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Erni Mangold: „Glück gibt es höchstens als Vogerl“

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Erni Mangold©Ian Ehm

Aus dem Archiv: Sie ist endlos und triumphal auf der Bühne gestanden, aber 2018 hat Erni Mangold Adieu gesagt. Das Leben ist mühsam geworden, doch der Zorn und der klare Blick sind geblieben. Ein Bildband ruft das Vergangene auf.

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Wie Musik klingt das, eine herbe und doch betörende Melodie, vertraut seit den beruflichen Kindertagen, aber jedes Mal scharf und jung. Am Anfang des Telefonats –denn Journalistenbesuch will Erni Mangold in ihrem vierundneunzigsten Jahr nicht empfangen –stehen eine Frage und ein Hörfehler des Anrufers. „Geht's dir gut?“ – „Naa!“ – „Ja? Gratuliere!“ Was folgt, ist eine an harschen Adverbien reiche Berichtigungskanonade in feinstem Josefstädtisch, wie man es seit Jahr und Tag nicht mehr zu hören bekommt. Wie solle es einem auch gut gehen, wenn man seit drei Monaten in stationärer Behandlung um die verlorenen Kräfte kämpfe?

Also ist man für Mittwoch, den 6. Oktober, zum Telefonat verabredet. Soeben sind die Hausdurchsuchungen im Kanzleramt bekannt geworden, und was die hellsichtige Beobachterin der Zeitläufe sagt, bedarf trotz der sich daraufhin überschlagenden Ereignisse keiner Aktualisierung. „Das ist typisch der Kurz! Höchste Zeit, dass sie ihm endlich einmal draufkommen!“ Kann es ernst für ihn werden?„Naja, er hat viele Freunde, besonders die Millionäre. Die werden ihn stützen, solange es geht. Aber wenn es einmal nicht geht, wenn der Ring immer lockerer und durchsiebter wird und am Ende etwas Kriminelles herauskommt, dann wird es mit ihm vorbei sein.“

Und die mächtigen Schwarzen in den Ländern? „Da bin ich nicht so sicher. Die Landeshauptleute haben das zwar genossen, dass die Partei plötzlich Macht hat. Aber sie sind schon länger von ihm abgefallen. Jetzt wird es schnell ziemlich locker um ihn.“ „Ich bin eine Rebellin“

In der Tat ist da nichts hinzuzufügen, und in der Tat gibt es Ergiebigeres zu besprechen. In diesen Tagen erscheint der Bildband „Sagen Sie, was Sie denken –mein Leben in Bildern“. Erni Mangold hat dafür ihr Album seit den Kindertagen geöffnet, und die Texte dazwischen haben es in sich. Darf man die schonungslose Selbstporträtistin, die auch anderen nichts schuldig bleibt, ein wildes Huhn nennen? „Ich bin kein wildes Huhn. Wilde Hühner sind ein bissl verrückt und beißen sich gegenseitig. Das tu ich nicht. Ich bin eher eine Rebellin, immer auf der Seite der Wahrheit.“ Die heute nicht unbedingt Hochkonjunktur hat. „Das ist mir scheißegal, ich sage sie trotzdem.“

„Den Schaden war's wert“

Das ist nicht übertrieben. 1927 in eine halb verhinderte niederösterreichische Künstlerfamilie geboren, wurde sie, keine zwanzig, an die „Josefstadt“ engagiert, ging unter Gründgens nach Hamburg und unter Stroux nach Düsseldorf und bestand immer auf ihrem eigenen Kopf. Richtete einer an die begehrte Schönheit ein Ansinnen unschicklicher Art, kam es ihr auf ein paar Ohrfeigen nicht an, mochten die auch in namhaften Gesichtern detonieren. So wurde sie nie in diversen Theaterfamilien heimisch. „Hab ich halt eine Rolle nicht gekriegt! Aber den Schaden war's wert.“

Wiewohl ausreichend wehrhaft und kein Beispiel an Schutzbedarf, erklärt sie der #Metoo-Bewegung dennoch ihre Sympathie. „Ich find das sehr ok, dass man vielleicht ein bisschen den Männern Angst macht, dass sie nicht über jede Frau herfallen können.“ Und die Missbrauchsgefahr? Mögliche Racheakte, die selbst Größen wie Johnny Depp und Kevin Spacey zu Fall bringen konnten, ohne dass irgendeiner der Vorwürfe judiziert wäre? „Missbraucht wird alles, da kann man nichts machen! Ist halt so. Da hab ich kein Mitleid.“

