Simone de Beauvoir betrachtete Alter nicht nur als biologische Gegebenheit, sondern als gesellschaftliche Konstruktion. Bei Frauen scheint der Alterungsprozess deutlich komplexer, widersprüchlicher und weitaus kritischer bewertet zu werden als bei Männern.
Simone de Beauvoir betrachtete Alter nicht nur als biologische Gegebenheit, sondern als gesellschaftliche Konstruktion. Bei Frauen scheint der Alterungsprozess deutlich komplexer, widersprüchlicher und weitaus kritischer bewertet zu werden als bei Männern.
Seminare über Sexualität im Alter eröffne ich mit der Frage: Was ist für Sie Alter? Wann ist ein Mensch alt? Während Frauen in unserer Gesellschaft schon vergleichsweise früh die Zuschreibungen alt und älter zukommt, wird das bei Männern deutlich seltener zu einem Merkmal ihrer Identität. Gerade nach der Menopause schämen sich viele Frauen geradezu, Attraktivität und ein erfülltes Liebesleben für sich zu beanspruchen.
Schamhafte Identität
Sprache prägt Identität und Selbstbewusstsein. Sie schafft Beziehung zum eigenen Körper. Frauen sind oftmals unsicher darüber, wie die eigenen Geschlechtsorgane zu bezeichnen sind. Viele wechseln zwischen Begriffen wie Scheide, Vagina, Scham, Vulva oder sprechen verlegen von: „da unten“.
Die sprachliche Unschärfe ist keine bloße Frage der Anatomie. Sie bildet soziokulturelle Prägungen ab, einen erschwerten Zugang zum eigenen weiblichen Körper. Viele Frauen lassen sich früh gegen das drohende Alter mit Botox und Fillern behandeln. Die Scham steigt häufig mit der Menopause. Fast so, als würden Frauen ihr Recht auf Attraktivität, Sex und Lebensfreude gleichsam mit den Jahren verlieren.
Qualitätsprüfung
In den sozialen Medien liest man unter Bildmaterial von Frauen über 50 Kommentare wie: „This woman really aged well.“ Was wie ein Kompliment klingt, setzt aber voraus, dass Älterwerden eine Prüfung ist, die bestanden oder nicht bestanden werden kann. Diese implizite Benotung trifft Frauen häufiger als Männer.
Oft wird der Vergleich zu einem gut gereiften Wein gezogen, wenn Frauen dezent altern. Weibliche Schönheit im fortgeschrittenen Alter hat zurückhaltend, nicht schrill und provokant zu sein. Ja nicht zu sichtbar, laut, bunt und sexy. Ältere Frauen – das gilt für alle jenseits der Menopause – haben mit sich und der Welt fertig zu sein, vor allem mit ihrer Sexualität. Jedenfalls keinesfalls so polarisierend wie Pop-Ikone Madonna, wohingegen Al Pacino und Mick Jagger unter Beifall über Bühnen fetzen und sich noch mit über 80 fortpfl anzen. Wehe aber, jemand ist weiblich, 30 Jahre jünger als Al Pacino und hat Spaß, Sex oder will sich fortpfl anzen: Skandal und Häme sind der reaktive Tenor gegenüber der „verrückten Alten“.
Das Paradox: Fast niemand erkennt den Jugendbonus alter Männer. Männern wird das sichtbare Altern nicht nur verziehen, es macht sie sogar noch attraktiver. Susan Sontag betonte schon 1972 den „Double Standard of Aging“: Männer gewinnen gesellschaftlich mit dem Alter an Status. Frauen verlieren häufiger an symbolischem Wert. Männliche Vaterschaft im hohen Alter wird gesellschaftlich eher mit Bewunderung und Staunen aufgenommen als mit moralischer Kritik.
Selbstabwertung
Frauen haben folglich spätestens ab der Lebensmitte ihr Liebesleben hinter sich zu lassen und nur noch wie wandelnde sterbliche Hüllen zu sein. Bestenfalls können sie mithilfe plastisch-ästhetischer Chirurgie mildernd eingreifen, mit Weichzeichner die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit abmildern.
