Anna Baar
©Matt ObserveDer Roman „Amseln“ der Staatspreisträgerin verfolgt einen in die Träume: Eine Psychiatrie-Primaria Ende 50 wurde wegen sexueller Ausbeutung wehrloser Patienten verurteilt und verwest jetzt an Leib und Seele. Der Briefroman rast durch Jahrzehnte und Identitäten – die Preziose eines außergewöhnlichen Buchherbsts.
Das war vielleicht ein irres Fahrgeschäft, auf das dieser Sommer die Schriftstellerin Anna Baar, 53, verfrachtet hat. Da ruhte sie, unter dem Schutz der Erinnerungen an die geliebte Großmutter, auf der Insel Brac vom größten Abenteuer einer Schriftstellerexistenz aus: Sieben komplette Druckfahnen lang hatte sie das Manuskript korrigiert und verworfen, bis sie es Mitte Juli endlich freigab. Einen Monat später ist der Roman „Amseln“ schon im Handel, ein Rekord und ein Vertrauensbeweis sondergleichen, für den sie dem erstklassigen Wallstein Verlag nicht genug danken kann.
Da wurde sie überstürzt zurück nach Klagenfurt gerufen: Ihr bester Freund, der leidenschaftliche Kulturmensch Wilhelm Huber, Ermutiger, Ermöglicher, Erschaffer ganzer Kärntner Schriftstellerkarrieren, war im Wörthersee zu Tode gekommen.

Amseln: Roman
Die Psychiaterin Elda Vera ist Ende 50 und hat sich in ihrer nymphomanischen Gier nach jungen Männern vor Gericht und ans psychische und physische Ende gebracht. Der Titel „Amseln“ verweist zwar auf Trakl, ist aber auch eine anagrafische Pointe.
Sie schrieb vor nicht allzu langer Zeit noch Werbetexte und andere Gelegenheitsprosa, da bedrängte er sie, ihre literarischen Versuche an Zeitschriften zu schicken. Als sie mit dem autobiografischen Text „Die Farbe des Granatapfels“ debütierte, war sie 42 und eine Sensation. Elf Jahre später ist sie Staatspreisträgerin und den Familiengeschichten in galaktische Fantasiewelten entkommen.
Der 2021 erschienene Roman „Nil“, ein halsbrecherisches Spiel der Identitäten, wurde noch mit Kafka und Poe verglichen. „Amseln“ lässt nun erste Rezensenten an Patricia Highsmith und Elfriede Jelinek denken, ohne dass die in Facetten des Verfalls schillernde Sprache mit irgendetwas zu vergleichen wäre.
Am ärgsten angewidert sind doch meistens diejenigen, die eigene Abgründe zu verdrängen haben. Warum soll eine Frau ihres Alters keinen jungen Stricher bestellen?
Die Psychiatrie-Primaria Elda Vera ist tief gestürzt, nachdem sie wehrlose Patienten sexuell ausgebeutet haben soll. Einen endlosen Prozess der Fäulnis an Leib und Seele später ist sie verschwunden, hat aber einen Koffer mit Briefen an einen vor Jahrzehnten verflossenen Partner hinterlassen. Aber ob der so entstehende Briefroman tatsächlich etwas erklärt, oder ob er nicht pure Fiktion ist, um den psychiatrischen Sachverständigen zu täuschen?
Und welch grundabstoßende Endfünfzigerin da gezeichnet wird! Nymphomanisch hinter jungen Männern her, hat sie sich um Beruf und Reputation gebracht und sich endlich eine schwärende, nie verheilende Beinwunde zugezogen, als sie beim Ausspähen des Nachbarn vis-à-vis vom Ausguck gestürzt ist.
Feministisch, antifeministisch?
Man möchte eine provokant antifeministische Gestalt wahrnehmen, doch da widerspricht Anna Baar entschieden. Im Gegenteil sei der Ansatz durchaus feministisch. „Eben weil er nichts schönt. Eine Frau, die aus Loyalität zu Mutter und Schwester ihr eigenes Glück sabotiert. Eine Liebestolle. Eine, die sich schwängern lässt, aber jedes Mal abtreibt in der Überzeugung, man könne in die ihr unwirtlich gewordene Welt keine Kinder setzen.
Elda mag abstoßend sein, aber ist sie nicht in erster Linie erbarmungswürdig? Wir werden Zeugen des totalen Beziehungsversagens. Und diese Zeugenschaft stellt unsere Fähigkeit und Bereitschaft zu Gnade und Vergebung auf die Probe. Auch unsere eigenen Moralvorstellungen. An einer Stelle schreibt sie selbst, dass die am ärgsten Angewiderten doch meistens diejenigen sind, die eigene Abgründe zu verdrängen haben. Und warum soll sich eine Frau ihres Alters keinen jungen Stricher bestellen?“
In ihrer radikalen Vereinsamung verfällt sie zudem einer Internet-Wahrsagerin, die ihr, der Ärztin, befiehlt, die grausige Fußwunde nicht der Schulmedizin auszuliefern. Das wiederum verweist auf einen der Hauptstränge der furios durch die Jahrzehnte taumelnden Handlung: Ende 2022 war die Corona-Pest im Abklingen, aber in den Köpfen und Seelen wütete die Seuche des Aberglaubens und will sich bis heute auf keine rationale Variante verständigen.

Steckbrief
Anna Baar
Ist eine österreichische Schriftstellerin und Trägerin des Großen Österreichischen Staatspreises.
„Die Wissenschaftsfeindlichkeit sprengt neuerdings wieder die Grenzen des Erträglichen. Das Misstrauen gegen die Ärzteschaft. Dass nicht mehr zählt, wem ich glaube, sondern was ich glaube und meine. Ein fatales Signal an junge Menschen. Denen wird ständig eingeredet, die Welt sei falscher und schlechter als je. Und dann wundert man sich über ihre Lethargie, ihren der Aussichtslosigkeit geschuldeten Hedonismus, ihre psychischen Leiden. Ich sage immer: Ihr seid die Zukunft, also gibt es eine. Die Rückzugserfahrungen der frühen 20er, die Unbarmherzigkeit gegen Andersdenkende bei gleichzeitigem Gelüst, das eigene Denken, Fühlen und Meinen missionarisch vor sich herzutragen, die Streitlust und Auskennerei, die Suche nach einer besseren Wahrheit – natürlich spielt manches hinein. Am ärgsten sind die, die vom Frieden faseln und sich zugleich als die Besseren inszenieren, als die Gerechteren, Gescheiteren.“
Und jetzt, mit den ersten Exemplaren des fertigen Buchs in der Hand? „Es ist wie nach einem Marathonlauf, mit dem Unterschied, dass im Ziel noch sehr viel überschüssige Energie da ist. Also beschäftige ich mich für gewöhnlich mit Dingen, die ich vernachlässigt habe in den Zeiten konzentrierten Schreibens, putze, räume, werkele, beanstande und gehe meinen Mitbewohnern auf den Geist. Und plötzlich spürt man auch den Körper wieder, das Zipperlein. Diesmal ist es anders, weil ein sehr naher Mensch, der sich wie kein anderer auf das Buch gefreut hat, wenige Tage vorm Erscheinen unerwartet gestorben ist. Sein Fehlen überschattet noch alles.“ Aber das Buch macht ihm Ehre, und das ist viel.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.
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