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Alfred Graf: „Ich bin der Sandkiste bis heute nie entwachsen“

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Vom Motiv losgelöst, definiert Alfred Graf Landschaftsmalerei neu. Aus Sediment und Gestein formt er abstrakt-materielle Bildwelten – bildnerische Landkarten, die in ihrer Topografie zum Ergründen entlegener Orte einladen.

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Atelierbesuch bei Alfred Graf

© VGN | Osama Rasheed

R H E I N – geben die in eine dünne, das Molino bedeckende Wachsschicht gekratzten, farblich akzentuierten Versalien Rückschluss auf den Ursprung der Arbeit, die an einer der hohen Wände lehnt. Seit 1992 ist der einstige Schauraum für Kutschen in einem Gründerzeithaus in Rudolfsheim großzügiges Wiener Winter­atelier des Vorarlberger Künstlers Alfred Graf. „Das verwendete Sediment stammt aus Reichenau im Schweizer Kanton Graubünden“, erklärt er die Hauptzutat der Arbeit. Dort, wo die beiden Quellflüsse aufeinandertreffen und sich zum Rhein formieren, hat er vor einigen Jahren Sand aus dem Flussbett entnommen und später für eine ganze Werkserie verwendet.

Nicht immer ist die Herkunft seiner Arbeiten derart eindeutig: „Diese hier ist aus der Türkei“, lokalisiert er die Wurzeln einer der objekthaften Schichtungen im Wandregal. „Und das hier müsste Irland sein“, greift er mit fragendem Unterton nach dem benachbarten Kleinformat. Die Inschrift auf der Rückseite der Schichtung aus Sediment und Wachs bestätigt seine Vermutung. „Genau“, pflichtet er sich bei, als seine Finger sanft die reliefartige Schichtstruktur des Wandobjekts ergründen. Ob man es anfassen dürfe? „Unbedingt“, streckt er das Stück entgegen. „Das haptische Erleben erweitert die Wahrnehmung und erschließt zusätzliche Informationen.“

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Grafs verwendetes Bodenmaterial – wie Gestein, Sediment und Erde – trägt individuelle Informationen und formt bildnerische Landkarten: eine Sedimentsäule aus dem Vorderrhein.

Dort, wo das Wachs – am Übergang der Schichten – dem Gestein Stabilität verleiht, wird die sonst glatte, feste Wachsoberfläche zunehmend rauer. In Anbetracht der horrenden Außentemperaturen von knappen 40 Grad stellt sich an diesem heißen Augusttag einmal mehr die Frage nach der Haltbarkeit seiner Arbeiten. „Die ältesten byzantinischen Ikonen aus dem Kloster Sinai stammen aus dem 6. Jahrhundert nach Christus“, holt Graf vorbereitet aus. Und erklärt, wie er es schon zig Male zuvor tat: „Das Pigment der Enkaustik-Malerei ist dabei in Wachs gebunden – die Ikonen sind bis heute erhalten und werden, mit ein wenig Sorgfalt, wohl auch die nächsten 1.500 Jahre überstehen.“ Das generalisierte Problem sei indes ein weit größeres: „Bei meinen Objekten verhält es sich wie bei unserem Ökosystem – wird es zu heiß, kollabieren sie.“

Von surrealen Anfängen

Eine menschgemachte Bedrohung, die Graf seit Jahren beobachtet: „Durch meine Arbeit habe ich sehr früh begonnen, das, worauf wir leben und was wir haben, wertzuschätzen.“ Der Wandel zum Negativen sei Zeichen dafür, dass wir nicht im Einklang mit dem leben, was uns zur Verfügung steht. „Der materialistische Blick sorgt für eine komprimierte Wahrnehmung, die oftmals ein kompensatorisches Leben im Überfluss nach sich zieht – einen Überfluss, den unsere Erde nicht geben kann.“

Doch gehen wir zunächst einen Schritt zurück: In Feldkirch in Vorarlberg geboren, reicht Grafs Naturbezug ebenso weit zurück wie seine Begeisterung für die Kunst. Früh entdeckt er die mit Talent einhergehende Passion für Malerei. An Intention gewinnt die künstlerische Auseinandersetzung, als er nach absolvierter HTL für Hochbau bei einem Statiker arbeitet: „Ich habe damals nach einem Ausgleich gesucht“, erinnert er sich an den Moment, als der Wunsch nach einem Leben mit und für die Kunst Konkretes annimmt. Der Entschluss, sich an der Akademie in Wien zu bewerben, war somit schnell gefasst. „Obwohl man mir damals in einem Vorgespräch prognostizierte, dass ich unter den 250 Bewerbern bestenfalls den 170. Platz belegen würde, wurde ich letzten Endes doch auf Anhieb genommen.“

Seine durch eine Ausstellung – die der Dalí-Fan als Schüler besuchte – ausgelöste Begeisterung für den Phantastischen Realismus und seine daraus resultierenden, surrealen Arbeiten ebnen Graf den Weg in die Meisterklasse Rudolf Hausners. Dort wird es vor allem dessen intensive Auseinandersetzung mit psychologischen Strukturen und Psychoanalyse, die Graf begeistern soll. Seine Malerei wird zunehmend zur Reflexion persönlicher, psychologischer Konflikte und hilft ihm, familiäre Schicksalsschläge zu verarbeiten.

