher
Kurzum steht Dankls Meldung für jene Dumpfkeit im Umgang mit Kunst, die Linke und Rechte eint. Beiderseits geht es um den strategischen Missbrauch der Demoskopie zur Befütterung des Volksneides. In Salzburg bemüht der KP-Vizebürgermeister Klassenkampfrhetorik für Förderkursabbrecher, nicht unähnlich Kickls seinerzeitigem Gepöbel gegen die festspieleigene Inzuchtpartie.
In der blauen Mark artikuliert sie sich gerade mittels Glorifizierung der „Volkskultur“. Gegen die kann zwar kein vernünftiger Mensch Einwände vorbringen (aus den Blaskapellen speist sich der einschlägige philharmonische Nachwuchs). Doch hat das Lederhosenlächelmonster Kunasek zwecks Erlösung des Normalsteiermärkers vom woken Geschmacksdiktat das Fördergremium umgefärbt. Dort amtiert jetzt u. a. der Emissär eines Verlags, den das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsradikal qualifiziert.
Die freien steirischen Kulturinitiativen seither als Abwicklungskandidaten zu bezeichnen, ist nur maßvoll übertrieben.
Die Linke ist wieder in der Pubertät meiner Anfängerjahre eingetroffen. Schnell geht das
Keine Verbündeten, nirgends
Das Verhängnis ist, dass man als Kulturmensch bald auf keine Verbündeten mehr zurückgreifen kann. Nichts wäre mir willkommener als eine gigantische Klatsche für den Salzburger SPÖ-Bürgermeister Auinger. Der schickte im Vollbesitz seiner Kleinstadtschulzenglorie die künstlerische Weltelite mit dem Bescheid „netter Versuch“ heim, als sie sich für den skandalös abgesetzten Festspielintendanten Hinterhäuser erklärte. Dass der Mann eine kulturelle Veranstaltung anders als mit einer korrekt erworbenen Vollpreiskarte in der Hand frequentieren darf, müsste schon prinzipiell unter das Compliance-Regelwerk fallen. Ihn durch Dankl verdrängt zu sehen, hätte mir altem Linken gut gefallen. Aber jetzt?
Sieht es auf der gesamten linken Seite dunkel aus. Babler als Kunstminister, Maßstabsetzern vom Rang Rudolf Scholtens oder Ursula Pasterks folgend? Stünde auch dann ratlos vor dem Ressort, wenn er anderswo nicht so verzweifelt unabkömmlich wäre. Die Grünen, deren kulturpolitische Visionen sich im Nicht-Vollzug des Radetzkymarschs durch „eine Frau“ beim Neujahrskonzert erschöpfen?
Die Linke ist wieder in der Pubertät meiner Anfängerjahre eingetroffen. Damals trötete man, Karajans „Oasch im Goldlawuhr“ auf „Hochkultur“ reimend, gegen Letztgenannte.
Später begriff man, dass Hoch- und Subkultur gegen das allmächtige Sumpertum zusammenhalten müssen. Den diesbezüglichen Triumph markierte die gemeinsame Außeramtesbringung der grünen Kulturstaatssekretärin Lunacek in der Corona-Bedrängnis. Heute? Werden auch im metaphorischen Sinn wieder die Palästinenserschals ausgepackt. Grausam schnell geht die Rückentwicklung, wenn das Geld knapp wird.
Das war die ÖVP
Noch schlimmer steht es um die ÖVP, auf deren Traditionsbewusstsein man in all ihrer konservativen Behäbigkeit vertrauen konnte. Visionäre Schwarze wie Hanns Koren in der Steiermark oder Erwin Pröll in Niederösterreich haben sogar kulturhistorisch relevante Schritte in die Moderne gesetzt.
Mit Sebastian Kurz war das schlagartig zu Ende, sieht man vom weltläufigen, höchst informierten Kunstenthusiasten Schallenberg ab. Der schulterte das Ressort in der 218 Tage dauernden Expertenregierung Bierlein nebenbei und mit mehr Fortune als andere vor und nach ihm. Heute würde man ihn sich als Kunstminister, wenigstens als Festspielpräsidenten wünschen. Leider ist er nicht überredbar, und die Kunst blickt dafür Karoline Edtstadler ins Eisauge.
Und wenn ihr 2028 Marlene Svazek folgt, der Kunasek im Dirndl? Auch schon egal.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2026 erschienen.
