ABO

Der wohltemperierte Kuss: Wie viel Kontrolle verträgt die Liebe?

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
3 min
Artikelbild

Monika Wogrolly

©Matt Observe

Hartmut fühlt sich nur sicher, wenn er Alice im Griff hat. Er will wissen, was sie fühlt und denkt. Und wirft ihr als Verrat an ihrer Beziehung vor, etwas vor ihm zurückzuhalten. Dieses Kontrollbedürfnis stehe für seine grenzenlose Liebe, sagt er.

News auf Google bevorzugen

Alice erklärt in ihrer Paartherapie, keine Luft zum Atmen zu haben. Einerseits schmeichelt ihr das anscheinend universale Interesse ihres Mannes an ihr. Andererseits bewertet er alles, was sie tut.

Sein neuester Vorwurf, mit dem er Alice fast zur Verzweiflung bringt: Ihre Lippen seien kalt, was er als Hinweis darauf deutet, dass sie emotional nicht bei ihm sei. Wie Rumpelstilzchen zappelnd, steigert er sich immer mehr in das Horrorkonstrukt ihres moralischen Fremdgehmanövers hinein und verlangt von ihr Rede und Antwort.

Nähe bedeutet für Hartmut zugleich Abhängigkeit und Bedrohung

Das war nicht immer so. Alice erinnert sich an ihre Verliebtheit, die spielerisch gewesen sei, allerdings zeigen sich auch da schon beim näheren Hinsehen hohe Kontrollbedürfnisse auf Hartmuts Seite.

Zuerst gefiel es ihm, wenn er ihre Lippen heiß genannt hatte. Was sie als Zeichen nahm, wie verrückt er vor Liebe sei, artet aber nunmehr aus. Er interpretiert ihren beiläufigen Blick zum Nebentisch in einem Restaurant als Desinteresse an ihm, da dort zwei gutaussehende Männer offenbar ihre Aufmerksamkeit mehr fesseln würden.

Und Alice? Weiß nicht, was sie tun soll: Trotz ihrer Gegenwehr manifestiert sich bei ihm der Eindruck permanenter psychologischer Fremdgehversuche; die Temperatur der Lippen beim Küssen sind das Indiz. Was hier passiert, sei kurz aufgeschlüsselt.

Flucht nach vorne

Hartmut leidet unter chronischen Selbstwertzweifeln und Verlustangst. Nähe bedeutet für ihn zugleich Abhängigkeit und Bedrohung. Er versucht, sie abzusichern, indem er die Flucht nach vorne antritt und alles, wovor er sich am meisten fürchtet, vorwegnimmt. So gibt er sich ein Gefühl von Macht und Kontrolle.

Affirmation

Verweigert Alice Hartmut die für ihn dringend notwendige Affirmation, dass alles in Ordnung und sie nach wie vor nur an ihm interessiert sei, glaubt er es nicht, fordert aber immer mehr Bestätigung von außen.

Ohnmachtszirkel

Doch je mehr Alice deeskalieren will und etwa Erklärungen liefert, warum ihre Lippen kühler sind als sonst, dass es ganz und gar nichts mit wollüstigen Gedanken an andere Kerle oder Ekel vor Hartmut zu tun habe, umso mehr verliert sie sich selbst.

Dissoziation

Irgendwann greift bei Menschen wie Alice ein Dissoziationsphänomen Platz. Sie leben wie auf Autopilot. Sie sind ständig damit beschäftigt, den drohenden Kata strophen-Inszenierungen des Partners entgegenzuwirken. Sie verstummen, frieren ein, funktionieren starr, aber fühlen sich dabei nicht oder nur zeitversetzt.

Lösung

Wer sich aus solch toxischen Verstrickungen nicht lösen kann und ständig mit Beruhigungsversuchen beschäftigt ist, ist in einer Dauerschleife aus Erregung und Entspannung. Typischerweise kann so genannter Versöhnungssex der Refrain solch angespannter Beziehungskonstellationen sein. Es gilt, Hartmuts Verlassenheitsangst und sein daraus resultierendes Verhalten bei ihm zu lassen und sich den Schuh nicht anzuziehen, sondern wie Cinderella auf den Richtigen zu warten, der einen nicht für die Schmerzbehandlung alter Kindheitstraumata missbraucht.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.

Kolumnen
Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER