Am Midterm-Wahltag ist Kamala Harris wieder eine der gefragtesten Stimmen der Demokraten. Warum die frühere Vizepräsidentin auf ein Amt in Kalifornien verzichtet hat und welche Stationen sie bis an den Rand der Präsidentschaft führten.
Am Dienstag, dem 3. November 2026, wählen die USA bei den Midterms das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu, und Kamala Harris gehört zu den prominentesten Wahlkämpferinnen ihrer Partei. Zwei Jahre nach ihrer Niederlage gegen Donald Trump tritt die frühere Vizepräsidentin wieder vor großem Publikum auf, allerdings nicht als Kandidatin. Am Sonntag stand sie im Hollywood Palladium in Los Angeles gemeinsam mit Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom auf der Bühne, um für den demokratischen Gouverneurskandidaten Xavier Becerra zu werben.
Hinter dieser Rolle steckt eine bewusste Entscheidung. Im Juli 2025 verzichtete Harris auf eine Kandidatur als Gouverneurin ihres Heimatstaats, obwohl sie als aussichtsreich galt. Ihre Begründung: Sie wolle vorerst kein gewähltes Amt anstreben, sondern landesweit Demokratinnen und Demokraten zum Sieg verhelfen. Damit hält sie sich die Frage offen, die ihre Partei seit Monaten beschäftigt, nämlich ob sie 2028 noch einmal für das Weiße Haus antritt.
Midterm-Finale: Harris als Zugpferd der Demokraten
Bei der Kundgebung in Los Angeles gab sich Harris kämpferisch. „Das ist der Moment, in dem wir beweisen, wer die wahre Macht hat und wer kämpfen wird“, rief sie dem Publikum zu. „Wenn wir kämpfen, gewinnen wir. Und wir werden gewinnen.“ Dass Harris und Newsom, die beide als mögliche Anwärterin beziehungsweise möglicher Anwärter für die Präsidentschaftswahl 2028 gelten, gemeinsam auftraten, wurde in den USA als Zeichen der Geschlossenheit vor dem Wahltag gewertet.
Der Auftritt bildete den Abschluss einer langen Reise durch umkämpfte Bundesstaaten. Laut dem Terminplan, den ihr Büro Mitte Oktober veröffentlichte, standen Auftritte in Nevada, Mississippi, New Hampshire, Wisconsin und Georgia auf dem Programm, zuvor war sie bereits in Michigan im Einsatz. Ihr Büro erklärte, Harris konzentriere sich darauf, den Demokraten im November zum Sieg zu verhelfen. Eine weitere Präsidentschaftskandidatur hat sie bisher nicht ausgeschlossen.
Warum sie nicht Gouverneurin werden wollte
Am 30. Juli 2025 veröffentlichte Harris eine Erklärung, die viele Beobachterinnen und Beobachter überraschte. „Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, die Menschen in Kalifornien um das Privileg zu bitten, ihnen als Gouverneurin zu dienen“, schrieb sie. „Ich liebe diesen Staat, seine Menschen und seine Verheißung. Er ist meine Heimat. Aber nach reiflicher Überlegung habe ich entschieden, bei dieser Wahl nicht für das Amt der Gouverneurin zu kandidieren.“
Ihre Führungsrolle und ihr Dienst an der Öffentlichkeit würden vorerst nicht in einem gewählten Amt liegen, kündigte sie an. Stattdessen wolle sie den Menschen im Land zuhören und Demokratinnen und Demokraten helfen, „die furchtlos kämpfen“. Wenig später erschien ihr Buch „107 Days“ über die 107 Tage ihres Präsidentschaftswahlkampfs 2024, mit dem sie bis ins Jahr 2026 auf Lesereise ging. In Umfragen zur demokratischen Vorwahl für 2028 lag sie Ende 2025 an oder nahe der Spitze.
Das offizielle Porträt von Kamala Harris als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten.
© Weißes HausHerkunft: Tochter einer Krebsforscherin und eines Ökonomen
Kamala Devi Harris wurde laut dem Biografischen Verzeichnis des US-Kongresses am 20. Oktober 1964 in Oakland, Kalifornien, geboren. Ihre Mutter Shyamala Gopalan Harris war, wie die archivierte Biografie des Weißen Hauses festhält, Brustkrebsforscherin und kam mit 19 Jahren aus Indien in die USA. Ihr Vater Donald J. Harris ist emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stanford University.
Harris studierte an der Howard University in Washington, einer historisch afroamerikanischen Hochschule, und schloss 1986 mit dem Bachelor ab. 1989 folgte der Abschluss in Rechtswissenschaften am Hastings College of the Law der University of California, 1990 die Zulassung als Anwältin.
