Am 11. September 2001 waren 19 Männer nicht nur bereit, sondern umfassend darauf vorbereitet, Tausende Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Die sozialpsychologische Forschung zeigt, terroristisches Handeln beruht auf einem äußerst toxischen Konglomerat aus ideologischen Motiven, Gruppenzwang, einem übergeordneten Auftrag und grenzenloser moralischer Enthemmung.
Am 11. September 2026 jähren sich die Anschläge auf New York und Washington zum 25. Mal. Die Identität der Attentäter gilt als längst geklärt. Letztlich bleibt jedoch die Frage für den gesunden Menschenverstand offen, was diese 19 Attentäter dazu bewogen hatte, Tausende Mitmenschen sowie sich selbst gewaltsam zu Tode zu bringen.
Diese Männer waren nicht im herkömmlichen Sinne „ein Haufen Wahnsinniger“. Sie lebten überwiegend unter uns, einige von ihnen unauffällig in Hamburg.
Normalisierung von Gewalt
Am 11. September 2001 entführten die Terroristen kalkuliert vier Passagiermaschinen. Drei Attentäter entstammten der „Hamburger Terrorzelle“. Vier hatten schon lang gezielt für ihren „Einsatz“ Flugunterricht genommen. Die Entführer waren aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und dem Libanon, junge Leute zwischen zwanzig und Anfang dreißig.
Die Anschläge gelten als jahrelang vorbereitetes al-Qaida-Projekt. Geradezu absurd wirkt, dass es offenbar eine hohe Nachfrage für diese tödlichen Einsätze gab: Bewerber für „Suizidoperationen“ wurden gezielt ausgewählt. Die Bereitschaft zum „Märtyrertod“ galt dabei wohl als zentrales Kriterium. Spätestens hier fragt man sich: Wie konnte der natürliche Selbsterhaltungstrieb so verlorengehen, dass der eigene vorzeitige Tod als Pflicht, ja als Ehre oder gar wie eine Art absurder sozialer Aufstieg erlebt wurde? Wie konnte ein fassungslos machender Terrorakt wie ein Projektvorhaben „normalisiert“ werden? 9/11 stellte eine verheerende, dabei hochgradig organisierte „Gruppenoperation“ dar.
Die Forschung zu Suizidterrorismus befasst sich mit der Bedeutung dahinterstehender sozialpsychologischer und kollektiver Prozesse. Das soll nicht dazu dienen, die Taten zu „normalisieren“, sondern zeigt vielmehr, dass extremer Gewalt ein Realitätsverlust nicht zwingend vorangehen muss. Menschen können durchaus planvoll agieren und kognitiv funktionstüchtig sein, aber sich innerhalb eines ideologischen Systems zu Handlungen entschließen, die außerhalb ihres Systems böse, sinnlos und unmenschlich sind.
Gruppentäterschaft
Nach Terroranschlägen erscheint die Erklärung: „psychisch krank“, die Pathologisierung von Attentätern verlockend. Das entlastet die globale Gesellschaft: Ein psychisch gesunder Mensch würde so etwas Schreckliches ja nie im Leben tun. Die sozialpsychologische Forschung trägt diese einfache Definition allerdings nicht mit.
Demnach zeigt sich kein einheitliches Muster, wonach terroristische Taten generell durch schwere psychische Erkrankungen erklärt werden könnten. Bei Einzeltätern kann Psychopathologie eine signifikante Rolle spielen. Bei organisierten Gruppentätern erklärt sie das Geschehen jedoch nicht ausreichend.
Radikalisierungsforschung
Der politische Psychologie-Forscher Fathali Moghaddam erklärt Radikalisierung in einem Stufenmodell: Auf der untersten Ebene seien noch ganz viele Menschen, die Ungerechtigkeit, Demütigung oder politische Ohnmacht erfahren. Je höher eine Person aufsteige, desto eher würden Feindbilder entstehen und Verrohungsphänomene einsetzen. Gewalt erscheine dann zunehmend angemessen und legitim. Ganz oben seien nur noch wenige, für die Töten moralisch gerechtfertigt, ja sogar notwendig erscheine.
Dieses Modell setzt keine pauschale „Terroristenpersönlichkeit“ voraus. Die Frage lautet stattdessen: Durch welche psychologischen und sozialen Prozesse fallen friedvolle Alternativen immer weiter aus dem Handlungsspektrum? Die US-amerikanischen Radikalisierungsforscher Clark McCauley und Sophia Moskalenko beschreiben Radikalisierung vor allem als Ergebnis von Gruppendynamik und Intergruppenkonflikten. Die Verbindung zwischen Einstellung und Handlungen sei dabei extrem schwach: Rund 99 % der radikal überzeugten Menschen werden demnach selbst nie gewalttätig.
