ABO

Birgit Minichmayr: „Meine Leidenschaft ist grenzenlos“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
18 min
Artikelbild

Birgit Minichmayr

©Andreas Rentz, Getty Images for ZFF

Schon als Schauspielstudentin faszinierte Birgit Minichmayr am Burgtheater. Die Passion für ihren Beruf hat sich die 49-Jährige bewahrt. Auf der Kinoleinwand brilliert sie in Ulrike Ottingers Vampir-Groteske „Die Blutgräfin“. Sandra Wollners cineastischem Drama „Everytime“ verschaffte sie Chancen auf den Oscar. Ein Gespräch über die Kunst der Verwandlung, Strenge im Unterricht, die Gefahr von Sparmaßnahmen und Antisemitismus.

News auf Google bevorzugen

Die Schauspielerin Birgit Minichmayr ist eine Virtuosin der Verwandlung. Gleichermaßen bezwingend auf der Bühne und der Kinoleinwand, wütet sie gerade am Burgtheater als Missbrauchsopfer Karoline in Simon Stones „Ferienhaus“. Wenn sie am Ende in einem selbstentäußernden Monolog das Leid schildert, das ihr der Onkel angetan hat, ist es, als stünde die Zeit still.

In Milo Raus umstrittener Inszenierung von Elfriede Jelineks „Burgtheater“ verkörpert sie Paula Wessely als parodistische Kunstfigur. Nun wandelt sie sich in Ulrike Ottingers Vampir-­Groteske „Die Blutgräfin“ (seit 29. Oktober im Kino) zur dämonisch gewieften Zofe, deren magnetisierender Blick sogar Isabelle Huppert in Gestalt der titelgebenden Figur verblassen lässt.

Gewinnt eine Vampirgeschichte wie Ulrike Ottingers „Blutgräfin“ in einer Welt, in der das Böse in alle Richtungen wuchert, heute eine andere Dimension?

Diese Geschichten passen doch eigentlich immer, oder? Der Vampir, der im Dunkeln haust und sich von Menschenblut ernährt, führt auch ein Schreckensdasein, das ist natürlich immer verführerisch. Denn man hat auch das Gefühl, in eine Art Geheimgesellschaft hineingezogen zu werden. Die kann auch als Allegorie auf den Geheimbund der Mächtigen von heute gelesen werden.

Sie verkörpern die gewiefte Zofe der Blutgräfin. Stimmt mein Eindruck, dass Sie sich für diese Figur von Uncle Fester aus der Fernsehserie „The Addams Family“ inspirieren ließen?

Genau, den liebt man doch wegen seiner Gemütlichkeit. Ich habe mich auch an Luise Brooks und Valeska Gert bedient. Also diese drei waren meine Assoziationsvorbilder. Im Hintergrund ließ ich Ulrike Ottingers Filme laufen. Genauso ließ ich bei „Burgtheater“ ständig Paula Wesselys letzte Lesung im Hintergrund laufen. Um daraus auf der einen Seite diese Überdrehtheit mit Jelineks Sprache zusammenzuführen und einen Sprachklang zu finden.

Jelinek wollte eigentlich ausschließlich Leute, die nicht des Dialekts mächtig sind, weil sie das Stück in einer Kunstsprache geschrieben hat. Gleichzeitig war es mir wichtig, für diesen Heimkehrermonolog, mir Wesselys Art von Stimmführung anzuhören. Aber das sind immer intuitive Vorgänge, wenn ich ein Projekt anfange. Etwas in meinem Kopf, in meinem Herzen und auch in meinem Körper ist einfach permanent im Such- und Sammelmodus. Auf der Straße, beim Hausfrau-Sein, beim Spielen mit den Kindern.

Sie widmen Ihre Lesungen immer wieder der Literaturnobelpreisträgerin Jelinek. Was bedeutet sie Ihnen? Sprechen Sie mit ihr manchmal über ihre Literatur?

Ich durfte sie zweimal im Zuge der Arbeit an ihrem Stück „Burgtheater“ treffen. Ich war so überwältigt von ihrer Eloquenz, ihrem unglaublichen Wissen, ihrer Klugheit und Schnelligkeit, ihrem ungeheuerlichen Humor. Aber ich war zu schüchtern und habe sie nicht um ihre Telefonnummer gebeten.