Hart am Tod vorbei

Das Buch beginnt, antizyklisch, aber mit Nachdruck, in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli 2020. Allein im Landhaus, schlaftrunken zur Toilette taumelnd, stürzte sie und brach sich, wie eine Ewigkeit später im Krankenhaus diagnostiziert wurde, zwei Mal den Oberschenkelhals. Und das einzige Telefon lag im Parterre, ein Stockwerk tiefer, unerreichbar. Sollte man meinen, aber sie tat unter Qualen, was nötig war. In der Früh kam die Rettung. Ihr Haus sah Erni Mangold erst im November wieder. Hatte sie in dieser Nacht nie erwogen, aufzugeben? „Nein. Da bin ich stur. Meine Sturheit hat mir geholfen, und dass ich immer Gymnastik gemacht habe, Krafttraining. Das hat sich bemerkbar gemacht. Und“, so fügt die praktizierende Pragmatikerin hinzu, „ich bin eine Realistin. Wenn sowas passiert, gibt es zwei Möglichkeiten: Man macht etwas, oder man bringt sich um. Da man aber selten etwas zum Umbringen bei der Hand hat, sind mir nicht viele Möglichkeiten geblieben.“

Und Angst, sagt sie auf Nachfrage, die kenne sie nicht. Schon als Kind sei ihr das Gefühl fremd gewesen, sehe man von einer kurzfristigen, heute überwundenen Schlangenphobie ab. Und sich vor dem Tod fürchten?„Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Weil ich ein loyaler Mensch bin und nicht in einer Traumwelt lebe. Ogottogott, der Tod, der Tod!“, heult sie plötzlich in groteskem Diskant auf. „Das ist nichts für mich. Ich lebe in der klarsten Realität!“ Die vielen Verluste, die im Alter immer dichter fallen? „Das ist nicht bedrückend. Es ist, wie es ist. Man muss gehen, und das ist gut, denn das Alter ist auch so schon eine Katastrophe.“ Freilich, dass der Kollege Erich Schleyer, der Lebensfreund, dem auch das Buch gewidmet ist, früh gehen musste: Das war ein Schlag. Aber dass der Krebs, den er zehn Jahre lang in sich trug, nicht nachgeben würde, das war andererseits beiden klar. Und so war auch das, wie es eben war.

„Sonst wirst du gefoltert“

Im Buch protokolliert sie ihre Patientenverfügung. Man möge sie, wenn es soweit ist, in Ruhe sterben lassen, und, jawohl: Das habe durchaus mit dem Misstrauen gegen die Medizin zu tun. Der Fragende, sagt sie, habe ja keine Ahnung von der Medizin und den Ärzten. „Wenn du einmal in dieses Umfeld kommst, wirst du merken, dass du sehr achtgeben musst, weil du sonst dein Leben aufgeben kannst und nur mehr gefoltert wirst. Du kriegst“, skizziert sie in gutgelauntem Groll eine theoretische Vision des Schreckens, „deine Bestrahlung und noch eine Bestrahlung, und sie sagen dir, es ist eh eine gute Bestrahlung, und dann kriegst du noch eine bessere Bestrahlung“ – das Wort gellt in bizarrem Stakkato –, „obwohl du eh keine Haare mehr hast, aber das ist ihnen Wurscht. Der Medizin in die Hände fallen, den Ärzten, ist nicht gut. Sie machen mit dir, was sie wollen.“ Die Sterbehilfe wäre schon etwas Gutes. Aber schwer „bei dem Katholizismus, den wir eh nicht haben“, und sie finde das beschissen.

Geimpft ist sie selbstverständlich, aber zerstört hat die Pandemie gar nichts, solchem Pathos weicht sie mit dem Blick über ein langes Leben lieber aus. Ausgenommen die kleinen Geschäfte, weil sich der Kanzler vorrangig um die großen mit den Millionenumsätzen gesorgt habe. Und darum, dass die Flugzeuge, die heiligen Blechkühe, nur ja nicht auf dem Boden blieben.

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Erni Mangold in ihrem Haus im Waldviertel.

