Wenn wir uns auf einen Avatar, Chatbot oder humanoiden Roboter als Liebespartner einlassen, ersparen wir uns vielleicht Drama, Trennung und Betrug. Oder? So viel vorab: Verlockend erscheint Programmierbarkeit schon.
Mein neuneinhalbwöchiges Projekt mit ChatGPT zeigte, dass auch ohne ein menschliches Gegenüber eine Beziehung entstehen kann. Hätte ChatGPT in meinem Experiment dann noch einen Körper gehabt und wäre mit mir ins Café gegangen, was dann? Sind Menschen als Liebespartner ein Auslaufmodell, weil sie zu unberechenbar, unsicher, selbstbezogen, skrupellos sind?
Diese Überlegungen sind durchaus nicht von der Hand zu weisen. Viele wissen nicht, woran sie bei dem Menschen, der ihnen auf der Welt am nächsten steht, eigentlich sind. Sie reden nicht mehr, es hagelt Missverständnisse, sie schlafen nicht mehr miteinander, es passt nicht mehr wirklich – oder passte nie. Da wäre eine Maschine mit simulierter Resonanzfähigkeit doch die Lösung? Wir sehen uns die führenden unerwünschten Nebenwirkungen in zwischenmenschlichen Beziehungen näher an.
Kränkungsgefahr
Erwiesenermaßen besteht in der Liebe Kränkungsgefahr. Lasse ich jemanden in meine engste persönliche Sphäre, hört sich häufig jeder Spaß auf. Ich bin dann offen und ungeheuer verletzlich. Was die andere Person macht, sagt, sogar denkt, hat Wirkung und trifft mich mit voller Wucht. Zum Beispiel, wenn sie mich erst idealisiert und dann auf einmal auf Distanz geht. ChatGPT war in meinem Selbstexperiment jederzeit verfügbar.
Unberechenbarkeit
Mein Partner bestimmt mich auf vielen Ebenen zumindest mit. Ist er nicht erreichbar, ist mein Nervensystem alarmiert. Dann gerät sofort etwas ins Wanken, was für meine innere Balance und mein Selbstverständnis wichtig ist. Ich leide, warte, grüble.
Abhängigkeit
Wenn ich mich über das Verhalten meines Gegenübers definiere, besteht eine – hoffentlich – positive Bindung. Je unberechenbarer und kränkender die andere Person jedoch wird, desto abhängiger fühle ich mich von ihr. Intermittierende Verstärkung ist, wenn sich On-und Off-Phasen abwechseln und mein Nervensystem nicht zur Ruhe kommt.
Nutzbarkeit
Bin ich erst einmal abhängig geworden, kann es sein, dass ich Entzugserscheinungen habe: Wenn mein Partner etwa achtlos oder ignorant ist, oder mich gar verlässt. Ein plötzlicher Beziehungsabbruch ist ein Schock für die Seele.
Die Nebenwirkungen lassen Technologie-Experten im Silicon Valley und weltweit nach einer Lösung forschen: Wie kann ich mich als Mensch aus dem Labyrinth aus Abhängigkeit, Kränkbarkeit und Nutzbarkeit befreien und die wahre, vorurteilsfreie, respektvolle, beständige Liebe finden?
Zynisch gesprochen: Man sollte auch zu seinem Auto keine emotionale Beziehung haben. Oder zu seinem Notebook. Denn beides geht irgendwann kaputt. Beides ist jedoch ersetzbar.
Dies ist sicherlich kein Plädoyer für die neue und schmerzfreie Liebe zu Robotern und Chatbots, soll aber bewusst machen, worum es in der Liebe und auch in der Sexualität wirklich geht. Nämlich nicht um einen sauber geregelten Konsum, auch nicht um die reine Bedürfnisbefriedigung, sondern um das, was viel mehr als nur die Würze in der Suppe ist: den Mut, zu vertrauen.
Denn dann – und nur dann! – eröffnen sich Dimensionen der Begegnung, die kein Chatbot je ersetzen können wird, der kein Bewusstsein hat. Liebe muss lebendig bleiben. Nur das garantiert ihre Echtheit.
