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Der Fall Lindsay Clancy: Mutterliebe bis zum Tod?

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Lindsay Clancy

©APA-Images / AP / Josh Reynolds

Der global für Aufsehen sorgende Mordprozess gegen die 36-jährige Lindsay Clancy ist zu einem gesellschaftlichen Spiegel geworden: Für Überforderung und soziale Einsamkeit von Müttern, Kritik an psychiatrischer Versorgung und postpartale Erkrankungen – aber vor allem für das Bedürfnis nach einem möglichst einfachen Narrativ. Astrid Maierhofer-Deutschmann, Fachärztin für Psychiatrie, ordnet den Fall im News.at-Interview ein.

Lindsay Clancy bestreitet nicht, ihre Kinder, die fünfjährige Cora, den dreijährigen Dawson und den erst acht Monate alten Callen mit elastischen Trainingsbändern stranguliert zu haben. Ihren Aussagen zufolge wollte sie sich am 24. Januar 2023 nach der Tötung ihrer Kinder das Leben nehmen. Sie verletzte sich mit einem Messer und sprang aus einem Fenster im zweiten Stock. Seit diesem Sturz ist sie gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Staatsanwaltschaft von Massachusetts wirft ihr vor, vorsätzlich und planmäßig vorgegangen zu sein.

Solidaritätsbekundungen wechseln sich mit einer Hexenjagd ab. Vom von der ganzen Welt im Stich gelassenen Opfer bis zur eiskalten Psychopathin wird Lindsay jede nur mögliche Rolle zugeschrieben. Sympathie, ja Mitleid wird jener Frau zuteil, die jetzt angesichts akribisch im Prozess präsentierter Obduktionsberichte wimmernd aus dem Gerichtssaal geschoben werden und die mit ihrem Anwalt Kevin Reddington Hand in Hand die Schilderungen verfolgen muss. Die Narrative könnten widersprüchlicher nicht sein.

NEWS-Autorin und Psychotherapeutin Monika D. Wogrolly hat mit Astrid Maierhofer-Deutschmann, unter anderem Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Psychiatrische und Forensische Psychiatrie, über den international beachteten Fall gesprochen.

Gibt es postpartale psychische Erkrankungen, die zu solch einer Tat führen können?

Astrid Maierhofer-Deutschmann: Aus meiner langjährigen Tätigkeit als Psychiaterin und meiner wiederholten Erfahrung mit postpartalen psychischen Erkrankungen kann ich festhalten, dass die Geburt und die erste Zeit danach für eine Mutter eine außergewöhnliche und psychisch besonders herausfordernde Lebensphase darstellen. Bereits die Geburt selbst ist eine körperliche und psychische Ausnahmesituation. Während des Geburtsvorgangs kann die Wahrnehmung der Mutter stark eingeengt sein und sich nahezu vollständig auf das unmittelbare Geschehen konzentrieren. Die Umwelt tritt in diesem Moment vielfach in den Hintergrund.

Diese vorübergehende Einengung der Wahrnehmung ist zunächst eine nachvollziehbare Reaktion auf die enorme körperliche und emotionale Belastung der Geburt und darf nicht mit einer psychischen Erkrankung gleichgesetzt werden. Mit der Geburt verändert sich jedoch die gesamte Lebenssituation der Mutter grundlegend. Sie übernimmt eine weitreichende, als lebenslang empfundene Verantwortung für ein vollständig von ihr abhängiges Kind. Gleichzeitig entsteht eine besonders enge emotionale Bindung zwischen Mutter und Neugeborenem. Diese neue Verantwortung kann, insbesondere wenn weitere Belastungsfaktoren hinzukommen, zu einer erheblichen psychischen Überforderung führen.

Welche psychischen Komplikationen können auftreten?

Viele Mütter erleben in dieser Zeit Ängste, depressive Verstimmungen oder Zwangsgedanken. Bei einer postpartalen Depression können beispielsweise Gefühle von Leere, emotionaler Gefühllosigkeit oder Überforderung auftreten. Manche Mütter erleben sogar das belastende Gefühl, keine ausreichende Beziehung zu ihrem Kind aufbauen zu können. Daraus können intensive Schuldgefühle entstehen - etwa die Überzeugung, keine gute Mutter zu sein oder den Anforderungen der Mutterschaft nicht gerecht zu werden.

Lindsay Clancy klagte über Schlaflosigkeit. Ist das eine häufige Beschwerde bei postpartalen psychischen Erkrankungen?

Ja, genau. Eine weitere erhebliche Belastung stellt die Schlaflosigkeit dar. Gerade ein ausgeprägter und über längere Zeit bestehender Schlafmangel kann die psychische Stabilität erheblich beeinträchtigen und bestehende psychische Symptome verstärken. In schweren Fällen kann die Kombination aus Schlafentzug, Ängsten, Depression, innerer Verzweiflung und anderen Belastungsfaktoren zu einer gefährlichen psychischen Destabilisierung führen.

Die Verteidigung von Lindsay Clancy spricht von einer postpartalen Psychose – was versteht man darunter?

Die postpartale Psychose ist eine seltene, aber schwere psychiatrische Erkrankung. Sie kann mit einem Verlust des Realitätsbezugs, Wahnvorstellungen, Halluzinationen, schwerer Verwirrtheit und einer erheblichen Veränderung des Denkens und Verhaltens einhergehen. In einer solchen Situation kann die betroffene Mutter ihre Umwelt und ihre eigene Situation grundlegend anders wahrnehmen als zuvor.