Angetrieben durch psychedelische Musik rückt im Rausch der Farben das Konkrete zusehends in den Hintergrund – Graf löst sich vom Surrealismus. Eine Entfernung, die seine Entfernung aus der Klasse Hausners zur Folge hat: „Unter der Voraussetzung, nicht mehr im Unterricht aufzutauchen, um die Erstsemestrigen nicht zu verderben, durfte ich aber doch noch diplomieren.“ Graf kam die bedingte Suspendierung gelegen – als Jungvater verbringt er die freie Zeit auf Spielplätzen. Als er mit seinem damals dreijährigen Sohn erste Malversuche startet, ist er überwältigt: Der kindlich-naive Zugang inspiriert ihn und treibt seine Abstraktion weiter voran.

Landschaftsmalerei neu definiert

Später arbeitet Graf im Zuge seines Zivildiensts mit autistischen Menschen. „Das hat mich wahnsinnig fasziniert und nachhaltig geprägt“, sinniert er. Erlebtes verarbeitet er damals in Kohlezeichnungen. Die Farbe verschwindet dabei zur Gänze aus seinen Kompositionen. Ein wegweisender Augenblick im Œuvre: „Kohle – abhängig von ihrer Beschaffenheit – hat eine immense Materialität. Ich habe damals mit verkohlten Ästen gezeichnet“, erinnert er sich an seine erste bewusste künstlerische Auseinandersetzung mit Naturmaterialien. Als der Künstler 1990 ein Stipendium der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Glasgow erhält, nimmt seine Genese einmal mehr Fahrt auf: Inspiriert von den wildromantischen Highlands mit ihren schroffen Bergketten, tiefblauen Seen und weiten Mooren, beginnt Graf, sich fortan mit Landschaften zu befassen.

Im Antlitz dieser pittoresken Schönheit bemerkt er, dass die Jahre in Wien – der Entzug der Natur – den Hunger nach Landschaft erneut geweckt haben. Zu deren Darstellung lässt er das klassische Tafelbild hinter sich: Graf löst sich vom Motiv und beginnt, seine Arbeit in die Dreidimensionalität zu überführen. Seine Kunst wird zu einem Oszillieren zwischen körperlichen Wandobjekten und skulpturalen Gebilden. Abseits der realistischen Naturdarstellung geht es ihm in seiner materiellen Abstraktion – einem bildnerischen Forschen und Ergründen – um das topografische Erlebbarmachen seiner Motive. Er zeigt Landschaften, ohne sie zu zeigen und definiert so den Begriff der Landschaftsmalerei neu. Der Rahmen seiner Bilder diene ihm dabei als natürlich Grenze – wie der Blick aus dem Fenster hilft er, die Wahrnehmung zu fokussieren.

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Ein Stipendium in Glasgow weckt 1990 den Hunger nach Landschaft: Heute sucht er nach einer intensiveren Form der Wahrnehmung – es gehe darum, mit der Natur eins zu werden.

Bildnerische Landkarten

Sein Fokus ist dabei stets auf die geologische Beschaffenheit der Böden gerichtet: Gestein, Erde, Sand und Sediment formen, werden zu den Protagonisten seiner Materialobjekte. Woher diese Faszination rührt? „Wir alle leben darauf“, bringt er es kurz und knapp auf den Punkt. „Der Boden ist Quelle unserer Nahrung und damit auch unserer Existenz – ein unterschätztes Gut, auf dem wir zumeist achtlos herumtrampeln.“ Eine verkannte Schönheit, die das Narrativ seiner Bildwelten formt.

Mit seiner Malerei knüpft Graf an alte Traditionen an: „In der Kunst sind Farben wie etwa Siena oder Umbra allgegenwärtig“, so der Künstler. Benannt sind sie nach ihrem landschaftlichen Ursprung. „Das war für mich Auslöser, um zu sagen: Jede Landschaft hat ihre Essenz, ihre Farben.“ Nach ihnen zu suchen, ist für Graf künstlerischer Motor. Kein Bild gleiche dabei dem anderen: „Wissenschaftlich unmöglich“, konkretisiert er. „Jeder Boden gleicht einem Fingerabdruck – die Zusammensetzung ist allerorts eine andere, eine höchst individuelle. Und damit ist es auch die Landschaftsinformation meiner Bilder. Sie lassen stets einen unmittelbaren Rückschluss auf ihren Ursprung zu.“ Grafs „bildnerische Landkarten“ reichen heute in alle Welt. Müsste man seinen künstlerischen Kosmos kartografieren, so reiche dieser von entlegenen Orten in den USA über die schottischen Highlands und Marokko bis nach Israel oder Sri Lanka.