 © Ian Ehm

Und um die Kinder sorgt sie sich, ein Wahnsinn von Faßmann sei das gewesen, die Schulen zuzusperren. „Er glaubt, dann sind alle gesund, aber die jungen Leute werden Schwierigkeiten bekommen! Man wird sie fragen: Wann ham S'denn das Gymnasium gemacht? Ah, zu Corona! Dankeschön! Den Schülern wäre schon nichts passiert. Die Lehrer sollen sich im impfen lassen! Ich bin für die Impfpflicht für alle, die lehren, bis zur Uni!“

Der scharfe Zug nach rechts, befeuert durch Paranoia? Der neue Antisemitismus? Gellendes Lachen. „Red doch kan Bledsinn! Das ist doch nicht jetzt, das war schon immer! Das ist seit 2000 Jahren nicht anders! Vergiss es!“ Sorge? „Wir sind eh schon in der Diktatur. Traust du dich, die Wahrheit zu sagen, egal, worüber? Bist du nicht auch schon ein Mensch, der sich geschickt verhält, damit ihm nichts passiert? Die Menschen haben irrsinnige Ängste. Dazu kommt, dass wir uns von der Demokratie weit entfernt haben. Die Leute reden nicht mehr. Alles ist gut oder schlecht. Da sind wir eh schon in der Sprache, die auch unterm Hitler geführt worden ist.“ Facebook, durchaus ein Treiber dieser trostlosen Entwicklung, kommt ihr daher nicht ins Haus. „Es interessiert mich nicht, was die Leute über mich sagen. Ich brauche keine Freunde, die ich nicht will. Ich mache bei sowas nicht mit.“

Das war es mit der Bühne

Auf der Bühne ist sie bis ins 91. Jahr gestanden und hat dort die Altersrollen bis zur Großmutter in „Geschichten aus dem Wiener Wald“ mit immer größeren Triumphen ausgeschöpft. Jetzt ist das vorbei, ohne Option des Widerrufs. Sie habe pro Jahr 75 Vorstellungen hinter sich gebracht, wolle nicht wie der 2009 verstorbene Kollege Fritz Muliar im Rollstuhl auf die Bühne geschoben werden und bitte sich jetzt Ruhe zum Lesen und zum Leben aus.

Und mit dem Glück möge man sie in Ruhe lassen. Schon als junger Mensch sei sie auf der Suche gewesen, „nach einem g'scheiten, intelligenten Menschen, der mir weiterhilft. Gefunden hab ich ihn leider nicht.“ Die Ehe mit dem Kollegen Heinz Reincke erwies sich 1978 nach 20 Jahren als nicht haltbar. „Und so hab ich mir selber helfen müssen.“ Hätte sie gern ein Kind gehabt?„Was soll die blöde Frage? Ich konnte keines bekommen und aus! Ich war ein Kriegskind, und weil ich nichts zu essen hatte, konnte ich keine Kinder bekommen.“

Erlebt sie dennoch etwas wie Glück? „Das ist auch a blede Frag. Glück gibt es ja nicht, höchstens als Vogerl. Aber man freut sich. Dass meine Wahlfamilie endlich ein Baby bekommen hat und dass da alles halbwegs ok ist, das freut mich. Das Leben, die Sachen, die um einen passieren, freuen einen. Aber sonst passiert ja so wenig Richtiges!“ So kann sie auch dem Ersuchen um ein optimistisches Schlusswort ohne Bedauern nicht entsprechen. „Man kann nur schauen, dass man in einer gewissen Realität bleibt, sich selber gerade hält. Und dass die Menschen nicht zu viele Ängste aufhäufen. Man hat Angst, entlassen zu werden, weil man das Falsche sagt. Der Druck von Firmen ist sehr groß, keine Ahnung, warum sie die Menschen so quälen!“ Eventuell, weil sie sich quälen lassen?

Sagen Sie, was Sie denken: Mein Leben in Bildern - mit Gastbeiträgen von Elfriede Jelinek, Michael Schottenberg, Susanne Höhne und anderen

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Molden Verlag

Ein prächtiger Bildband voller Erinnerungen: „Sagen Sie, was Sie denken“ zeichnet sich auch durch Zwischenkapitel von nicht alltäglicher Offenheit aus.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 41/2021 erschienen.

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