Besonders gefährlich kann eine psychische Ausnahmesituation dann werden, wenn sich Gefühle von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit miteinander verbinden und die betroffene Mutter zu der Überzeugung gelangt, dass ihr niemand helfen kann oder dass ihre Situation ausweglos ist. Gerade dann ist eine rasche professionelle Einschätzung und Behandlung von entscheidender Bedeutung. Im Fall von Lindsay Clancy erscheint aus psychiatrischer Sicht grundsätzlich denkbar, dass zum Tatzeitpunkt eine schwere postpartale Psychose vorgelegen haben könnte. Eine solche Erkrankung kann den Realitätsbezug erheblich verändern und dazu führen, dass Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen für die betroffene Person eine Bedeutung bekommen, die aus der Perspektive eines psychisch gesunden Menschen kaum nachvollziehbar ist.

Was können wir aus Gesellschaft besser machen?

Aus psychiatrischer Sicht ist enorm wichtig, die Zeit nach der Geburt nicht zu romantisieren, sondern als eine Lebensphase anzuerkennen, in der psychische Erkrankungen entstehen oder sich deutlich verschlechtern können. Frühzeitige Wahrnehmung von Warnzeichen, ausreichende Unterstützung, ernsthafte Abklärung psychischer Symptome und eine verlässliche Entlastung der Mutter können dabei von entscheidender Bedeutung sein.

Eine Mutter kann ihr Kind zutiefst lieben und dennoch aufgrund eines schweren Verlustes des Realitätsbezugs zu einer Handlung gelangen, die objektiv das Gegenteil dessen bewirkt, was sie subjektiv zu erreichen glaubt

Astrid Maierhofer-Deutschmann

Ist der Tod der Kinder vorsätzlich gewesen oder kann es tatsächlich psychotisch motiviert gewesen sein, auch wenn die Strangulationen scheinbar planmäßig im Zeitfenster der Abwesenheit des Ehemannes geschahen?

Aus psychiatrischer Sicht kann eine Handlung äußerlich durchaus zielgerichtet und geplant wirken, ohne dass sie innerpsychisch auf einem rationalen, realitätsgerechten Tatmotiv beruht. Ein Mensch kann einen Entschluss fassen, Vorbereitungen treffen und dennoch aufgrund einer schweren psychotischen Erkrankung in einer grundlegend verzerrten Realität leben.

Auch die Tatsache, dass Lindsay Clancy am betreffenden Tag nach den bisherigen Schilderungen noch vergleichsweise gut gelaunt beziehungsweise unauffällig wirkte, muss einer solchen Annahme nicht widersprechen. Falls tatsächlich eine schwere Psychose vorgelegen haben sollte, könnte die vermeintliche Verbesserung auch damit zusammengehangen haben, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine für sie scheinbar endgültige „Lösung“ ihrer als unerträglich empfundenen Situation gefunden hatte. Ein solcher innerer Entschluss kann bei einem schwer erkrankten Menschen paradoxerweise zu einer vorübergehenden Beruhigung führen.

Eine solche Interpretation bleibt selbstverständlich eine Hypothese und kann nicht allein aus dem äußeren Verhalten abgeleitet werden. Insbesondere kann man daraus nicht sicher schließen, was Lindsay Clancy tatsächlich gedacht oder beabsichtigt hat. Genau diese Frage muss anhand der psychiatrischen Befunde, ihrer Äußerungen, ihres Verhaltens und der übrigen Beweismittel beurteilt werden.

Wie äußern sich schwere postpartale Psychosen?

Bei schweren psychotischen Erkrankungen kann es zudem zu einer besonders tragischen Form der Realitätsverkennung kommen: Die betroffene Mutter kann davon überzeugt sein, dass die Welt für ihre Kinder unerträglich oder gefährlich geworden ist und dass sie sie vor diesem vermeintlichen Leiden „retten“ müsse*. In einer solchen wahnhaft veränderten Realität kann eine Tötung aus Sicht der Erkrankten nicht als Ausdruck von Hass oder Ablehnung des Kindes erlebt werden, sondern paradoxerweise als eine Form des Schutzes oder der vermeintlichen Erlösung.

Das ist unfassbar tragisch und erklärt wohl auch die globale emotionale Anteilnahme am Fall Lindsay Clancy.

Gerade darin liegt die besondere Tragik solcher Fälle: Eine Mutter kann ihr Kind zutiefst lieben und dennoch aufgrund eines schweren Verlustes des Realitätsbezugs zu einer Handlung gelangen, die objektiv das Gegenteil dessen bewirkt, was sie subjektiv zu erreichen glaubt. Das bedeutet keinesfalls, eine solche Tat zu entschuldigen oder ihre Folgen zu relativieren. Es bedeutet vielmehr, zwischen der objektiven Handlung und dem psychischen Erleben und der Realitätswahrnehmung der handelnden Person zu unterscheiden. Für die psychiatrische und letztlich auch forensische Beurteilung ist genau diese Unterscheidung von zentraler Bedeutung.

Wie lautet die entscheidende Frage?

Im Fall Lindsay Clancy wäre daher eine entscheidende Frage nicht nur, ob die Taten äußerlich vorbereitet oder zielgerichtet wirkten, sondern welche Realität für sie zum Zeitpunkt der Taten bestand und inwieweit sie noch fähig war, die tatsächliche Bedeutung ihres Handelns zu erkennen. Sollte sich eine schwere postpartale Psychose tatsächlich bestätigen, wäre damit eine mögliche Erklärung gegeben, weshalb ein Verhalten, das von außen als unbegreiflich und mörderisch erscheint, aus der subjektiven Erlebniswelt der Erkrankten möglicherweise als vermeintlicher Ausweg oder sogar als „Rettung“ wahrgenommen wurde.

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Steckbrief

Astrid Maierhofer-Deutschmann

Astrid Maierhofer-Deutschmann (59) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin sowie Allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Psychiatrische und Forensische Psychiatrie

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