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Spitzentöne: Sie schrieb mit Qualtinger Geschichte des Ungehorsams

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Die großartige Schauspielerin Vera Borek ist gestorben. Sie konnte unendlich viel, wurde aber stets als Ehefrau Helmut Qualtingers verortet. Ihrem Lebensprinzip folgend, handelt dieser Nachruf auch von ihm, der heute von Korrektheitskretins Übles erfahren müsste.

Am 16. September 1986 war das, in einem Einzelzimmer auf der Internen im AKH. Da lag einer der Identitätsstifter der Zweiten Republik im Sterben und wollte es nicht wissen. Helmut Qualtinger war, augenhoch neben Jura Soyfer, der vielleicht größte Kabarettist des einschlägig gesegneten Landes und einer seiner maßgeblichen Schauspieler dazu.

In den Kissen türmte sich der riesige Leib, ruhig und golden wie ein untergehender Sonnenball. Der Körper wehrte sich noch gegen den Gelbsuchtanfall, das letzte Symptom der Leberzirrhose. So habe ich das Interview, das er mir 13 Tage vor seinem Tod gab, auf Anfrage mehrfach beschrieben.

Gehen wollte er nicht, er sprach vom Leben und von Plänen und hinterließ doch auch letzte Worte, die bei Erscheinen von ihrem Adressaten erregt zurückgewiesen wurden: Der Putsch, mit dem sich Jörg Haider gerade an die Spitze der FPÖ gesetzt hatte, sei den Ereignissen vor Hitlers Machtergreifung wie abgepaust.

Die große Vera Borek

Ich erzähle Ihnen das nochmals, weil uns gerade die letzte nahe Augenzeugin dieses langen Sterbens verlassen hat. Vera Borek saß während des Interviews an seinem Bett, richtete ihm die Decke und war die Disziplin in Person, während ihr das Leben ihres Mannes unter den Händen zerrann.

Da ist sie schon wieder, die geläufige Ungerechtigkeit: Da geht eine großartige Schauspielerin und wird im Krankenzimmer ihres vor 40 Jahren verstorbenen Mannes verabschiedet. Aber auch wenn sich das dem Zeitgeist nicht fügt, soll es gesagt sein: Sie stand dem zarten und monomanen Giganten bis zur letzten Minute still zur Seite, und das aus ganzem, liebendem Herzen.

Wie eine Katze pirschte sie sich an die Wahrheiten eines Satzes heran, um tödlich zuzustoßen

Dabei hat sie als Schauspielerin zumindest in den Herzen und Köpfen reiferer Mitbürger ein prächtiges Großformat mit skurrilen Intarsien hinterlassen. Sie gab der großartigen Ära Hans Gratzer im neuen, die österreichische Theateravantgarde definierenden Schauspielhaus Profil. Dem Volkstheater war sie unter den Direktoren Gustav Manker, Paul Blaha, Emmy Werner und Michael Schottenberg eine Ewigkeit verbunden.

Ihre Rhetorik war einzigartig. Wie eine Katze pirschte sie sich an die Wahrheiten eines Satzes heran, um zuletzt tödlich zuzustoßen.

Sie war, auch ihrer unbeirrbar linken Gesinnung verpflichtet, die Idealbesetzung für Brecht, Horváth und Jelinek, mehr als für Schnitzler, den sie ebenfalls spielte.

Und jetzt ziehe ich mir Ihren und meinen Unmut zum zweiten Mal zu, indem ich von der wunderbaren Vera Borek final auf Qualtinger zurückkomme. Stellen Sie sich nur vor, was er sich heute aus der digitalen Trottelliga zuzöge, wenn er einen Abend lang Hitlers „Mein Kampf“ vorläse! Er hat das wieder und wieder unternommen, und keiner hat es missverstanden. Ausgenommen der strategisch firme Jörg Haider, der begegnete dem letzten Gruß des Widersachers mit einem pikierten „ICH hab ja nie ,Mein Kampf‘ gelesen.“

Steckbrief

Vera Borek

geboren
20.09.1940
Geburtsort
Breslau
Todestag
08.08.2026

Vera Borek, geboren am 20. September 1940 in Breslau, lebte als profilierte Bühnenschauspielerin weitgehend in Wien. Sie war mit Helmut Qualtinger bis zu dessen Tod verheiratet. Am 8. August 2026 starb sie in Wien

Fluch dem Eskimo

Oder als Qualtinger 1951 das versammelte Feuilleton samt Fotografen und Kameras zum Empfang des Eskimodichters Kobuk auf den Westbahnhof zitierte. Der gefeierte Polarbewohner hat nie existiert, dem Zug entstieg an seiner Stelle der triumphierende Qualtinger.

Aber auch abgesehen davon, dass damals die bewährte Herkunftsbezeichnung „Eskimo“ noch lang nicht für unstatthaft erklärt war, warum, weil’s wahr ist: Nicht auszudenken, was da heute gewerbliche Postkolonialisten an englisch-kuchllateinischem Pidgin erbrechen würden!

Der nicht minder epochale Cartoonist Manfred Deix wiederum stünde mit seinen Mikrogemächten, vor denen sich gigantische weibliche Abdomina drohend zum Himmel wölben, im Wochentakt vor irgendwelchen „Compliance“-Kommissionen und Selbstkontroll-Organen.

Verantwortlich für das Elend ist die tödliche Infektion der Sprache durch Schwachsinn, die sich mit dem Aufkommen des digitalen Zeitalters um die Jahrtausendwende angebahnt hat. Als sich zuvor die paläolithische Mobiltelefonie zur Serienreife entwickelte, hielt man die Ära des Briefverkehrs für beendet. Alles schnatterte aufeinander ein, sowie der Drang sich regte.

Heute wird man mit generierten Textnachrichten gemaßregelt, wenn man jemanden anzurufen versucht.

Stattdessen wird korrespondiert und damit zynischerweise der Sprache der Garaus gemacht. Indem sich über Foren und soziale Medien jeder Analphabet des geschriebenen Wortes bedient, verkommt die Sprache zum Verständigungsmittel, dem verheerenderweise auferlegt wird, sich jedem Analphabeten zur Verfügung zu halten.

Der Tod der Ironie

Kürzlich las ich eine Elegie auf Texte, die nicht das meinen, was sie sagen. Man nannte das früher Ironie, die aber heute nur noch im Idiotenkürzel „Ironie on“ weiterlebt: Selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass der Absender Ironie herzustellen vermöchte, wäre der Empfänger außerstande, sie zu identifizieren.

Deshalb setzt beim auch akademisch graduierten Analphabeten der Speichelfluss ein, wenn man ihm ein Wort vor die Nase hängt, das er reflexhaft als unstatthaft identifiziert. Dann klingelt es wie beim Pawlow’schen Hund. Ob der Köter daraufhin schnappt oder wässert, legen die Forenregeln fest.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.

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