Werdegang: Von der Staatsanwältin zur Senatorin
Ihre Laufbahn begann Harris 1990 als stellvertretende Bezirksstaatsanwältin im Alameda County. Später arbeitete sie in leitender Funktion in der Staatsanwaltschaft und in der Stadtverwaltung von San Francisco. Von 2004 bis 2011 war sie Bezirksstaatsanwältin von San Francisco. 2010 wurde sie zur Generalstaatsanwältin und damit Justizministerin von Kalifornien gewählt, ein Amt, das sie ab 2011 ausübte.
2016 gewann sie die Wahl in den US-Senat, wo sie Kalifornien vom 3. Jänner 2017 an vertrat. Mit scharfen Fragen bei Anhörungen machte sie sich in Washington rasch einen Namen. Ihre erste Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten für die Wahl 2020 blieb allerdings erfolglos.
Kamala Harris und Ketanji Brown Jackson auf dem Weg zur Feier anlässlich der Bestätigung Jacksons als Richterin am Obersten Gerichtshof.
© Weißes HausVizepräsidentin: Mehrere Premieren im Weißen Haus
Joe Biden holte sie als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft in sein Team. Am 18. Jänner 2021 legte Harris ihr Senatsmandat zurück, am 20. Jänner 2021 wurde sie vereidigt, laut Weißem Haus als erste Frau, erste Schwarze und erste Amerikanerin südasiatischer Herkunft in diesem Amt. Der Start war schwierig: Sie trat ihr Amt zwei Wochen nach dem Sturm auf das Kapitol an und tat sich lange schwer, ein eigenes Profil zu entwickeln.
Ab 2022 wurde sie zur führenden Stimme der Regierung im Einsatz für das Recht auf Abtreibung. Außenpolitisch vertrat sie die USA unter anderem bei der Münchner Sicherheitskonferenz, wo sie sich im Februar 2024 ausdrücklich zur NATO bekannte und eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gab.
107 Tage Wahlkampf und die Niederlage gegen Trump
Im Juli 2024 zog Joe Biden seine Kandidatur zurück und unterstützte Harris als Nachfolgerin. Binnen weniger Wochen sammelte sie die Partei hinter sich, mit dem Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, als Partner. Sie hätte als erste Frau an die Spitze der USA rücken können. Am Ende setzte sich Donald Trump durch, laut US-Nationalarchiv mit 312 zu 226 Stimmen im Wahlleutegremium. Am 20. Jänner 2025 endete ihre Amtszeit als Vizepräsidentin.
Die kurze Kampagne verarbeitete sie in ihrem Buch „107 Days“. Ihre Anhängerschaft sieht in ihr bis heute eine Politikerin, die mehrfach Grenzen überschritten hat. Kritikerinnen und Kritiker, auch in der eigenen Partei, verweisen dagegen auf niedrige Zustimmungswerte während ihrer Vizepräsidentschaft und die klare Niederlage von 2024. Republikanerinnen und Republikaner warfen ihr vor allem Versäumnisse in der Einwanderungspolitik vor.
Kamala Harris und ihr Ehemann Doug Emhoff am 30. November 2024 beim Einkauf in einer Buchhandlung in Washington anlässlich des Small Business Saturday.
© Public Domain, Weißes Haus, Polly IrunguFamilie
Seit 2014 ist Harris mit dem Anwalt Douglas Emhoff verheiratet. Er war als Second Gentleman der erste Ehemann einer US-Vizepräsidentin. Emhoff brachte zwei Kinder, Cole und Ella, in die Ehe mit, die Harris öffentlich als Teil ihrer Familie bezeichnet.
Steckbrief
Name
Kamala Devi Harris
Geboren
20. Oktober 1964 in Oakland, Kalifornien
Ausbildung
Bachelor an der Howard University (1986), Rechtswissenschaften am University of California, Hastings College of the Law (1989)
Partei
Demokraten
Ämter
Bezirksstaatsanwältin von San Francisco 2004 bis 2011; Generalstaatsanwältin von Kalifornien ab 2011; US-Senatorin 2017 bis 2021; Vizepräsidentin der USA 2021 bis 2025
Wahlen
Präsidentschaftskandidatin der Demokraten 2024, Niederlage gegen Donald Trump (226 zu 312 Wahlleute)
Buch
„107 Days“ (2025)
Familie
seit 2014 verheiratet mit Douglas Emhoff
Quellen
Weißes Haus (Archiv): Kamala Harris, Vice President of the United States (2025)
Biographical Directory of the United States Congress, über UCLA Voteview: Harris, Kamala Devi (1964-) (2026)
National Archives: 2024 Electoral College Results (2025)
Stanford University, Department of Economics: Donald J. Harris (2026)
Weitere Quelle: LA Magazine, Kundgebung in Los Angeles (2. November 2026); AP/PBS, Erklärung zum Gouverneursamt (30. Juli 2025); AP/NBC Boston, Terminplan Midterm-Wahlkampf (14. Oktober 2026); Axios, Umfragen zu 2028 (14. Dezember 2025)