Weshalb sonst gifteln viele Frauen über sich selbst, dass Sex für sie ganz und gar nichts mehr sei, und formulieren standardisiert wirkende Schutzbehauptungen wie: „Jetzt bin ich zum Glück in einem Alter, wo ich Sex nicht mehr brauche“, ohne dies als Vermeidungsverhalten und Reaktion auf bestehende, meist verdrängte gesellschaftliche Normen zu erkennen.
Ageismus
Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibt Ageismus als Mix aus soziokulturellen Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung aufgrund des Alters. Diese drei Ebenen werden auf Frauen besonders deutlich übertragen: Stereotype Erwartungen an ältere Frauen, emotionale Abwertung ihrer Sichtbarkeit und aggressive Tabuisierung von Attraktivität, Erotik, Medienpräsenz oder öffentlicher Autorität. Eine ältere Frau wird vielmehr zur Karikatur ihrer selbst verrissen. So geschehen bei Madonnas Auftritt am Time Square, wo man ihr in den sozialen Medien „Windelhosen“ attestierte, sie in die Geriatrie „zu ihrer Betreuerin“ schicken wollte und ihren Dresscode schändlich fand.
Als könne man den Fans den Anblick einer 67-Jährigen im sexy Outfit nicht zumuten, nach dem Motto: Madonna war attraktiv und sexy. Aber wie kann sie ihrer Fangemeinde nur so eine Schande antun und im Alter verkrampft einen auf jugendlich machen! Entsetzt hagelte es Kritik, als fühle man sich von Madonnas Schamlosigkeit nicht bloß verstört, sondern beschämt.
Terror-Management-Theorie
Das Altern bei Frauen kann der Terror-Management-Theorie zufolge gleichsam wie ein gewaltsamer Anschlag auf das individuelle Wohlbefinden wirken und an die eigene Sterblichkeit erinnern. Das löst Abwehr aus, weil dem Fruchtbarkeitsdogma trotzende Frauen offenbar bedrohlich wirken.
Alter wird bei Frauen mit Rückzug und Asexualität verknüpft. Bemühungen der ästhetischen Chirurgie wie nachgeschärfte Kieferpartien, Filler und Implantate müssen nahezu unmerklich eingesetzt werden, um nicht zu Spott und Altershetze beizutragen.
Mythos Libido-Verlust
Fruchtbarkeit wird bei Frauen mit der Bedingung für Liebesfähigkeit und Sex verwechselt. Auf ältere Frauen wird Lustlosigkeit projiziert. Psychologisch können dieser Form von Altersdiskriminierung unbewusste kollektive Emotionen zugrunde liegen: Angst, Ekel und unbewusste Aggression auf die Mutter, die in der Wahrnehmung des Kindes immer schon alt war. Wer wollte sich seine Mutter als sexuelles Wesen vorstellen? Ekelfantasien ergießen sich über Frauen jenseits des Klimakteriums, die als Randgruppe von „Milfs“ oder „Gilfs“, unter dem reduktionistischen Markennamen „Mütter“ oder „Großmütter“, nur noch Zielobjekte bestimmter sexueller Neigungen darstellen.
Mythos Schamlosigkeit
Viele Frauen übernehmen den gesellschaftlichen Blick auf den eigenen Körper. Sie untersagen sich jedwedes Interesse an Sexualität, weil sich das „nicht gehört“ oder „die Zeit vorüber sei“. Oft reden sie sich das als Befreiungsakt ein, tatsächlich läuft dies auf Selbstbetrug und Verzicht hinaus.
Mythos Verfall
Scheidentrockenheit, Schlafstörungen, Hitzewallungen und orthopädische Themen werden als Totschlagargumente gegen Lust und Liebe genutzt. Der Mythos besteht, dass Sex ab einer bestimmten Lebensphase auch physisch schlichtweg nicht mehr gesund sei. Lust ist jedoch keineswegs nur hormonabhängig. Sexualität ist biopsychosozial und somit Ausdruck des Lebens. Das Liebesleben wird von Gesundheit, Partnerschaft, Selbstbild, Kommunikation und der Lebensgeschichte beeinflusst.
Nicht Frauen altern falsch, sondern unser Frauenbild ist veraltet. Irvin D. Yalom meinte, das Bewusstsein der Endlichkeit könne zu mehr Authentizität und Lebendigkeit führen. Daher wäre ein Verzicht auf mehr Echtheit und Lebendigkeit mit zunehmender Lebensweisheit nur unsinnig.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.
