ABO

Presley Gerber: Sucht als Suche

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Artikelbild

Presley Gerber

©Zuma Press Wire, Imago

Der Fall Presley Gerber zeigt, warum auch Privilegien nicht vor psychischen Krisen schützen – und weshalb der Weg aus einer Abhängigkeit komplexer ist als der gut gemeinte Rat, einfach aufzuhören.

News auf Google bevorzugen

Presley Gerber starb am 20. September 2026 mit nur 27 Jahren in einer Rehabilitationseinrichtung in Santa Monica in Kalifornien. Das älteste Kind von Topmodel Cindy Crawford und Unternehmer Rande Gerber sprach in seinen „Mental Health Mondays“ auf Instagram offen über Depressionen, Panikattacken, Substanzprobleme sowie die Komplexität psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung – nicht nur theoretisch, sondern auch als unmittelbar Betroffener

Versuch der Gefühlsregulation

Meist beginnt Sucht ziemlich unbemerkt: Als Suche nach Rausch, Erfüllung, Halt, Sinn, Bedeutung, Ruhe, Aktivierung. Der Konsum von Substanzen kann zunächst durchaus positiv und erleichternd wirken. Er kann Menschen vorübergehend psychisch stabilisieren, ihnen Selbstsicherheit vermitteln, Geborgenheit oder Luststeigerung, Entgrenzung, Zugehörigkeit, emotionale Intensität. Und er kann ein folgenschwerer Ersatz für emotionale Selbstregulation werden. Bei Abhängigkeit verschiebt sich zunächst das Motiv, dann auch der Effekt: Der Konsum dient dann dazu, unangenehme innere Zustände zu überlagern.

Negative Verstärkung

Nicht nur das Bedürfnis nach Rauschzuständen führt zu anhaltendem Konsumverhalten, auch die kurzfristige Entlastung von Problemen. Genau darin besteht ein Paradox des Suchtmittelkonsums: Was kurzfristig erleichternd und scheinbar emotional regulierend wirkt, führt langfristig zu einer Suchterkrankung und verschärft die davon überlagerte Krise. Manchmal geht es eben nicht um Euphorie oder Antriebssteigerung, sondern schlichtweg um Betäubung. Vorübergehende Erleichterung von der inneren Leere, von Hoffnungslosigkeit, Angst und Ohnmacht. Die Suchtpsychologie bezeichnet dieses Phänomen als „negative Verstärkung“.

Ambivalenz vor Therapiebeginn

Besonders deutlich kann die innere Ambivalenz bei Betroffenen in Übergangssituationen auftreten: Etwa vor einer geplanten Entgiftung oder Rehabilitation kann der Wunsch, suchtfrei zu werden, mit „Craving“, also einem starken Verlangen nach der Substanz und dem Impuls zu weiterem Konsum parallel laufen.

„Letztes High“

Ein „letztes High“ vor der großen Veränderung, die von Betroffenen auch als „drohender Verlust“ erlebt wird, ist möglich. Ich erlebe selbst immer wieder, dass suchterkrankte Menschen vor Behandlungsbeginn dieses letzte Mal „in die Vollen gehen“. Dem können Angst vor Bevormundung, eine hohe Ambivalenz oder ein schon automatisiertes Konsumverhalten zugrunde liegen. Gerade dann, wenn Veränderung „droht“.

Das macht plausibler, warum der gut gemeinte Rat: „Dann lass es doch einfach und hör auf!“ an der Komplexität von Suchterkrankungen vorbeigeht. Personen wollen aufhören, sind aber im Sog des Konsumverhaltens. Gerade die trotz negativer Konsequenzen fortgesetzte Einnahme und der Verlust der Selbstkontrolle sind Merkmale einer – in diagnostischen Klassifikationssystemen so genannten – Substanzgebrauchsstörung.

Identitätsentwicklung

Bei jungen Menschen kommt eine zentrale Entwicklungsaufgabe hinzu: Selbstwert, Selbstbewusstsein und Identität aufzubauen. Die ontologischen Fragen sind: Wer bin ich? Was trägt mich? Wo gehöre ich hin? Welchen Wert habe ich unabhängig von Leistung und Außenwirkung?

Blurred image background

Rande Gerber, Cindy Crawford und Presley Gerber

 © Zuma Press Wire, Imago

„Nepo-Baby“

Der Fall von Presley Gerber zeigt, dass auch ein so genanntes „Nepo-Baby“, das scheinbar in eine elitäre Welt aus Privilegien, Ruhm und materieller Sicherheit hineingeboren wurde, keineswegs vor psychischen Krisen und Erkrankungen bewahrt ist. Materielle Sicherheit oder gesellschaftlicher Erfolg schützen nicht vor psychischer Erkrankung oder Substanzabhängigkeit.

Komorbidität

Sucht geht oft mit Depressionen, Angststörungen, Traumafolgen oder anderen psychischen Belastungen zusammen. Psychische Belastungen begünstigen häufig die Entwicklung von Substanzgebrauchsstörungen.

Panikattacken

Presley Gerber hatte öffentlich über Depression, Panikattacken, Medikamente und Abhängigkeit gesprochen. Er wollte Betroffene aus der sozialen Isolation holen. Zugleich konnte er sich selbst nicht dabei helfen, konstant suchtfrei zu sein. Die Frage ist nicht: Worin besteht die eine Erklärung, wie eine Suchterkrankung entstand?, sondern: Welche biopsychosozialen Faktoren haben die Erkrankung begünstigt?

Entstigmatisierung

Gerbers „Mental Health Mondays“ hatten eine wichtige Funktion: Er machte damit sichtbar, was gesellschaftlich ausgelagert wird. Scham und Schuldgefühle belasten noch immer viele Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung und können sie davon abhalten, über ihren Konsum zu sprechen oder Hilfe anzunehmen. Abhängigkeit ist keine „Charakterschwäche“, auch kein Nachweis mangelnder Willenskraft, sondern eine behandelbare psychische Erkrankung.

Gerbers öffentlicher Umgang mit seinen psychischen Problemen macht deutlich: Junges Alter, familiäre Unterstützung, gesellschaftlicher Erfolg oder materielle Sicherheit schützen nicht grundsätzlich vor psychischen Erkrankungen.

Sucht als Suche

Der Begriff „Sucht als Suche“ wirft die therapeutische Frage auf: Was wird mit der Suchterkrankung gesucht oder vermieden: Beruhigung? Intensität? Zugehörigkeit? Selbstwert? Harmonie? Gefühlstiefe? Das zeitweise Schwinden von Angst? Welche ungestillten Bedürfnisse und abgewehrten Ängste liegen möglicherweise der Sucht zugrunde?

Es sollte genauer hingeschaut werden, welche Funktion das Konsumverhalten hat und wie der betroffene Mensch andere Wege finden und Ressourcen aktivieren kann, um Gefühle, Selbstzweifel, Ängste und innere Spannungszustände selbst zu regulieren.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER