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Salzburger Festspiele: Ist Barrie Kosky der Richtige?

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Barrie Kosky©FRANZ NEUMAYR

Wenn es etwas wie gellendes Raunen gibt, so betrifft es derzeit den australisch-jüdisch-osteuropäischen Regisseur Barrie Kosky, 59. Nach der Demontage des Erfolgsintendanten Markus Hinterhäuser wird für Salzburg ein hochkünstlerischer, führungserfahrener, weltweit geachteter Nachfolger gesucht. Das NEWS-Interview führt auf interessante Spuren.

Der Name blitzt höchstens in den Diskussionen auf. Aber wer immer auf der Suche nach Salzburgs nächstem Festspielintendanten nicht nur etwas zu entscheiden hat, sondern (keine Selbstverständlichkeit) auch etwas von der Sache versteht: Der entwirft steckbriefartig das Profil des Opern- und Schauspielregisseurs Barrie Kosky, 59. Der Neue müsse im Sprechtheater genauso firm sein wie in der Oper, fordert der einflussreiche Chef der Findungskommission, Bundestheater-Ex-General Christian Kircher. Will man sich da nicht in Dreispartentheatern aus finsterer Provinz versorgen, ist das Angebot minimal.

Das Interimsdirektorium Karin Bergmann und Lukas Crepaz stimmt Kircher zu, mit dem Zusatz, der Neue solle Künstler, kein Manager sein. Also einer wie der skandalös aus dem Amt entfernte Markus Hinterhäuser, den zu ersetzen ans Himmelfahrtskommando reicht. 2028 stehen die Landespolitiker zur Wahl. Versinken dann wegen eines Willkürakts die wohlstandswahrenden Festspiele in der Belanglosigkeit und führt zudem die abermillionenteure Sanierung der Festspielhäuser ins Chaos, wird der Machtwechsel von Schwarz auf Blau zur Realität.

Einen guten, sehr guten Namen brauche man, wird verbreitet, dessen Träger Kosmopolit genug sei, sich mit der großen Welt ebenso wie mit der verhaltenskreativen Salzburger Politik zu verständigen. Auch solle sein Zugang zur Bühne in krisenschwerer Zeit ein prinzipiell freudvoller sein. Er selbst müsse zudem über ausreichend Charme verfügen, um die hermetische Salzburger Gesellschaft auf Haubenniveau einzukochen wie einst der belgische Radikalreformer Gérard Mortier.

Nicht nur dieser Forderung entspricht Kosky auffallend. Biografien wie die seine hat Joseph Roth vor dem eigenen Hintergrund beschrieben. Die Vorfahren: Diaspora-Juden mit Pogrompraxis aus Polen, Ungarn, Belarus und Russland, die in Australien Zuflucht fanden. Dort bildete sich der junge Mann erst im Theater, dann akademisch in Klavier und Musikgeschichte aus. Die jüdische Bühne, die er bis 1997 in Melbourne leitete, gefiel auch dem österreichisch-israelischen Regisseur Airan Berg. Der Peymann-Schüler bewarb sich 2001 um das Wiener Schauspielhaus, in dem Hans Gratzer Geschichte geschrieben hatte.

Kosky bewarb sich mit ihm, und als er 2005 ausschied, war er jemand. 2012 bis 2022 leitete er die Komische Oper Berlin und zog dort unter finanziell angespannten Bedingungen einen generationenübergreifenden Kult hoch. Man bejubelte „Zauberflöte“ und „Moses und Aron“, berauschte sich an der anderswo abmontierten silbernen Operette, zeigte Monteverdi und „West Side Story“. Alles mit 90 Prozent Auslastung und einer Grundstimmung, die als jung und freudvoll bis überdrehend beschrieben wird.

Dem Interview konnten wir also interessiert entgegenblicken und wurden nicht enttäuscht: Trotz versiegelter Lippen beschreibt Kosky seine Ansprüche an die Festspiele, beschwört Frieden mit der Politik und den Mut, nach der Gigantenzeit von Mortier bis Hinterhäuser ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Allerdings ist er als Regisseur bis an den Broadway unterwegs. Aber die Riesenkisten – „Frau ohne Schatten“, der „Ring“ in London – weichen gerade geschmeidigeren Übungen. Und das große, ganzjährig mit 30 Opern bespielte Berliner Haus hat keinen Schaden daran genommen, dass der Chef weltweit und mit Koproduktionsbonus inszeniert hat.

Herr Kosky, geradeheraus: Ist die Intendanz der Salzburger Festspiele eine Option für Sie?

Wie Sie wissen, ist Salzburg die Hauptstadt der Gerüchte. Auch deshalb werden Sie von mir nicht erfahren, ob ich mich beworben habe oder Interesse habe. Da schweige ich wie eine Karmeliterin im Kloster, da werde ich zur jüdischen Nonne. Meine Lippen sind versiegelt. Sicher ist, dass ich als freischaffender Künstler sehr gut ausgelastet bin. Momentan bin ich mit meinen Projekten auf der ganzen Welt beschäftigt.

Was haben Sie denn in den nächsten Jahren vor?

Mit Klaus Mäkelä habe ich gerade die „Frau ohne Schatten“ in Aix-en-Provence gemacht. Mein „Ring“ in London ist fast fertig – die „Götterdämmerung“ unter dem genialen Antonio Pappano beschließt ihn in der kommenden Saison. Dann kommt dort der gesamte „Ring“ zyklisch, aber mit Jakub Hrůša, den ich besonders schätze und mit dem ich auch ein paar weitere Projekte vorhabe. Es folgen ein Pasticcio mit Raphaël Pichon in Amsterdam, etwas in Madrid, Theaterstücke in London und Musicals in New York. Nächstes Jahr ist ja mein Jubiläum, da bin ich 40 Jahre im Beruf. Ich mag es, von Strauss und Wagner zum Broadway zu wechseln, ich kann nie nur ein Genre machen.

Und wie verhält es sich mit Wien?

Mit Bogdan Roščić habe ich eine gute künstlerische Beziehung. Ich mache an der Staatsoper bis zum Ende seiner Intendanz im Jahr 2030 noch ein paar Premieren. Es freut mich, weiterhin in Wien zu arbeiten.

Befinden sich der Theater- und der Opernbetrieb nicht in stürmischem Umbruch? Worauf kann man sich in dieser Zeit denn noch verlassen?

Ich habe in Berlin oft mit Politikern gesprochen und viele Erfahrungen mit anderen Häusern in Europa gemacht. Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen, großer Instabilität und großer Herausforderungen. Das betrifft jedes Symphonieorchester, jedes Stadttheater, jedes Festival, egal, ob Aix-en-Provence, Bayreuth, Salzburg oder ein kleines Kammermusikfestival in der Mitte von Deutschland. Ein Sturm fegt durch die Politik und die Kultur. Man muss deshalb mit diesem Zeitgeist gehen und die richtigen Fragen stellen.

Man braucht die Institutionen der Kunst für die Seele, aber es reicht nicht, zu sagen, wir sind ein tolles Orchester, ein Opernhaus mit Tradition. Wir müssen uns fragen, was könnten wir ändern? Was könnte verbessert werden? Was sind die Herausforderungen? Wir müssen kreativ und konstruktiv Fragen stellen, sonst macht das die Politik für uns. Und wir müssen das Verhältnis zwischen Politik und Kultur neu denken, weil wir es ohne die Politik nicht schaffen. Das europäische System ist zu stark mit Subventionen verbunden. Jetzt erleben wir gerade einen Einbruch des Vertrauens.

Nur hier in Salzburg, wo das Verhältnis zwischen Kunst und Politik extrem angespannt ist?

Nein, überall. Es muss eine neue Zusammenarbeit mit der Politik geben. Seit 40 Jahren arbeite ich mit einem Spektrum von Politikern, in Australien, in Wien, besonders in Berlin in den letzten 20 Jahren, das von Linken bis zur CDU reicht. Ich bin absolut überzeugt: Es gibt immer einen Weg, mit unterschiedlichen Politikern zu kommunizieren, um sich ein gemeinsames Ziel geben. Nämlich die beste Kulturlandschaft aufzubauen, die man sich vorstellen kann.

Aber was macht man mit den Rechten, die in Deutschland sogar in die Spielpläne einzugreifen drohen?

Man muss immer vorbereitet sein. Aber wichtig ist das Jetzt. Was in Salzburg geschah, ist problematisch, aber das ist vorbei. Und jetzt sind Festspiele. Bei „Saint François“ erlebten wir eine Sternstunde, wie man sie von Salzburg erwartet. Aber jetzt muss es einen Moment geben, wo man auf Englisch sagen würde: Let’s turn the page. Schlagen wir eine neue Seite auf! Jetzt ist Karin Bergmann hier, eine großartige Frau mit Erfahrung, sie nimmt die Dinge wunderbar in die Hand. Und wer immer der nächste Leiter der Festspiele ist, muss sich fragen: Was brauchen die Festspiele? Das geht nur Hand in Hand mit der Politik, mit Respekt, Vertrauen und Transparenz.

Und was brauchen die Festspiele?

Man muss immer bedenken, warum sie gegründet wurden. Reinhardt, Hofmannsthal und Strauss haben versucht, nicht nur Festspiele mit unterschiedlichen Kunstformen zu schaffen, sondern wie beim griechischen Fest für Dionysos die Menschen als Gemeinschaft zusammenzubringen. Nur so wird Kunst zu Nahrung für die Seele, und sie haben den Tango zwischen Zeitgenössischem und Tradition geschafft. Die Festspiele müssen die Gegenwart in der Vergangenheit spiegeln und umgekehrt. Sie haben 1920 grandios begonnen, dann kamen die Nazis, dann Karajan und mit ihm der Kult des Narzissmus, der sich auf eine Person gerichtet hat, was aber nicht in der DNA des Festivals war. Dann kam der große Bruch durch Gérard Mortier, und dieses Kapitel ging im Prinzip, mit Unterbrechungen, von Mortier bis Hinterhäuser weiter. Aber jetzt haben wir neue Zeiten, die uns in jeder Hinsicht fordern, und im Fall von Salzburg noch dazu einen großen Umbau. Das bedeutet, man muss, wer auch immer die Festspiele dann leitet, neue Gebäude finden, neue Ideen haben.

Wo gibt es denn die?

Die gibt es hier überall. Ich bin sicher, dass man viele Möglichkeiten findet, auch außerhalb des Festspielbezirks. VKultur muss ja auf unterschiedlichen Ebenen funktionieren. Die Beziehung zwischen den Salzburgern und den Festspielen ist unglaublich wichtig, aber das nächste ist der internationale Ruf. Die Leute erwarten hier das Bestmögliche. Es gibt auf der Welt kein Publikum wie hier, das stundenlang, so konzentriert und in völliger Stille, einer Vorstellung folgt. Die Leute müssen wissen, dass sie hier etwas erleben, das sie in dieser Dichte nirgendwo sonst bekommen. Salzburg ist ein Kulturleuchtturm.

Wer für den Zionismus ist, ist heute ein schlechter Jude. Aber niemand hat das Recht, zu urteilen, was für ein Jude ich bin

Barrie Kosky

Kann ein Künstler als Intendant mehr leisten als ein Manager?

Ich habe für fantastische Intendanten gearbeitet, die keine Künstler sind, denken wir an Klaus Bachler. Aber bei Markus sieht man, wie ein Künstler programmiert. Das ist enorm und bringt eine andere Qualität. Das heißt allerdings nicht, dass eine Variante besser ist als die andere. Sicher ist nur eines: Die Idee, ein Mensch sei für alles allein verantwortlich, ist altmodisch. Theater ist Teamwork, und das in höchstem Maß.

Sie lieben Opernsänger sehr.

Ja, ich liebe Opernsänger:innen und verstehe sie. Es gibt jedoch eine kleine schwarze Liste von Sänger:innen, mit denen ich niemals zusammenarbeiten werde.

Die würden Sie uns aber nicht anvertrauen?

Sie haben es erraten.

Sollen die Salzburger Festspiele wieder Opern in Auftrag geben?

Das ist sehr wichtig. Salzburg hat die Pflicht, neue Stücke zu machen. Da müssen die Festspiele zurück zu ihrer Tradition. Früher gab es oft eine Uraufführung, auch zu Zeiten Karajans. Man muss dabei allerdings das Risiko eingehen, dass manches vielleicht gar nicht zustande kommt.

Über Dirigenten haben wir schon gesprochen, Sie nannten Mäkelä, Hrůša, Pichon, Pappano. Mit wem arbeiten sie sonst gern?

Viele klagen, dass die Zeit der großen Dinosaurier vorbei ist. Aber schauen wir doch, wen wir jetzt haben! Mirga Gražinytė-Tyla, Maxime Pascal, Susanna Mälkki, Emmanuelle Haïm, Wladimir Jurowski, …

Und Teodor Currentzis?

Ist ein Ausnahmekünstler, ich habe mit ihm schon 2016 gearbeitet, als er noch nicht so bekannt war. Wir wurden für den Zürcher „Macbeth“ gemeinsam ausgezeichnet. Es war der beste „Macbeth“, den ich gehört habe.

Gibt es irgendeinen Grund, Currentzis nicht zu beschäftigen?

Ich bin dagegen, in dieser gefährlichen Zeit einen Künstler zu zwingen, sich politisch zu äußern. Teodor hat das Recht, seine Lippen zu versiegeln. Als Jude weiß ich, wie schwer man es in dieser Hinsicht heute hat. Bei allen berechtigten Einwänden gegen Netanjahu muss ich als Künstler nicht Position zum Nahen Osten beziehen, damit andere ihre inszenierte Empörung ausleben können. Da sind wir ganz weit weg von einer legitimen Kritik an Israel.

Das Ausladen von Lahav Shani in Belgien …

… war ein Skandal. Belgien hat sich zu einem bedeutenden Zentrum des Antisemitismus entwickelt. Aber über diese Themen kann man nicht in fünf Minuten sprechen, dabei leben wir in einer Welt, in der man entweder für oder gegen etwas sein muss. Das istganz furchtbar, denn heute ist alles hochkomplex. Man muss immer den Dialog, Respekt und gegenseitiges Verständnis anstreben. Kompromiss und Empathie sind wichtige Werte im Leben.

Ich war und bin ein brennender Gegner des Rechtsextremismus. Aber jetzt habe ich genauso viel Angst vor der linken Seite. Deren Argument, Antizionismus sei nicht Antisemitismus, ist Quatsch. Heute wird jeder Jude gefragt, ob er für oder gegen Zionismus ist. Wer dafür ist, ist ein schlechter Jude. Aber niemand hat das Recht, zu urteilen, was für ein Jude ich bin.

Steckbrief

Barrie Kosky

Geboren am 18. Februar 1967 als Nachkomme jüdisch-osteuropäischer Emigranten in Melbourne, war er dort 1990 bis 1997 künstlerischer Leiter der jüdischen Gilgul Theatre Company. 1996 übernahm er die künstlerische Leitung des Adelaide Festivals. Von 2001 bis 2005 leitete er mit Airan Berg das Wiener Schauspielhaus, von 2012 bis 2022 die Komische Oper in Berlin. Kosky ist einer der gefragtesten Opernregisseure, inszeniert aber ständig auch Theater und bisweilen Musical. Er lebt in Berlin.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.

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