Die Ausstellung „Picasso – Bacon“ markiert einen Höhepunkt im 250. Bestandsjahr der Albertina. Direktor Ralph Gleis über die Einzigartigkeit der Schau, die Sicherheit seines Museums und welche fatalen Auswirkungen der „Kultureuro“ gehabt hätte.
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Eine Gestalt mit devastiertem Antlitz und deformiertem Kopf sitzt mit angezogenen Knien auf einem Sessel. Sie wirkt wie an das Sitzmöbel gefesselt und wendet ihr Haupt von einem Gemälde ab. Das zeigt ein Geschöpf, das aus einem Bild auf sie zuschwebt.
Will sie den Armen und Beinen dieses Geschöpfs ausweichen? Fühlt sie sich davon bedrängt? Dessen Gliedmaßen erinnern an die abstrakten Formen, die auf frühen Arbeiten Pablo Picassos (1881-1973), etwa den „Badenden von Dinard“, zu finden sind. Francis Bacon (1909-1992) hat das Gemälde 1974 geschaffen und schlicht „Sitzende Figur“ benannt.
Picasso: Frauenporträt (Dora Maar), 1940, Museum Berggruen, Neue Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Bacon: Selbstporträt, 1972, Privatsammlung
Das Werk ist eine der mehr als 70 Leihgaben, die in der Albertina ab 17. September in der Ausstellung „Picasso – Bacon. What It Feels Like to Be Human“ zu sehen sind. In dieser Arbeit des britischen Künstlers manifestiert sich der Bann, den die Kunst Picassos auf Bacon zeit seines Lebens ausgeübt hat. Mit Bacon beginnt auch die Ausstellung, die einen Höhepunkt im 250. Jahr des Bestehens der Albertina markiert.
Wer Kultur stärken will, darf den Zugang zu ihr nicht erschweren. Das kann nicht das Ziel einer Kulturstadt wie Wien sein
Kein Bacon ohne Picasso
„Den Künstler Bacon gäbe es ohne Picasso nicht“, erklärt Direktor Ralph Gleis, der das NEWS-Team durch den Aufbau der Ausstellung führt. Kurator Michael Peppiatt, der über die Jahrzehnte Bacons Schaffens dokumentierte, erinnert im Katalog zur Ausstellung an ein Treffen mit dem Künstler 1973 in Paris. „Völlig unerwartet blickte Francis Bacon mich plötzlich mit seinen forschenden, weit aufgerissenen Augen an und sagte: ,Es führt kein Weg daran vorbei, weißt du. Ich habe Picasso stets im Hinterkopf.‘“
Picasso: Ballspielerinnen, 1928, Moderna Museet, Stockholm. Donation 2014 from the estate of Elisabeth „Peggy“ Bonnier
Bacon: Figurenstudie („Furie“), um 1944, Privatsammlung
Das kam so: Bacon, als Sohn englischer Eltern 1909 in Dublin geboren, floh vor der Gewalt des Vaters im Teenageralter erst nach London, dann nach Berlin und 1927 nach Paris. Als er dort in der Galerie Paul Rosenberg zum ersten Mal auf Arbeiten eines Spaniers namens Picasso traf, wusste er, dass er selbst Künstler werden müsse. Das dauerte. Er verdingte sich erst als Innenausstatter, bis er Anfang der 1930er-Jahre selbst zu malen begann.
Das Faszinosum Bacon erklärt Gleis durch dessen Entschlossenheit, Souveränität und Energie, die in der Ausstellung auf Picassos unglaubliche Innovationskraft treffen, die der sich bis ins hohe Alter bewahrt habe. „Wenn wir diese Werke einander gegenüberstellen, ist es, als würden sie miteinander ringen. Es entsteht eine Art Kräftemessen.“
Gegen Ende wendet sich das Gespräch der für Kulturbetriebe zusehends weniger erfreulichen Gegenwart zu. Was die Bedrohung durch Kunstdiebe anlangt – im Museum für angewandte Kunst (MAK) wurde im August ein wertvolles Collier geraubt, in Frankreich wurden wenige Tage später vier Renoirs gestohlen –, kann er beruhigen. Über die Jahre seien höchste Sicherheitsstandards etabliert worden, die regelmäßig evaluiert und nachgeschärft werden.
Francis Bacon
Drei Studien der Isabel Rawsthorne, 1967
124,2 × 157,1 cm, Öl auf Leinwand
Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Bacon: Drei Porträtstudien von Isabel Rawsthorne, 1967, Neue Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin.
Bedrohliche budgetäre Lage
Bedrohlicher klingen die Anmerkungen zur finanziellen Lage: Die Basisabgeltung bleibt gleich, „was bedauerlicherweise einer Kürzung gleichkommt, denn die Kosten sind natürlich extrem gestiegen“. Und was meint er zum „Kultureuro“, den die Stadt Wien als zusätzliche Steuer auf Eintrittskarten einheben will?
Gleis: „Der Begriff ‚Kultureuro‘ ist irreführend. Tatsächlich handelt es sich um eine zusätzliche städtische Abgabe auf Kultur, die den Bundesmuseen selbst nicht zugutekommt, sondern den Kulturbesuch für das Publikum verteuert. Wer Kultur stärken will, darf den Zugang zu ihr nicht erschweren. Das kann nicht das Ziel einer Kulturstadt wie Wien sein.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.