Wenige Wochen nach „Blutgräfin“ kommt „Everytime“ von Sandra Wollner ins Kino. Darin verkörpern Sie eine Mutter, die eine ihrer beiden Töchter bei einem Unfall verliert. Haben Sie als Mutter von Zwillingstöchtern sofort ­zugesagt?

Sofort, weil Sandra Wollner seit ihrem ersten Film, „Das unmögliche Bild“, ganz oben auf meiner Liste von Menschen steht, mit denen ich gerne arbeiten möchte. Aber dieser Film behandelt auf ganz besondere Weise den Verlust eines über alles geliebten Menschen.

Es wäre ein unwiederbringlicher Schaden, wenn wir durch Kürzungen die Kinder auf der Strecke lassen und der Zugang zu guter Bildung eine Entscheidung der sozialen Klassen ist

Birgit Minichmayr

Haben Sie schon einmal aus persönlichen Gründen einen Film abgelehnt?

Sicher. Ich sollte einmal einen Film über Abtreibung machen. Ich versuchte aber damals gerade, schwanger zu werden, und konnte mir nicht vorstellen, mich dahin zu begeben. Auch jetzt hatte ich das Gefühl, ich müsse auf jeden Fall meine Familie aus dem Spiel lassen.

Ich wollte meine eigene, private Lebensrealität nicht mit der Problematik des Films vermischen. Aber ich fand sehr wichtige Bücher für mich, zwei Autorinnen, die durch Schreiben den Verlust ihres Kinder zu verarbeiten versuchen. Hinzu kommt Sandras wirklich sehr besonderer Blick darauf. Und so bin ich sehr glücklich, diesen ungewöhnlichen Film in meiner Vita haben zu können.

Jetzt hat „Everytime“ sogar Chancen auf einen Oscar. Wie wichtig wäre dieser Preis für Sie?

Noch sind wir nicht dort. Ich habe mich sehr über die Nominierung gefreut. Und jetzt heißt es warten.

Wie wichtig sind Preise für Sie?

Also ich mache meine Arbeit nicht, um Preise zu verdienen. Ich mache ein Projekt wegen Begegnungen mit anderen Menschen, mit Künstlern und Künstlerinnen, die etwas erzählen, wo ich gerne Teil davon bin. Das Wichtigste ist die Lebenszeit, die ich damit verbringe. Das andere sind allersüßeste Zusatzgeschenke, die mir mal mehr und mal nicht ganz so viel bedeuten. Aber natürlich ist die Anerkennung meiner Arbeit für die Außenwirkung wichtig. Da sind Preise nützliche Werkzeuge. Aber ich könnte nicht für einen Preis spielen.

Felix Kammerer ist direkt vom Burgtheater nach Hollywood gewechselt. War das für Sie nie eine Option?

So etwas hat mit dem richtigen Zeitpunkt und mit Glück zu tun. Es ahnte ja auch niemand, dass „Tage wie dieser“ der erfolgreichste Tote-Hosen-Song aller Zeiten wird. So ist es auch mit anderen Dingen. Wenn wir wüssten, wie die Formel ist, würden wir nur noch Nummer-1-Hits schreiben und oscarprämierte Filme produzieren.

Wie geht es Ihnen am Burgtheater in der Direktion von Stefan Bachmann?

Ich freue mich sehr auf die nächste Arbeit mit Marie Schleef und habe gerade die Arbeit mit Karin Henkel hinter mir. Generell muss man in der heutigen Zeit schauen, was wir für ein Theater wollen. Und da bin ich neugierig, wie die neue Direktion das macht.

Blurred image background
 © APA-Images, Everett Collection

Welche Art von Theater wollen Sie?

Wir sind ja auch ein Nationaltheater. Das heißt, das Theater ist so groß, dass es viele Regiehandschriften anzubieten hat. Aber die Theater stehen leider, wie vieles, unter enormem Auslastungsdruck, da hoffe ich, dass man dadurch nicht ins pure karnevalistische Unterhaltungsgewerbe rutscht.

Inwiefern?

So in Richtung Brot und Spiele.

Ist jetzt im Theaterbetrieb ein sanfterer Umgangston angesagt? Maria Happel wurde vom Reinhardt-Seminar entfernt, weil angeblich während ihrer Direktion ein Klima der Angst verbreitet wurde. Wie sehen Sie das?

Ich bin absolut für eine Streitkultur, aber man riecht sofort, wenn Macht missbräuchlich oder hierarchisch angewendet wird. Doch das gibt es ja nicht nur im Theater, das hat man überall.