Ein Hauptmarker zur Radikalisierung und Tatbereitschaft sind erstaunlicherweise emotionale Faktoren; Gruppendruck, der Wunsch nach Status oder Rache: Gleichgesinnte pushen sich gegenseitig. Und Zweifel erscheinen dann gruppenintern als Vertrauensbruch und Illoyalität. Der ideologisch geschaffene Gegner wird demgegenüber entmenschlicht und verdinglicht - wodurch jede Form von Hemmung sowie Empathie mit den Opfern wegfallen. Eine weitere Folge dieser Gruppendynamik sind der Anspruch auf moralische Privilegien und Sonderrechte. Der Wert individuellen Lebens kann somit gegenüber dem übergeordneten Kollektiv schwinden.
„Wir oder sie“
Extremistische Ideologien fördern dichotome Kategorien. Dann geht es um ein „Entweder-oder-Prinzip“: „Wir oder die anderen, Reinheit oder Verrat, Heroisierung versus Feindbilder-Konstruktion“. Die zutiefst menschliche Ambivalenz wird nicht mehr als naturgegeben akzeptiert, sondern als Schwäche verachtet, die es auszumerzen gilt.
Wenn das Ich im Wir verschwindet
Nicht nur bei den Hamburger Attentätern mag die Gruppenzugehörigkeit zentraler psychologischer Bindungskitt gewesen sein. Vermutlich lebten sie ganz auf das eine gemeinsame Ziel hin, diskutierten miteinander und radikalisierten sich zunehmend im geschlossenen Kollektiv.
Gruppenbildungen und Teams liefern, psychologisch betrachtet, nicht nur ein Gefühl von Halt, Identität, Sinn, Sicherheit und Zugehörigkeit – darüber hinaus eine gemeinsame Wirklichkeitssicht und kollektive Werte. Was von außen betrachtet ja eigentlich nur wahnhaft, absurd, unmenschlich und grausam erscheint, kann innerhalb einer abgeschotteten Gemeinschaft vollkommen normal oder sogar zwingend erforderlich wirken.
Tod als Mittel zum Zweck
Vor diesem Hintergrund ist ein Suizidattentäter psychologisch nicht einem Menschen in einer klassischen suizidalen Krise vergleichbar. Der Tod wird von ihm als Bestandteil einer politischen und symbolischen Handlung nicht nur akzeptiert. Er wird zum integrativen Bestandteil des Auftrags. Individuelle Suizidalität lässt sich bei einzelnen Tätern dabei grundsätzlich nicht ausschließen.
Die Macht der Emotion
Sozialpsychologische Studien zeigen die Macht der Emotion: Dass sich Menschen erstaunlicherweise nicht nur wegen inhaltlicher Missionen radikalen Systemen anschließen, sondern eher aus emotionaler Nähe, Loyalität oder Identifikation mit Vertrauenspersonen, Freunden, Partnern oder Familie.
Klarheit
Der Radikalisierungsexperte Arie Kruglanski beschreibt das menschliche Bedürfnis nach Bedeutung, Würde und Anerkennung: Radikale Bewegungen können genau dann besonders anziehend werden, wenn Menschen sich sozial vergessen, gedemütigt, orientierungslos oder ohnmächtig erleben.
Das Bedürfnis nach einem kognitiven Abschluss bildet die menschliche Sehnsucht nach klaren Positionen ab, sowie den menschlichen Drang, Ambiguitäten zu beseitigen. Kruglanski führt drei zentrale Komponenten an: Ein Bedürfnis nach Bedeutung, ein Narrativ, das Gewalt als berechtigten Weg anbietet, und ein soziales Netzwerk, das diese Erzählweise bestätigt.
Mission
Die Ideologie verwandelt dabei menschliche Ohnmacht in eine geradezu überirdische Mission: Aus einem Einzelnen wird ein „Auserwählter“, aus Zweifeln entsteht Gewissheit, aus dem eigenen Tod wird ein vermeintlich Ruhm und Heil bringender Triumph. Das Versprechen des Märtyrertums ist damit auch eine radikale Umdeutung menschlichen Gräuels in Sinnfindung.
Entmenschlichung
Terroristischer Gewalt kann durch moralische Distanzierung auf fatale Weise herangezüchtet werden. Die Terroropfer werden dabei nicht mehr als individuelle Menschen gesehen, sondern als Teile eines „feindlichen Systems“. Das dazugehörige Wording unterstützt diese Entpersonalisierung: Aus Menschen werden „Gegner“, „Ungläubige“, „Verräter“, eine „Bedrohung“ oder „Störfaktoren“.
