Ab 23. Juni zeigt die Lukas Feichtner Galerie Arbeiten des italienischen Künstlers Andrea Cusumano. News hat ihn vorab in seinem Atelier in Palermo besucht und ihn einen Tag in die Hauptstadt für zeitgenössische Kunst Italiens – nach Gibellina – begleitet.
Atelierbesuch bei Andrea Cusumano in Palermo
© VGN | Osama Rasheed
Durch das Labyrinth aus monumentalen kubistischen Betonformationen weht ein frisches Lüftchen. Unter der gleißenden Sonne Siziliens ist es heute fast ein wenig kühl. Ein kalter Schauer läuft aber erst über den Rücken, als Andrea Cusumano die Geschichte hinter dem größten Landart-Projekt Europas erzählt: „Unter den Betonmassen des ‚Grande Cretto‘ von Alberto Burri, der Mitte der 80er-Jahre angelegt und erst 2015 posthum fertiggestellt wurde, sind die Ruinen der einstigen Stadt Gibellina begraben und somit konserviert“, so der Künstler, als wir uns den Weg durch die einstigen Gassen der Stadt bahnen. 1968 kam es hier im Belicé-Tal, im Westen der Insel, zu einem verheerenden Erdbeben, das die Stadt beinahe vollständig zerstörte. „Anstatt sie an demselben Ort wieder zu errichten, entschied man sich damals dafür, wenige Kilometer entfernt eine neue Stadt zu errichten. Keine Rekonstruktion des Alten, sondern etwas völlig Neues.“ So entstand ab 1970 unter dem damaligen Bürgermeister Ludovico Corrao eine Art Freiluftmuseum – gebaut und gestaltet von namhaften Größen der italienischen Kunst und Architektur.
Dass Gibellina Nuova, die neue Stadt, heute fast wie eine unfertige Utopie wirkt, hat einen einfachen Grund: „Einige der zentralen Bauwerke – wie etwa das von Pietro Consagra entworfene Theater – wurden nie fertiggestellt“, so Cusumano, der im Dezember letzten Jahres offiziell als künstlerischer Leiter des Projekts „Gibellina – Capitale Italiana dell’Arte Contemporanea 2026“ vorgestellt wurde. Damit ist Gibellina die erste Hauptstadt zeitgenössischer Kunst Italiens: „Als ich hier übernommen habe, mussten wir uns einige der Bauten erst zurückerobern“, scherzt Cusumano. Das Theater glich zum Zeitpunkt der Übernahme einem Wald. „Zuerst mussten Hecken und Unkraut entfernt werden, ehe wir den Raum für Installationen – wie aktuell von Adrian Paci – nutzen konnten.“ Um die Kunsthauptstadt weiter wachsen zu lassen, ist man mit internationalen Kunstschaffenden im Gespräch.


Andrea Cusumanos Atelier im Herzen von Palermo.
© Patrick SchusterInmitten der Intermedialität
Viel Zeit für die eigene Kunst scheint kaum zu bleiben: „Man muss sie sich nehmen“, so Cusumano. „Als Ausgleich.“ Dass sein Atelier im Herzen Palermos keinesfalls stillsteht, wird beim Betreten deutlich. In der Luft liegt der beißende Geruch von Fixativspray. „Diese Arbeit ist gerade erst fertig geworden“, zeigt Cusumano sein neustes Werk. Eine farbexpressive Zeichnung auf schwarzem Karton. Noch einmal sprüht er über die Pastellfarben. „Damit sie auch wirklich halten“, erklärt er. In Kürze wird die Arbeit nämlich verreisen: In der Galerie Lukas Feichtner eröffnet am 23. Juni eine Einzelausstellung, die Einblick in Cusumanos vielschichtiges Œuvre gewährt – die ältesten Arbeiten datieren auf Mitte der 90er-Jahre und unterscheiden sich gänzlich vom Aktuellen. „Genau das ist es, was Andrea Cusumano als Künstler so spannend macht“, zeigt sich Galerist Lukas Feichtner vom umfassenden Werk – einem interdisziplinären Oszillieren – begeistert.


Expressiv. Auf schwarzem Karton entstehen Cusumanos grafische Arbeiten aus expressiven Pastellfarben.
© Patrick SchusterEine Interdisziplinarität, die nicht von ungefähr rührt: 1992 studiert Cusumano bei Hermann Nitsch an der Salzburger Sommerakademie. Eine wahre Explosion im Werk des damals 19-Jährigen. Nitsch, in dem Cusumano über die Jahre eine Art Vaterfigur findet und dem er ab 1998 als musikalischer Leiter seines Orgien-Mysterien-Theaters zur Seite steht, ermutigt Cusumano, in seiner Kunst voranzuschreiten. „Er meinte stets: weiter, noch weiter.“ An den Grenzen eines Großformats angelangt, beginnt die Emanzipation aus der Zweidimensionalität. In Manier seines Kunstvaters ist Cusumano bestrebt, die Dreidimensionalität in einem explorativen Experiment in all ihren Facetten auszuloten. So entsteht ein Werk im Spannungsfeld zwischen Malerei, Zeichnung, Performance, Installation, Theater, Dramaturgie und Literatur – ein bewusstes Ausloten und Überschreiten künstlerischer Grenzen.
KUNSTTIPP
Bis Ende Juli zeigt die Lukas Feichtner Galerie (1., Seilerstätte 19) einen Querschnitt durch das vielschichtige Œuvre Andrea Cusumanos.
Malerischer Mittelpunkt
Sich der zentralen Existenzfrage stellend, gewinnt das dramaturgische Potenzial von Objekten und Räumen an Bedeutung – es entwickeln sich Cusumanos theaterreferenzierte Raumdramaturgien. „Ein Theater, das sich nicht auf Sprache und Narration, sondern auf die Erfahrung des Körpers im Raum bezieht. Und das für Performende und Zusehende gleichermaßen“, erklärt er. Das übergeordnete Ziel seines künstlerischen Forschens – einer zyklischen Transformation – ist das Erlangen von Erkenntnis. Ausgangspunkt dessen: die Malerei. „Sie war und wird immer Basis meiner Reise bleiben.“







