In Berlin verbucht der Schriftsteller Robert Seethaler 1.000 Besucher pro Lesung. In Wien füllte er das Burgtheater. Interviews gibt er selten. Mit News spricht er über sein jüngstes Buch „Die Straße“, das Erschrecken beim Anblick seiner Anhänger, Angst vor den Rechten und die Flucht in die Fröhlichkeit
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Ein Bub im Pyjama beugt sich aus einer Fensterluke, Tauben schrecken auf. Der Bub lässt seine Schleuder sinken. Ein Mädchen tritt aus einem Hauseingang und betrachtet die Passanten. Ein junger Polizist wird bei einem Straßenfest niedergeprügelt.
Lose aneinandergefügte Momentaufnahmen von maximal vier Seiten Länge, in reduzierter Sprache und wenigen Absätzen elegant formuliert, beschreiben das Leben in der fiktiven Heidestraße: Robert Seethaler hat sie in seinem jüngsten Buch unter dem schlichten Titel „Die Straße“ zu einem literarischen Gemälde zusammengefügt.
Ausgangspunkt sei der Gedanke an ein Mosaik in der Größe eines Kirchenfensters, etwa im Stephansdom, gewesen, sagt Seethaler. „Die Herausforderung dabei war, dass ein Mosaik aus unzähligen Teilchen besteht, von denen jedes für sich genommen scheinbar bedeutungslos ist.“
Interviews mit dem Österreicher sind rar, für News nahm er sich aber Zeit. Seit fast 20 Jahren lebt Seethaler in Berlin, wo sein Sohn geboren wurde. Der 59-jährige frühere Schauspieler zählt zu den bedeutendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur.

Steckbrief
Robert Seethaler
ROBERT SEETHALER wurde am 7. August 1966 in Wien als Sohn eines Schlossers und einer Sekretärin geboren. Er absolvierte die Schauspielschule im Volkstheater und trat in Wien, Berlin, Stuttgart und Hamburg auf. In den 1990er-Jahren wurde er als Rechtsmediziner Dr. Kneissler in der Krimi-Serie „Ein starkes Team" dem Fernsehpublikum in Deutschland bekannt. 2012 verschaffte ihm der Roman „Der Trafikant" den Durchbruch als Schriftsteller. Robert Seethaler lebt in Berlin und ist Vater eines Sohnes.
Autor für Millionen
Sein Roman „Der Trafikant“ über Sigmunds Freunds Tabakhändler brachte den Durchbruch, wurde mit Bruno Ganz verfilmt, ist in Deutschland Pflichtlektüre an Schulen und wurde millionenfach verkauft. Der Nachfolgeroman „Ein ganzes Leben“, die Geschichte des unehelichen Bauernsohns Andreas Egger, erreichte 2016 die Shortlist des britischen Man Booker International Prize.
Mit der Präsentation seines aktuellen Buchs füllte Seethaler das Burgtheater, in Berlin verbuchte er mehr als tausend Besucher seiner Lesung. „Wenn man so eine riesige Bühne betritt, ist das schon ein kleines Erschrecken. Das Unpersönliche einer solchen Menge, die Dunkelheit hinterm Scheinwerferlicht schützen allerdings auch ein bisschen“, kommentiert er bescheiden seine Populärität und wendet das Gespräch wieder zurück zum Anlass, zur Straße des Romans.
„Es gab kein Vorbild, keine Struktur, keine Dramaturgie, wie die Straße aussehen soll. Die baut sich Stein für Stein beim Schreiben und beim Lesen. Das ist auch der Unterschied zum Kirchenfenster, das sich dem Besucher auf den ersten Blick erschließt. Diese Steinchen sind einfärbig, ungeschliffen, manchmal vollkommen roh, die muss man erst behauen, zurechtschnitzen, schleifen.“


Das Buch: Das alltägliche Leben lässt Robert Seethaler in seinem jüngsten Buch „Die Straße“ mittels knapper Szenen zum literarischen Ereignis werden.