Sie erfuhren die harte Brandauer-Schule und unterrichten jetzt selbst. Was halten Sie von Strenge in der Ausbildung?

Brandauer hat doch keinen Machtmissbrauch mit mir betrieben, sondern begegnete mir mit liebevoller Überschätzung. Er war sehr streng mit mir, ja und? Das ist auch ein sehr komplexer Beruf und sehr, sehr anspruchsvoll, wenn man ihn so betreibt wie zum Beispiel Klaus. Ich habe überhaupt nichts gegen Strenge. Im Gegenteil. Aber ich möchte nicht, dass jemand seine Position als Regisseur oder Regisseurin ausnutzt und meint, wie ein Dompteur agieren zu können. Damit habe ich Probleme.

Der emanzipatorische, der feministische Auftrag am Theater kann nicht sein, dass wir Frauen die alten Männer spielen

Birgit Minichmayr

Steigen Sie in so einem Fall aus einer Produktion aus?

Ja, das ist schon vorgekommen.

Haben Sie manchmal die Befürchtung, dass Studierende Ihre Strenge mit Machtmissbrauch verwechseln?

Ich weiß gar nicht, ob ich das bin! Wenn etwas anders verstanden wird, als es gemeint ist, muss man darüber diskutieren. Jeder hat einen anderen Verwundungsgrad.

Haben Lehrer heute überhaupt eine Chance, sich gegen die Anschuldigungen ihrer Studenten zu wehren?

Natürlich, und die sollten sie auch haben. Aber ein Übergriff bleibt ein Übergriff. Für junge Menschen aber kann es vielleicht manchmal gar nicht so leicht sein, zu erkennen, wenn jemand eine Grenzüberschreitung begeht. Ich versuche, das meinen Kindern beizubringen, dass man seine Grenzen kennt und auch formulieren darf und kann.

Kann man das Studierenden auch beibringen?

Ich hoffe, dass meine Studierenden mir sagen, wenn sie was nicht verstehen. Ich biete ihnen diesen Dialog zumindest an. Natürlich kann es da zu Missverständnissen kommen, aber da muss man darüber reden.

Blurred image background

Birgit Minichmayr

 © Andreas Rentz, Getty Images for ZFF

Stimmt es, dass man es vermeiden soll, allein mit einem Schüler in einem Raum zu sein?

Ich kann doch nicht immer jemanden mitnehmen, der wie ein Wachhund dasitzt. Es gibt die Verabredung, dass wir verantwortungsvoll miteinander umgehen. Also ich möchte nicht kriminalisiert werden, nur weil ich unterrichte. Beim Schauspielunterricht geht es auch um Emotionen, um Scham, Mut, ergebnislos auszuprobieren bis zur Peinlichkeit vielleicht. Das alles braucht einen geschützte Rahmen. Ich hoffe, dass ich diese Atmosphäre ausstrahle.

Bereiten Ihnen die angedrohten Kürzungen an den Unis Sorgen?

Wir tragen die Verantwortung, die nächsten Generationen mit ausreichend zugänglicher Bildung zu versorgen. Wenn wir das kürzen, schneiden wir uns ins eigene Fleisch. Man müsste noch viel mehr investieren. Ich verstehe schon, Corona und „Koste es, was es wolle“ hat uns extrem viele Schulden beschert. Da muss jeder etwas abgeben, aber gewisse Bereiche wie Pflege, Gesundheit und Unterricht sollten nicht angetastet werden. Es wäre ein unwiederbringlicher Schaden, wenn wir durch Kürzungen die Kinder auf der Strecke lassen und der Zugang zu guter Bildung eine Entscheidung der sozialen Klassen ist.

Wie sehen Sie den rasanten Anstieg des Antisemitismus? Ihr Partner und Kollege Itay Tiran kommt aus Israel. Haben Sie schon Antisemitismus gespürt?

Nein, das heißt aber nicht, dass es ihn nicht gibt. Auch dafür ist die Regierung von Netanjahu mitverantwortlich, dass nicht mehr differenziert wird. Dann kommt es zu solchen Fällen wie von Navid Lapid, der von der Jury beim Filmfestival in Marseille ausgeschlossen wurde. So schrecklich Israels Politik im Augenblick ist, man kann nicht alle unter den Generalverdacht stellen, dahinter zu stehen.

Lassen Sie uns zur Bühne zurückkehren. Stimmt es, dass Sie alles wahrnehmen, auch im Publikum?