Töten erscheint innerhalb des extremistischen Narrativs nicht als Verbrechen, sondern als Verteidigung oder Notwendigkeit. Extremistische Systeme können eine abgeschlossene Gegenmoral erzeugen, innerhalb derer Gewalt gerechtfertigt erscheint.
Dass mehrere Attentäter vom 11. September angeblich gebildet waren und keineswegs aus perspektivlosen Verhältnissen stammten, führt zur Erkenntnis: Radikalisierung korreliert nicht notwendigerweise mit einer Krise oder mangelnder Intelligenz. Die Biografien der Hamburger Gruppe zeigen vielmehr Studierende und junge Männer mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen.
Prozesshafte Radikalisierung
Viele Menschen vertreten extreme Ansichten, ohne Gewalt auszuüben. Andere geraten über Loyalität, Gruppendruck und sukzessive Beteiligung immer tiefer in reale Gewaltbereitschaft hinein. Ein Doppelleben mit Geheimhaltung, Training, gemeinsamen Risiken und Isolation können die Loslösung erheblich erschweren.
Wer frühere Beziehungen und Lebensentwürfe zurückgelassen hat, findet schwerlich woanders Identität und Verwurzelung. Radikalisierung geschieht nicht über Nacht, sondern prozesshaft wie ein struktureller Umbau; kein plötzliches Umschalten einer Person.
Wie kamen sie ins Cockpit?
Auch ein Vierteljahrhundert später ist das Geschehen in den vier Flugzeugen nicht vollständig rekonstruierbar. Die Untersuchungskommission konnte nicht für jede Maschine eindeutig feststellen, wie die Täter ins Cockpit gelangten. Kolportiert wird, dass Box Cutter eingesetzt und Besatzungsmitglieder sowie Passagiere überwältigt wurden. Cockpittüren waren vor 25 Jahren noch nicht so abgesichert wie heute.
Hinzu kam ein psychologisches Sicherheitsdefizit: Flugzeugbesatzungen waren eher auf Entführungen vorbereitet, bei denen Täter Lösegeldforderungen stellen. Das Flugzeug selbst als Waffe einzusetzen, übertraf jede Erwartung.
Fazit: Wo Prävention ansetzen muss
Wir verstehen Terror nicht besser, wenn wir Täter kurzerhand zu Irren erklären. Damit übersehen wir jene sozialpsychologischen Mechanismen, durch die scheinbar psychisch funktionsfähige, sozial unauffällige Menschen moralisch entgrenzt werden können. Radikalisierung und Gewaltbereitschaft kann am ehesten dann entstehen, wenn persönliche Erwartungen und ideologische Visionen auf Größenfantasien, individuelle Frustration, soziale Einsamkeit und eine kollektive Sogwirkung treffen.
Terror-Prävention muss vor dem Hintergrund von 9/11 so früh wie möglich ansetzen: Menschen in allen Lebensphasen Zugehörigkeit ermöglichen, ohne kollektive Feindbild-Konstrukte zu benötigen. Frustration, psychische und soziale Not und Kränkungen ernstnehmen, ohne Gewalt zu rechtfertigen. Freiräume erhalten, in denen angstfrei Fragen, Zweifel und Ambivalenzen möglich bleiben.
Radikalisierung geht mit einem eingeengten Denken einher. 25 Jahre nach 9/11 bleibt nicht nur die Frage zentral, was jene 19 Männer zu Attentätern machte. Die bedrückendste Frage ist, wie Menschen andere Menschen so vollständig aus ihrer moralischen Welt ausschließen konnten, dass ihnen der eigene Tod und der Tod Tausender schließlich als Gewinn erschienen.
Wichtiger Hinweis & Hilfsangebote
Wenn Sie sich in einer Krise befinden oder Suizidgedanken haben, holen Sie sich bitte Hilfe. Sprechen Sie mit Menschen, die Ihnen helfen können. Die folgenden Stellen bieten kostenlose, anonyme und professionelle Beratung rund um die Uhr:
Telefonseelsorge: 142 (Notruf für Erwachsene, gratis aus ganz Österreich)
Rat auf Draht: 147 (Notruf und Beratung speziell für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene)
Männernotruf: 05 76 77 (24 Stunden erreichbar)
Eine detaillierte Übersicht aller Bundesland-Hotlines und Krisendienste bietet die Website des Kriseninterventionszentrums Wien sowie das Gesundheitsportal des Bundesministeriums.