Claassen, € 26,95
GEWINNSPIEL:
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„Es geht um die Essenz“
Seine Beschreibung klingt selbst wie Literatur. „Es geht darum, aus diesen unscheinbaren Teilen ein Großes und Ganzes zu gestalten, ein leuchtendes Bild, durch das Licht fällt und auf der anderen Seite einen völlig anderen Raum öffnet. Es gibt Steine, die ein Geheimnis oder Tabu in sich tragen. Sie wirken wie kleine Seelenkatalysatoren, haben zunächst überhaupt keine eigene Bedeutung, und öffnen dann doch ein vollkommen neues, überraschendes Bild.“
In einer konkreten Stadt lässt sich solch eine Straße nicht verorten. Zeiten und Orte seien für ihn „wie ein hingepinseltes Bühnenbild, vor dem sich das eigentliche Drama abspielt: die menschliche Begegnung. Das ist es, was mich eigentlich interessiert.“
Dass manche seiner Szenen, in denen die Menschen nicht sprechen, an Peter Handkes dialogfreies Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ erinnern, verblüfft ihn. Er sieht eher eine Nähe zu den Choreografien von Pina Pausch und zur Arbeit der Filmregisseure Roy Andersson und Aki Kaurismäki. „Da wird über das Unausgesprochene, das Unbeschriebene so viel erzählt.“
Seit einiger Zeit fotografiert er auch. Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Porträts von Menschen, rätselhafte Bilder wie der Schatten einer Hand, der sich auf den ersten Blick wie der einer fliehenden Katze ausnimmt, zeigt er auf seinem Handy. „Die Bilder zeigen manchmal sehr wenig, und doch das Wesentliche. Sie tragen das Potenzial für Begegnung und sollen vor allem andere, neue Bilder wecken“, kommentiert diesen Teil seines Schaffens. Auch seine literarischen Bilder leuchten durch Reduktion. „Ich streiche viel, die schönsten, literarisch ausgefeiltesten Sätze, ganze Absätze schmeiße ich weg. Es geht um die Essenz.“
Ich glaube nicht, dass der Bundespräsident mit seinen Ängsten und Grundbedürfnissen anders gestrickt ist als der Bauarbeiter aus dem Nachbarhaus
„Jeder Mensch ist ein Wunder“
Seethaler zeigt keine Helden, keine außergewöhnlichen Typen, sondern rekrutiert sein literarisches Personal aus dem Alltäglichen. „Was ist schon heldenhaft? Jeder Mensch ist Held seiner eigenen Geschichte. Für manche ist es eine größere Leistung, den neuen Tag zu erleben oder überhaupt noch ohne Schmerzen aus dem Bett zu kommen, als an großen Weltgeschehnissen mitzuwirken. Ich kann nicht verstehen, warum immer wieder von sogenannten ,einfachen Menschen‘ in meinen Büchern geschrieben wird“, bekundet er den Rezensenten sein Unverständnis.
„Jeder Mensch“, setzt er fort, „ist ein Wunder – und gleichzeitig einfach mit seinen Bedürfnissen, seiner Freude und seiner Not. Große Gefühle sind einfache Gefühle: Wut, Freude, Liebe, Hass. Das Leben mag oft kompliziert und ein großes Geheimnis sein, aber in seiner Essenz ist es einfach. Ich glaube nicht, dass der Bundespräsident mit seinen Ängsten und Grundbedürfnissen anders gestrickt ist als der Bauarbeiter aus dem Nachbarhaus.“
Versetzt ihn das Betrachten und Beschreiben der zusehends tristen Gegenwart nicht in Verzweiflung? „Wer nicht verzweifelt, ist kein Mensch. Nur sollte man Wege kennen, um immer wieder aus den Verzweiflungslöchern herauszufinden. Vieles, was ich schreibe, entwächst einer wiederkehrenden Verzweiflung. Aber ich will nicht darin versinken. Man kann auch Angst haben, aber man darf sich nicht von ihr bestimmen lassen. Angst und Verzweiflung können starke Antriebe sein. Ich will nichts romantisieren, es gibt Schöneres als Gewalt und Alter. Aber ich habe mich entschlossen, mit dem Älterwerden Gelassenheit und Fröhlichkeit zu verströmen und damit eher an den Schwachsinn zu grenzen als an die Verbitterung. Natürlich ist es ein bisschen irrwitzig, in dieser Welt noch so etwas wie Fröhlichkeit zu behalten, aber ich glaube, es lohnt …“


„Die AfD ist nicht wegzuleugnen“
„Man ist nie zu alt für den Aufstand“, steht im Buch. Ist das eher eine Strategie gegen das Verzweifeln oder eine Aufforderung? „Eher eine Anregung. Es ist ja immer situativ. In jedem Fall stimmt die Aussage, dass man nie zu alt ist, sich gegen Missstände zu wehren und für Gerechtigkeit aufzustehen.“
Das könnte in Zeiten, in denen die AfD sogar die Theaterspielpläne bestimmen will, notwendig werde. „Extremismus und politische Randständigkeit ernähren sich von Angst. Die Frage ist also: Was kann man der Angst entgegensetzen? Da haben die etablierten Parteien zu wenig Visionen zu bieten. Die AfD ist zum großen Teil unangenehm mit ihren Forderungen und ihren, wenn man so will, Sehnsüchten und Wünschen, aber sie ist nun mal Teil der Gesellschaft, man kann sie sich zwar wegwünschen, aber nicht wegleugnen.“
Davon handelt sein Stück „Vernissage“, das derzeit in Bamberg aufgeführt wird, merkt er an.
„Vernissage“
„Vernissage“ von Robert Seethaler, derzeit am E.T.A. Hoffmann Theater in Bamberg: In einer Galerie wird eine Ausstellung vorbereitet, doch zur Vernissage kommt niemand. „Die Galerie ist eigentlich ein Abbild im Kleinen. Was passiert, wenn sich eine Gesellschaft bedrängt fühlt? Oft ist nicht die äußerliche Bedrohung so unaushaltbar, sondern die Angst, die einen von innen heraus anfrisst wie ein Tumor“, kommentiert Seethaler sein Stück.
Und was ist mit den aktuellen Regierungen in Österreich und in Deutschland, die mit ihrem Sparkurs die Kultur zerstören? Haben ihm einst Förderungen das Schreiben ermöglicht? Zu Beginn sei das hilfreich gewesen, aber jetzt würde er sich nicht um Förderungen bemühen. „Es wäre eine Unverschämtheit, wenn jemand, der wirklich viele Bücher verkauft, immer noch für Förderungen einreicht. Ich wurde Schriftsteller, weil ich es unbedingt wollte. Ich hätte auch nachts auf Autobahnbaustellen geschuftet, um mir mein Schreiben zu verdienen. Aber“, schränkt er ein, „ich finde es sehr gut, dass es Förderungen gibt. Ich kenne einige Leute, die das wirklich brauchen.“
Noch etwas: Im Buch tritt ein Antiquar als Ich-Erzähler auf, der wie Seethaler Sohn eines Schlossers ist. Was hat es damit auf sich? „Ich stelle mir vor, dass ich durch seine Augen in die Welt schaue. Das stelle ich mir allerdings auch bei jeder anderen Figur vor“, bleibt er unbestimmt.
Eventuell eine weitere Parallele? So wie Seethaler laut eigener Aussage seine kostbarsten Sätze streicht, gibt der Antiquar seine Bücher zu einem Spottpreis ab. „Trotzdem – oder gerade deswegen – spürt er eine große Erleichterung“, ergänzt Seethaler. „Er ist ein wahnsinniger Optimist, also ein optimistisch Wahnsinniger, er glaubt fest an das Morgen, an einen Neuanfang. In seinen Träumen öffnen sich neue, kühne Zukunftsräume. Und er hat auch schon ganz konkrete Pläne …“
Denen möchte man ungeduldig im nächsten Werk begegnen. Und dann in vielen weiteren.
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„Susanne Zobls beste Seiten“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.