Das Publikum sind mitspielende Menschen, jede und jeder Einzelne gestaltet mit einer bestimmten Art zu reagieren den Abend mit. Ich habe eine 360-Grad-Sensitivität, denn der Beruf verlangt, eine hohe Aufmerksamkeit. Auch weil immer etwas Unvorhersehbares passieren könnte. Und natürlich sollte jeder Abend der beste aller Abende werden. Auch wenn ich etwas nicht so gerne spiele. Da können ja die Leute nichts dafür.

Kommt so etwas vor?

Es war vielleicht nicht ganz richtig, mich als Falstaff zu besetzen. Es ist total in Ordnung, dass das Geschlecht überhaupt keine Rolle mehr spielt, wenn man das will. Aber der emanzipatorische, der feministische Auftrag am Theater kann nicht sein, dass wir Frauen die alten Männer spielen.

Ich glaube, dass wir viel mehr Geschichten von uns Frauen erzählen sollen. Die sind nicht so zahlreich in der alten Weltliteratur zu finden, aber dann müssen wir sie neu schreiben. Man kann das natürlich nicht verallgemeinern, aber ein Jedermann würde mich nicht interessieren.

Die Buhlschaft spielten Sie schon. Wie blicken Sie heute darauf zurück?

Es war schon richtig, was Brandauer gesagt hat: Da ist man Faschingsprinz und Faschingsprinzessin. Ich meine das positiv. Aber der Rummel war mir damals zu viel. Es muss einem Spaß machen, zu jeder Krautfleckerlverkostung zu laufen. Ich konnte damit überhaupt nichts anfangen. Das hat mich eher bedroht. Aber der „Jedermann“ ist wie das Schloss in Disney World, das jeder mal besucht haben möchte.

Wie ist das für Sie, wenn die Leute schon in Bewunderung ausbrechen, wenn Sie in einer Besetzung sind? Belastet Sie das? Oder haben Sie das Gefühl, es kann nur gut werden?

Das wäre ja schrecklich! So ein Erhabenheitsgefühl würde mir nichts bringen. Meine Leidenschaft und meine Neugierde sind noch immer grenzenlos. Man lebt schon so lange mit diesem Beruf, es ist sehr attraktiv, wenn den Leuten gefällt, was man macht, und man für eine gewisse Qualität steht.

Haben Sie auch manchmal Angst davor, dass Sie nicht gut spielen?

Die gibt es. Beim Theater ist es angenehmer, weil die Angst irgendwann verschwindet. Beim Film bleibt sie. Am Anfang konnte ich oft nicht schlafen, weil ich dachte, ich hätte das ganz anders spielen sollen und kann es nicht wiederholen, denn die Szene ist im Kasten. Das hat aber nichts mit Gut-Sein zu tun, sondern damit, ob es richtig war, wie ich etwas gespielt habe. Gott sei Dank ist das Gefühl jetzt weniger geworden.

Sie haben bisher über Ihr Privatleben geschwiegen. Jetzt sprechen Sie über Ihre Beziehung mit Ihrem Kollegen Itay Tiran. Wie kam es zu diesem Wandel?

Wir haben jetzt einen Film zusammen gedreht. Als die Zeit mich um ein Interview über Liebe gefragt hat, dachte ich mir, warum soll ich nicht darüber reden. Es gibt diese Beziehung, Itay ist in meinem Leben und wir arbeiten ja auch zusammen. Spätestens, wenn unser Film rauskommt, werden wir damit konfrontiert. Jetzt ist die Nachricht in der Welt und zwar so, wie ich es wollte.

© Andreas Rentz, Getty Images for ZFF

Steckbrief

Birgit Minichmayr

Birgit Minichmayr wurde am 3. April 1977 in Linz geboren. Sie schloss ihre Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien ab. Schon während ihres Studiums wurde sie ans Burgtheater engagiert. 2004 wechselte sie an die Berliner Volksbühne, 2007 kehrte sie an die Burg zurück.

Von 2011 bis 2016 war sie im Ensemble des Münchner Residenztheaters, um ab 2019/20 wieder am Burgtheater zu spielen. Am Max-Reinhardt-Seminar lehrt sie Rollengestaltung. Sie lebt mit ihren Zwillingstöchtern und ihrem Partner, dem Schauspieler Itay Tiran, in Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 44/2026 erschienen.

Kunst & Kultur
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER