Männer sind Täter und Opfer von Gewalt. Sie geraten in Krisen, verdrängen Unsicherheiten und stehen vor der Frage, welchen Platz sie in einer sich verändernden Gesellschaft einnehmen. In diesem Spannungsfeld arbeitet die Männerberatung Wien.
Männer sind Täter und Opfer von Gewalt. Sie geraten in Krisen, verdrängen Unsicherheiten und stehen vor der Frage, welchen Platz sie in einer sich verändernden Gesellschaft einnehmen. In diesem Spannungsfeld arbeitet die Männerberatung Wien.
Psychologische, soziale und juristische Hilfe
Beim Fokussieren auf Männer als Täter geht oft unter, wie sehr Männer selbst von Gewalt betroffen sind, die meistens auch von Männern ausgeht. Das ist extrem schade, weil es viel komplexer ist als das“, sagt Hubert Steger, Klinischer Psychologe und fachlicher Geschäftsführer der Männerberatung Wien, im Interview mit News.
Die Arbeit der Beratungsstelle reicht von Gewaltprävention und Täterarbeit bis zum Opferschutz. Männern wird zu den verschiedensten Themen psychologische, soziale und juristische Hilfe angeboten. Ziel ist es, dass keiner allein durch eine Krise muss und Gewalt durch präventive Maßnahmen verhindert werden kann.
Sexuelle Gewalt
Rund zehn Prozent der momentan erwachsenen Männer sind schon einmal Opfer von sexualisierter Gewalt geworden. Zwei Drittel erfuhren ihren ersten Übergriff bereits vor dem 13. Lebensjahr. Ebenfalls fast weit mehr als die Hälfte der betroffenen Burschen sprechen in ihrer Kindheit und Jugend nicht darüber – auch dann nicht, wenn es grundsätzlich die Möglichkeit dazu gäbe. Viele verdrängen die Erfahrungen über Jahre und greifen in letzter Folge zu Alkohol oder Drogen.
In der Beratung geht es zunächst darum, Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen. Dazu gehört auch, sich mit rechtlichen Fragen auseinanderzusetzen: Ist die Tat bereits verjährt? Besteht die Möglichkeit einer Anzeige? Wie hoch wäre das Strafausmaß oder wie würde ein begleitetes Strafverfahren aussehen? „Es geht darum, die eigene Kontrollierbarkeit wiederherzustellen“, erklärt Steger. „Es motiviert, wenn eine Selbstermächtigung wieder spürbar wird.“
Täterarbeit
Ein weiterer Schwerpunkt der Männerberatung ist die Arbeit mit Männern, die selbst Gewalt ausgeübt haben. Ein Teil kommt aufgrund einer gerichtlichen Weisung, mehr als die Hälfte jedoch freiwillig oder aufgrund einer Fremdmotivation – etwa auf Druck von Partnerinnen, Angehörigen oder anderen Personen aus dem Umfeld.
In offenen Gruppen treffen Männer mit unterschiedlichen Erfahrungen aufeinander. Einige stehen am Anfang des achtmonatigen Programms, andere haben es bereits abgeschlossen. „Gerade diese Männer sind für die Gruppe sehr wichtig, weil die anderen an ihnen sehen können: Da ist jemand, der etwas wirklich Schlimmes getan hat, aber dazu steht. Er kann erzählen, wie es dazu gekommen ist, wie er damals gedacht hat und wie er heute darüber denkt. Und er kann auch berichten, was sich in seinem Leben verändert hat, seit er begonnen hat, an sich und seinem Verhalten zu arbeiten“, meint Steger.
Die konkrete Tat wird in diesem Prozess nicht moralisch oder strafrechtlich bewertet. Entscheidend sind vielmehr Fragen wie: Was waren die Gründe für die Tat? Warum ist diese Situation entstanden, in der ein Mann Gewalt ausgeübt hat, und warum gerade in dieser Form? „Ein wichtiger Punkt ist, die eigenen Warnsignale zu erkennen: Wann merke ich bei mir selbst, dass es in Richtung Eskalation driftet? Die Tat wird verurteilt – im Sinne von: Das war nicht richtig. Gleichzeitig versuchen wir, den Menschen dahinter zu sehen“, sagt Steger.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Der Diskurs über Männlichkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Traditionelle Rollenbilder verlieren an Selbstverständlichkeit, Fürsorge und Gleichberechtigung gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig erleben alte Vorstellungen von Männlichkeit eine Renaissance: Einer internationalen IpsosUmfrage zum Weltfrauentag 2026 zufolge sind 31 Prozent der Männer unter 26 der Meinung, eine Ehefrau müsse ihrem Mann immer gehorchen. Bei den Boomern liegt dieser Anteil nur bei 13 Prozent.
Für Hubert Steger ist diese Entwicklung ernüchternd: „Ich denke, dass dieser Trend mit der Suche nach Orientierung, Klarheit und Sicherheit erklärbar ist. Diese Rollenbilder geben vor, wie man über die Welt, Beziehungen oder die Relationen von Männern zu Frauen denkt, und das gibt einem natürlich total Orientierung.“
Die Manosphäre
Männlichkeit wird heutzutage, wie so vieles, vermehrt auf den sozialen Netzwerken verhandelt. Die sogenannte Manosphäre ist eine Online-Community, die ein rückschrittliches Männerbild propagiert und beispielsweise über Podcast, Videos oder Livestreams misogyne Ansichten und rückschrittliche Vorstellungen, was es heißt, ein „richtiger“ Mann zu sein, verbreitet.
Dabei sei es wichtig, junge Männer nicht pauschal als Problemgruppe zu betrachten, betont Männlichkeitsforscherin Eli Scambor: „Prävention muss Räume schaffen, in denen sie Erfahrungen von Unsicherheit, Zurückweisung und Zugehörigkeit besprechen, digital Männlichkeitsangebote kritisch reflektieren und alternative Formen von Anerkennung erleben können.“
Männerarbeit als Investition
Die Männerberatung kann solche Räume schaffen. Doch selbst wenn Buben, Burschen oder Männer Beratung suchen, gibt es noch immer zu wenige Angebote. Die Männerberatungsstellen sind nämlich nach wie vor prekär finanziert.
„Für mich ist das eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage: Was stellen wir Menschen zur Verfügung, damit sie sich gut entwickeln können und damit sich auch die Gesellschaft gut entwickeln kann? Dafür braucht es mehr Möglichkeiten zur Reflexion und vor allem niederschwellige Beratungsangebote für Männer.“
Männerarbeit setzt an verschiedenen Punkten an. Von Gewaltprävention über Opferschutz bis hin zur kritischen Auseinandersetzung von Männlichkeitsbildern. So kann nicht nur Gewalt verhindert, sondern auch das Alltagsleben für uns alle verbessert werden.
Männerberatung Wien
Lesen Sie hier das Interview mit Hubert Steger 24/7: Tel.Nr.: 0800 400 777
Seit 1985 bietet die Männerberatung Wien Begleitung in schwierigen Lebenslagen – mit einem breiten Angebot, das geschlechter- und männlichkeitsreflektierte Beratung, Begleitung, Psychotherapie und Coaching in unterschiedlichen Formaten umfasst: einzeln, als Familie, in der Gruppe, in Bildungseinrichtungen oder außerschulisch.
Die Männerberatung ist überdies in ein Netzwerk aus sozialen Einrichtungen und Institutionen eingebunden, wie z.B. den Dachverband für Männer-, Burschen- und Väterarbeit Österreich (DMÖ). Die Einrichtung war eine der ersten in Österreich, die systematisch mit gewaltausübenden Männern arbeitete, und dabei den Opferschutz stets im Blick hatte.
Mittlerweile zählt die Männerberatung Wien zu den größten und ältesten Beratungseinrichtungen für Männer im deutschsprachigen Raum. Das Team besteht aus über 50 Mitarbeiter:innen mit vielfältigen kulturellen Hintergründen, Altersgruppen und beruflichen Zugängen – ein gelebtes Beispiel für Diversität und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Kontakt:
Telefon: +43 1 603 28 28
Fax: +43 1 603 28 28 11
E-Mail: info@maenner.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.