Doch was muss eine Landschaft mit sich bringen, um schließlich zum „Motiv“ zu werden? „Mit manchen Landschaften fühle ich mich sofort vertraut. Sie lösen eine Art Heimatgefühl in mir aus – es treffen vergangene Erinnerungen auf Gegenwärtiges. Andere hingegen bleiben fremd.“ Nach seinen Malmaterialien zu suchen, brauche er dabei nicht: „Das Einzige, was ich suche, ist der unmittelbare Kontakt zur Natur. Die Dinge müssen mich hingegen anspringen – sie sind es, die mich entlang des Weges finden.“ Oftmals vergehen jedoch Stunden in der Natur, bis der Funke plötzlich überspringt: „Ich muss zunächst allen Ballast abschütteln und frei werden, ehe ich beginne, Dinge in ihren Nuancen wahrnehmen zu können.“

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In der Natur gewinnt Graf nicht bloß neue Eindrücke – von Zeit zu Zeit hinterlässt er auch Abdrücke: die vor der Insel Mali Lošinj entstandenen Torsi sind Referenz auf den dort gefundenen Apoxyomenos

 © Patrick Schuster

Wahrgenommen werden vor allem Strukturen im Außen, die mit Grafs inneren Strukturen in Korrespondenz treten. „Daraus entstehen Resonanzen, die dazu animieren, den Erfahrungshorizont zu erweitern – sich etwa im Schlamm zu suhlen oder den Kopf wortwörtlich in den Sand zu stecken, das hat schon etwas. Dieses Einswerden mit der Landschaft führt zu einer intensiveren Form der Wahrnehmung, als wir es etwa mit den Fußsohlen gewohnt sind.“ So kommt es vor, dass Graf in der Natur nicht bloß Eindrücke gewinnt, sondern von Zeit zu Zeit auch Abdrücke hinterlässt. „Dieser am Strand von Mali Lošinj entstandene Torso ist etwa Referenz auf den vor der kroatischen Küste im Meer gefundenen Apoxyomenos“, verweist er auf den an der Wand hängenden Körperabguss.

Spielerische Alchemie

Mehrheitlich entstehen Grafs Arbeiten jedoch im Atelier. Hier im Winteratelier werden in wenigen Monaten die geologischen Sommersouvenirs seiner zahlreichen Naturaufenthalte in einem alchemistischen Schaffensprozess zu Kunst. Das zunächst konzeptuelle He­rangehen helfe dabei, überhaupt erst ins Tun zu kommen. Dann wird geschaut, was geschieht: „Mein Ziel ist es, mich im Prozess völlig zu verlieren und in einer Art tranceartigen Zustand zu finden – vom Täter zum Beobachter zu werden. Es passiert, was passieren will.“ Es geht darum, die Kontrolle zu einem gewissen Grad abzugeben und den Zufall übernehmen zu lassen. „Mich selbst zu überraschen, ist schließlich das Spannendste überhaupt. Das unerwartete Ergebnis ist meist besser, als das geplante.“ Das oberstes Gebot dabei: sich den spielerischen Zugang zu wahren. „Ich bin der Sandkiste bis heute nicht entwachsen“, lässt er demonstrativ groben Sand durch seine Finger rieseln.

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Mit Bienenwachs bindet Graf das Pigment auf Molino oder gießt es zu vielschichtigen Skulpturen.

Ohne ihn vorab zu zerkleinern, findet er später direkten Einzug in seine Arbeiten. „Es entspricht viel eher meiner künstlerischen Absicht, Materialien direkt zu verwenden – so, wie ich sie in der Natur vorfinde. Zum Mörser greife ich äußerst selten.“ Von einem technischen Standpunkt aus betrachtet sieht sich Graf nach wie vor als Maler: „Ich verwende Wachs als Bindemittel, um das Pigment – in dem Fall eben groben Sand – später auf Molino zu binden oder ihn für eine Skulptur direkt in Wachs zu gießen.“

Das Spannende: „Wo immer es geht, bin ich versucht, Bienenwachs aus der Region, aus der auch das verwendete Bodenmaterial stammt, aufzutreiben – weil auch im Wachs individuelle Informationen zusammenfließen.“ Somit ist Grafs Kunst eine Suche nach Informationen. Doch vor allem beabsichtigt er in seinen Landschaften eines zu finden: sich selbst. „Um Elif Shafak zu zitieren: Eine Reise ist erst dann zu Ende, wenn man bei sich selbst angekommen ist.“ Anzukommen beabsichtige er aber nicht: „Ich bin schließlich ganz gern in der Schwebe. Da fällt mir Nietzsche ein: Man muss genügend Chaos in sich tragen, um einen neuen Stern zu gebären.“

KUNSTTIPP

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