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Spitzentöne: Der Mann hinter Erwin Prölls Kulturwunder

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Niederösterreichs goldene Jahre unter dem Kulturvisionär Erwin Pröll trugen auch einen zweiten Namen: Paul Gessl hat die Angelegenheiten der Kunst mit starker Hand durch große Zeiten geführt. Grafenegg, die Museen für Nitsch, Rainer und Deix bleiben. Er selbst geht Ende August in Pension.

Da geht wieder einer, von dem ich mir gewünscht hätte, dass er bleibt. Nicht ganz so dringend wie von Erwin Pröll, dem (zumindest bis Redaktionsschluss) letzten großen Kulturpolitiker der gleichnamigen Nation. Aber dass Paul Gessl, Geschäftsführer der Niederösterreichischen Kulturwirtschaft GesmbH (vulgo NÖKU), mit 31. August in den Ruhestand tritt: Das freut mich, in respektvoller Unkenntnis der Nachfolgerin, gar nicht.

Gessl war nämlich der kreative Arm des Frontalvisionärs Pröll. Als der Großradlbrunner Sonnenkönig 1992 gekrönt wurde, genügte sich Niederösterreich als Kulturpampa von 18.901 Quadratkilometern Ausdehnung. Zur Rezension der sommers epidemisch ausbrechenden Burg- und Freiluftspiele kommandiert zu werden, empfand ich schon als Anfänger bei der seligen AZ als disziplinäre Maßnahme. Unerlöstes Kleinpersonal der Wiener Großbühnen, zehn von zwölf Monaten ins Fach „Die Pferde sind gesattelt“ verdammt, durfte diese Vollzugsmeldung vier Wochen lang im Sitzen entgegennehmen. Das mag manchen aus Existenzzweifeln gerettet haben. Auch spielen die meisten dieser Sommerunternehmen bis heute als autonome Betriebe.

Ein beispielloses Aufbauwerk

Aber dass da etwas Größeres entstehen müsse, das war dem Landeshauptmann klar. Also ließ er 1999/2000 die NÖKU gründen, ganz sein Werk und doch klugerweise eigenständig in der Hand des gelernten Montaningenieurs Gessl, dessen Spuren nur noch ein Flächenbeben auslöschen könnte. „Mentor, Coach, Begleiter“ porträtiert er sich im Abschiedsgespräch selbst.

Und wie es da losging! 2001 wurde das Karikaturmuseum eröffnet, und die Museumsmeile Krems hatte ihr Allerheiligstes. Der Epochemacher Manfred Deix, für und um den das leuchtturmhafte Gebäude errichtet wurde, hätte heute nichts mehr zu lachen: Statt blauer brächten ihn grüne Cancel-Kretins vor Forentribunale. Aber in Krems funkelt sein Vermächtnis, und vor der Tür entstanden kleine Gnadenorte für große Menschen wie Peter Turrini, Friedrich Cerha und Adolf Frohner, die sich, alle nicht beim Bauernbund sozialisiert, im aufblühenden Kulturland gut aufgehoben wussten. So wie Robert Menasse, Rudolf Scholten, Robert Schindel, Michael Haneke, …

Bewahren ist nicht alles, und Weiterzeppeln wird sich unter der Teuerung bald erledigen

Als Gessl die NÖKU gründete, umfasste sie vier Kulturbetriebe mit 50 Angestellten. Heute betreiben 1.500 Personen 40 Organisationen. Um Wählerfang kann es da zwingend nicht gegangen sein. Mit dem Rainer-Museum in Baden, gar dem Nitsch-Museum in Mistelbach, hätte man tendenziell eher die FPÖ befüttern können.

Aber das Wunder von Grafenegg brachte eine zuvor im Stand des Kartoffelackers mit Schloss verharrende Region zum Blühen. Markus Hinterhäuser, damals eben ernannter Konzertchef der Salzburger Festspiele, pflog mit dem Pianisten Rudolf Buchbinder eine Jahrzehnte überdauernde Abneigung. Als Buchbinder in Salzburg über Nacht nicht mehr willkommen war, stellten ihm Pröll und Gessl 2007 ein Äquivalent mit akustisch unübertrefflicher Freiluft-Arena in die Steppe.

Das Wunder Grafenegg

Buchbinder hat soeben seinen letzten Sommer als Intendant eröffnet. Als er vor einigen Jahren degoutanten Intrigen in der eigenen Administration ausgesetzt war, reagierte Gessl: Der Mobber ist verschwunden, und Buchbinder bleibt unter dem qualifizierten Nachfolger Johannes Neubert nicht nur als Präsident im Zentrum des Geschehens, sondern konnte im Mai auch den nach ihm benannten Konzertsaal eröffnen.

Und all das neun Jahre, nachdem Pröll schändlich aus dem Amt kampagnisiert wurde. Und drei Jahre nach Ausbruch der schwarz-blauen Koalition. Die Proteste tönten laut, vom völkischen Wahlkampfgegröle des kleinen Partners war Schlimmes hochzurechnen. Aber in Kulturbelangen kam es dank Johanna Mikl-Leitner bei Weitem nicht so schlimm wie in der blauen Mark, wo die Alternativszene weggetrötet wird. Oder wie in Salzburg, wo man nach dem schändlichen Umgang mit dem Intendanten Hinterhäuser kaum erwarten kann, dass die Landeshauptfrau 2029 in eine dubiose KI-Firma ihres Erfinders Kurz abgewählt wird. Schlimmer kann es unter blauer Führung nicht werden.

„Weiterzeppeln geht nicht“

Die sicheren Zeiten für die Kultur, sagt Gessl, seien allseits abgelaufen. Bewahren sei unter den obwaltenden Bedingungen nicht mehr alles. Weiterzeppeln, fügt er, kühn im Abgang, hinzu, werde sich unter der Teuerung bald erledigen. Warum könne die Burg nicht ein gemeinsames Ensemble mit den Münchner Kammerspielen betreiben? Brauche jedes Bundesmuseum sein eigenes Depot? So verteidigt er auch die Auflösung des Orchesters der Bühne Baden, die, lang ein erstklassiger Ort der Operette, im Vorjahr halb an die Wiener Musical-Blase ausgeliefert wurde. Aber die Zumutung, die Niederösterreichischen Tonkünstler diesen Lärm erzeugen zu lassen, wurde doch gemildert: Im renommierten Symphonieorchester formiert sich ein Spezialistenensemble.

Die Passiva in der Bilanz? Dass Bad Ischl, nicht St. Pölten, das Kulturhauptstadtjahr ausrichten durfte. Und eine Rüge des Landesrechnungshofs: Gessl habe für die Kultur durch Überförderung zu viel öffentliches Geld angehäuft. „Amateurhaftes Verhalten einer wichtigen demokratischen Institution“, nennt er das und ist in der Tat nicht allein: Schon Claus Peymann, der Salzburger Radikalreformer Gerard Mortier und Helmuth Lohner in seiner Eigenschaft als Josefstadt-Direktor wüteten angesichts der unfreiwilligen Pointen der bilanzbuchhaltenden Kunstdilettanten. So wurde Lohner in einer Finanzkrise empfohlen, den Spielplan auf Zweipersonenstücke im Einheitsbühnenbild niederzudampfen. Die Gesellschaft ist somit erstklassig. Das darf man Gessl in den von uns unverdienten Ruhestand mitgeben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.

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