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Philosoph Konrad Paul Liessmann: „Nicht jeder ist für die Universität geeignet“

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Konrad Paul Liessmann

©Ricardo Hergott

Die Universitäten als exklusive Orte der Wissenschaft und der Forschung, bloße Berufsausbildung an die Fachhochschulen – auch das Lehramt! Der Philosoph Konrad Paul Liessmann reagiert auf die Proteste gegen die Kürzung des Wissenschaftsbudgets: Nicht wertvolles Wissensgut wäre einzusparen, sondern unsinnige Rektorengehälter und auf EU-Geheiß überquellende Bürokratie.

Herr Liessmann, ungeachtet arithmetischer Behübschungsanstrengungen verliert die Wissenschaft mittelfristig eine Milliarde. Darf eine österreichische Regierung dieses Budget überhaupt angreifen?

Eine Regierung darf jedes Budget angreifen. Darüber hinaus ist das eine grundsätzliche Frage. Wenn überall gekürzt werden muss, kann man zwar niemanden ausnehmen, man kann aber die Diskussion führen, ob man innerhalb eines Ressorts einen Bereich – die Universitäten – stark kürzen und einen anderen – die Frauenförderung – stark erhöhen soll. Allerdings wäre schwer zu argumentieren, dass man den Frauen etwas wegnehmen könnte, um die Wissenschaft zu stärken. Mit Recht werden mehr Mittel für Gleichstellungsmaßnahmen und Gewaltschutz gefordert.

Die Doppelministerin ließ aber explizit wissen, dass für sie soziale Bereiche gegenüber der Wissenschaft Vorrang hätten.

Da könnte man die prinzipielle Frage stellen, ob unter den Aufgaben des Staates gesellschaftspolitische Visionen tatsächlich einen ähnlichen Stellenwert haben sollen wie wissenschaftspolitische Zielsetzungen. Soll der Staat bestimmte Formen des sozialen Lebens, der Sexualität, des Zusammenlebens aktiv unterstützen und fördern, oder gibt es Bereiche, die er besser den privaten Akteuren überlässt und die daher keiner Förderung bedürfen?

Vielleicht erwarten wir mittlerweile auch zu viel vom Staat, eine Rundumbetreuung, die vielleicht gar nicht wünschenswert ist. Der Staat, so formulierte es Wilhelm von Humboldt, ist für die Sicherheit seiner Bürger zuständig, nicht für ihr Glück. Grundsätzlich habe ich jedoch immer ein Unbehagen, wenn man einen wichtigen Bereich gegen einen anderen ausspielt. Oder möchten Sie, dass die Kultur zugunsten der Wissenschaft gekürzt wird, weil technische Innovationen und Künstliche Intelligenz die Zukunft sind, aber niemand die Oper braucht?

Mitnichten. Allerdings müsste selbst dem größten Rindvieh kommunizierbar sein, in welchem Ausmaß die Oper den Fremdenverkehr befördert.

Das hieße aber, dass wir mit Steuermilliarden nicht die Kultur, sondern den Fremdenverkehr subventionieren sollen? Dann könnte man antworten, wenn den Japanern die Wiener Staatsoper so wichtig ist, könnten sie ja 1.000 Euro pro Karte bezahlen, und wir können die Kultursubventionen zurückfahren. Das aber wollen wir nicht, weil Kultur aus guten Gründen ein öffentliches Anliegen bleiben muss. Doch kommen wir auf die Universitäten zurück. Die haben nämlich in den letzten Jahren eine Entwicklung genommen, die Einsparungen ermöglicht, ohne dass darunter die Qualität der Forschung und der Lehre leiden müsste. Der Finanzminister hat ja nicht grundlos die hohen Rektorengehälter genannt.

Die machen aber doch keine Milliarde aus.

Das nicht, und dieser Hinweis war vielleicht nur symbolischer Natur –, aber er traf einen Sachverhalt. Man kann schon darüber nachdenken, ob das Gehalt eines Rektors das eines Universitätsprofessors um ein Vielfaches übersteigen soll. Früher wurde ein Rektor einfach von der Lehre freigestellt und bekam zum Professorengehalt eine schmale Funktionszulage. Seit dem Universitätsgesetz 2002 (machte Unis zu unabhängigen Einrichtungen, Anm.) verstehen sich die Rektoren als Manager und die Universitäten als Unternehmen – was sie nicht sind – und schütten sich entsprechende Gehälter aus.

Da geht es schon um beträchtliche Summen. Abgesehen davon: Wir mussten mit der Bologna-Reform (vereinheitlicht die Universitätsausbildung EU-weit, Anm.) eine unglaublich kostenintensive Verwaltung und Bürokratie aufziehen. Reflexartig wird gesagt, Sparen bedeute das Streichen von Studienrichtungen und Lehrpersonal. Warum sagt man nicht, dass wir unter dem Spardruck eben unsere PR-, Medien- und Kommunikationsabteilungen verschlanken müssen, die riesengroß geworden sind? Dass wir die Bologna-­Verwaltung und die überbordenden, zum Teil unsinnigen administrativen Vorgaben vereinfachen oder streichen müssen?

Und die hohe Zahl an Privatuniversitäten und Fachhochschulen?

Ich habe mich schon vor 20 Jahren gegen die Wucherung des sogenannten tertiären Bildungssektors ausgesprochen. Plötzlich war man nur noch mit einem akademischen Grad ein Mensch – egal, wie dieser Grad erworben wurde. Die Gründung der Fachhochschulen entsprach dabei einer sinnvollen Überlegung. Konsequenterweise hätte es so sein sollen, dass praxisnahe Kurzstudien, die direkt für den Beruf ausbilden, an Fachhochschulen stattfinden, während sich die Universitäten auf Wissenschaft und Forschung sowie auf die Ausbildung für anspruchsvolle wissenschaftsnahe Berufe konzentrieren.

Hätte man das konsequent durchgezogen, hätten wir heute einige hochkarätige Universitäten, die nicht alle aufnehmen müssten, die irgendetwas studieren wollen. Dass Fachhochschulen nun das Promotionsrecht einfordern, also zu Universitäten werden wollen, widerspräche dieser Logik und verschärfte die prekäre Situation.

Und die Privatuniversitäten?

Davon gibt es unzählige und noch einmal so viele Academys. Einige leisten sicher gute Arbeit, aber man muss sich schon die Frage stellen, ob das Ganze nicht Resultat einer fragwürdigen Grundausrichtung ist: nämlich ­höhere Bildung und Ausbildung mit Akademisierung gleichzusetzen. Wir haben die anderen Möglichkeiten für junge Menschen – z.B. Lehre, Facharbeiterausbildung, berufsbildende höhere Schulen und das Ingenieurwesen – systematisch entwertet. Man muss auch nicht jede menschliche Tätigkeit zu einem Studienfach stilisieren.

Eine Überakademisierung ist aus zwei Gründen problematisch: erstens, weil qualifizierte Fachkräfte fehlen. Und zweitens, weil nicht jeder, der glaubt, eine Universität besuchen zu müssen, dafür auch geeignet ist. Dieses Tabu wird in Österreich nicht diskutiert, aktuell in Deutschland aber sehr heftig. Man schätzt dort, dass in bestimmten Studien­richtungen bis zu zwei Drittel der Studienanfänger weder die Voraussetzungen noch den Enthusiasmus für die Wissenschaft mitbringen.

Ich bin der Auffassung, dass es zur Idee von Bildung gehört, auch die Fundamente seiner Kultur und seines Denkens zu kennen

Konrad Paul Liessmann
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Was ist denn mit den Lehramtsstudien?

Ich war stets der Überzeugung, dass sie an die Universität gehören, da für mich eine wissenschaftliche Grundausbildung notwendig ist, um an einer höheren Schule zu unterrichten. Mittlerweile höre ich, dass es doch vorrangig um Didaktik, Praxiserfahrung, um den Umgang mit Kindern und Jugendlichen gehen müsse, nicht mehr um Wissen und fachliche Bildung. Das mag alles stimmen, aber wenn Lehren nur noch eine Sozialtechnik ist, sollte man tatsächlich die bestehenden pädagogischen Hochschulen erweitern und die Lehramtsstudien von den Universitäten abziehen.

Das ist doch totale Kapitulation vor dem neoliberalen Ausbildungsterror, der zusehends die Bildung ersetzt.

Meine Position ist es ja auch nicht. Mein Vorschlag war, dass erst nach einer fachwissenschaftlichen Ausbildung, die mit dem Bachelor abschließt, eine Wahl zwischen einem anschließenden fachlichen oder einem pädagogischen Masterstudium getroffen wird. Ich konnte mich aber nicht durchsetzen, und wenn sich Lehramtsstudenten der Germanistik darüber beschweren, dass ihnen die Lektüre von „Wilhelm Meister“ unzumutbare Mühe bereitet, weil sie viel lieber mit den Schülern über das Leben als Influencer sprechen würden, dann muss ich das eben akzeptieren.

Dass seit der Zentralmatura der Literaturunterricht zugunsten von Leserbriefen und Meinungsreden marginalisiert wird …

… habe ich lange genug bekämpft. Jetzt sollen andere kämpfen.

Es konnte auch gerade noch das Herunterfahren des Lateinunterrichts verhindert werden. Jetzt wollen juristische Fakultäten das Latinum abschaffen. Gefällt Ihnen das?

Nein, aber es entspricht dem Zeitgeist. Wer glaubt, er müsse Latein um eines schwammigen KI-Fachs willen reduzieren, kann damit argumentieren, dass die Wissenschaftssprache heute Englisch ist – auch wenn die englischen Fachtermini lateinische oder griechische Wurzeln haben. Trotzdem bin ich der Auffassung, dass es zur Idee von Bildung gehört, auch die Fundamente seiner Kultur und seines Denkens zu kennen.

Altgriechisch wurde in den letzten 50 Jahren praktisch marginalisiert. Aber wenn bei irgendwelchen Festwochen die Widerstandsthematik modisch hochgezogen wird, muss doch wieder die gute alte Antigone herhalten. Offensichtlich sind diese Figur und diese Tragödie so paradigmatisch, dass es sich lohnt, sich auch heute noch damit zu befassen. Warum dann nicht gleich ordentlich im Gymnasium?

Wie gefällt Ihnen denn die Aberkennung des goldenen Doktordiploms an den Mathematiker Rudolf Taschner, weil er vor zwölf Jahren den Klimawandel infrage gestellt haben und sich im Parlament über Kolonial- und Gender-Studies lustig gemacht haben soll?

Womöglich hat Taschner dieses Sakrileg begangen, aber ich habe, ehrlich gestanden, nicht gewusst, dass das goldene Doktordiplom nur an jene Jubilare verliehen wird, die den Gesinnungstest des Senats der Universität Wien bestehen.

Fragen Sie sich auch, ob man mit solchen Aktionen nicht dem Volkskanzler in die Hände spielt? Wird er nicht wie Trump argumentieren, dass er bei den Universitäten hineinfahren muss, weil sie reine linke Blasenunternehmen wären?

Womöglich würde er das tun, und mein Mitleid wird sich in Grenzen halten. Wenn nicht die fachliche Qualifikation, sondern die politische Gesinnung für akademische Ehrungen herangezogen wird, ist das extrem gefährlich und kurzsichtig, weil sich die Machtverhältnisse in Demokratien bekanntlich jederzeit ändern können.

Leistungsbereitschaft, Anstrengung, Disziplin und traditionelle Kulturtechniken werden heute geringschätzt

Konrad Paul Liessmann

Und die Präferenz des Bildungsministers für die sechsjährige Volksschule?

Ich bin kein Grundschulpädagoge, aber man könnte zynisch sagen, die sechs Jahre sind notwendig, weil man das, was man früher in vier Jahren gelernt hat, heute in dieser Zeit offenbar nicht mehr lernt. Wenn die Hälfte der Kinder kaum lesen und schreiben kann, aber aufs Gymnasium soll, stimmt etwas nicht. Im österreichischen Bildungsbereich wird die Wahrheit ja immer nur hinter vorgehaltener Hand gesagt, und deshalb raunen mir Gymnasiallehrer zu, dass sie in den ersten beiden Jahren nichts anderes tun können, als das nachzuholen, was an den Volksschulen nicht vermittelt werden konnte.

Ich mache am allerwenigsten die Lehrer dafür verantwortlich. Speziell in Wien mögen die schlechten Resultate auch durch Migration mitbedingt sein, vorrangig trägt jedoch eine vermeintlich moderne Didaktik, die Leistungsbereitschaft, Anstrengung, Disziplin und traditionelle Kulturtechniken geringschätzt, dafür die Verantwortung.

Also sechs Jahre Volksschule?

Das ist ein folgenreicher Ansatz. Wenn wir mehr Zeit brauchen, um Basiskenntnisse zu vermitteln, warum verlängern wir dann nicht auch das Gymnasium? Universitäten klagen, dass die Maturanten die Voraussetzungen nicht mehr mitbringen. In Deutschland gibt es Brückenkurse, damit die Abiturienten überhaupt die erste Vorlesung besuchen können.

Und deshalb sollen begabte Volksschüler zwei Jahre länger zu Analphabeten gesperrt werden?

Das ist das Problem, wenn Kinder mit unterschiedlichem Hintergrund, unterschiedlicher Lerngeschwindigkeit, unterschiedlicher Auffassungsgabe und unterschiedlichen Interessen trotzdem gemeinsam unterrichtet werden müssen. Das ist ein objektives Dilemma, das ich nicht lösen kann. Ich halte jedoch nichts davon, die Begabteren zu isolieren. Sozialer Austausch ist wichtig.

Ich halte aber auch nichts davon, dass sich alle an den Schwächsten orientieren müssen. Es ginge darum, eine pädagogische Linie zu finden, die auf die Schwächsten eingeht, ihnen aber auch etwas abfordert, ohne dass diejenigen, die besser unterwegs sind, in ihren Möglichkeiten beschnitten werden.

© Ricardo Hergott

Steckbrief

Konrad Paul Liessmann

Geboren am 13. April 1953 in Villach, studierte er in Wien Germanistik, Geschichte und Philosophie und habilitierte sich 1989. Seit 2011 bekleidete er den Lehrstuhl für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“, seit 1996 leitet er das Philosophicum in Lech. Auch im Ruhestand ist er einer der einflussreichsten Intellektuellen des Sprachraums. Das aktuelle Dilemma thematisierte er schon vor 20 Jahren in „Theorie der Unbildung“. Kürzlich erschienen: „Was nun? Eine Philosophie der Krise“ (Zsolnay). Liessmann lebt in Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.

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