Vollmilch, Joghurt und Käse jeden Tag: Eine kanadische Studie hat geprüft, was das mit Gewicht und Blutfetten macht. Was herauskam, warum die Ergebnisse mit Vorsicht zu lesen sind und was die österreichischen Empfehlungen sagen.
Jahrzehntelang lautete der Rat, bei Milch, Joghurt und Käse zu fettarmen Varianten zu greifen. Eine Studie aus Kanada kommt nun zu einem Ergebnis, das daran rüttelt: Wer zwölf Wochen lang täglich drei Portionen vollfette Milchprodukte aß, hatte danach keine schlechteren Cholesterin- und Blutfettwerte als eine Vergleichsgruppe mit wenig Milchprodukten. Auch beim Körpergewicht gab es innerhalb der Gruppen keine nennenswerte Veränderung.
Durchgeführt haben die Studie Forschende der University of Toronto und der Mount Saint Vincent University in Halifax, erschienen ist sie im Fachjournal The Journal of Nutrition. Online ist die Arbeit seit Jänner verfügbar, derzeit wird sie international erneut breit diskutiert. „Halten Sie es einfach, essen Sie eine Vielfalt an Lebensmitteln und von nichts zu viel“, sagt Studienleiter Harvey Anderson, Professor für Ernährungswissenschaften an der Medizinischen Fakultät der Universität Toronto, laut Mitteilung der Universität.
Wie die Studie aufgebaut war
Teilgenommen haben Erwachsene zwischen 25 und 60 Jahren mit Übergewicht oder leichter Adipositas, die ansonsten gesund waren und normale Blutzucker-, Blutfett- und Blutdruckwerte hatten. Von 107 Personen, die in die Studie aufgenommen wurden, schlossen 74 sie ab und flossen in die Auswertung ein. Sie wurden per Zufall auf drei Gruppen verteilt, alle sollten sich nach den kanadischen Ernährungsrichtlinien ernähren.
Zwei Gruppen bekamen täglich drei Portionen vollfette Milchprodukte gestellt: zum Frühstück 250 Milliliter Milch mit 3,25 Prozent Fett, zu Mittag 100 Gramm griechisches Joghurt, am Abend 42 Gramm Käse. Eine dieser Gruppen sollte die zusätzlichen Kalorien an anderer Stelle einsparen, die andere aß ohne Vorgaben. Die Vergleichsgruppe durfte höchstens eine Portion fettarmer Milchprodukte oder pflanzlicher Alternativen am Tag essen und sollte zugleich 500 Kilokalorien pro Tag weniger zu sich nehmen. Eine Gruppe ganz ohne Milchprodukte gab es nicht, ein sauberer Vergleich von vollfett und fettarm ist die Studie deshalb nicht. Registriert ist sie im US-Studienregister unter NCT04399460.
Was bei Gewicht, Blutfetten und Blutzucker herauskam
Beim Gewicht unterschieden sich die Gruppen leicht. Die Vergleichsgruppe verlor im Schnitt 0,69 Kilogramm, die beiden Milchgruppen legten 0,35 und 0,14 Kilogramm zu. Keine dieser Veränderungen war für sich genommen statistisch bedeutsam, der Unterschied zwischen der Vergleichsgruppe und der kalorienneutralen Milchgruppe allerdings schon. An der Körperzusammensetzung änderte sich nichts Wesentliches.
Beim LDL-Cholesterin, beim HDL-Cholesterin, beim Gesamtcholesterin und bei den Triglyceriden fanden die Forschenden keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Auch Nüchternblutzucker und der Langzeitblutzuckerwert HbA1c blieben gleich. Insulin selbst wurde nicht gemessen, Aussagen zur Insulinresistenz stützen sich daher nur auf diese beiden Werte. Deutlich verändert hat sich die Kalziumzufuhr: Sie lag in den Milchgruppen bei rund 1.100 Milligramm pro Tag, in der Vergleichsgruppe bei 760 Milligramm.
Wo die Grenzen der Studie liegen
Die Autorinnen und Autoren nennen selbst mehrere Einschränkungen. Wegen der Corona-Pandemie konnten sie deutlich weniger Personen aufnehmen als die 153, die laut ihrer Planung nötig gewesen wären. Zwölf Wochen seien zu kurz, um längerfristige Veränderungen zu erfassen, die Ernährung wurde von den Teilnehmenden selbst protokolliert. Über das langfristige Risiko für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sagt die Studie nichts aus.
Finanziert wurde die Arbeit unter anderem über ein Forschungsprogramm, an dem der Verband der kanadischen Milchbauern Dairy Farmers of Canada und das kanadische Landwirtschaftsministerium beteiligt sind. Laut Studie hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf die Veröffentlichung. Das Fazit der Forschenden fällt entsprechend vorsichtig aus: Regelmäßig vollfette Milchprodukte als Teil einer gesunden Ernährung seien mit den kanadischen Richtlinien vereinbar.
Was in Österreich empfohlen wird
Die österreichischen Ernährungsempfehlungen, erarbeitet von der AGES gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung, sehen bei einer Mischkost mit Fisch und Fleisch zwei Portionen Milch und Milchprodukte pro Tag vor, für Vegetarierinnen und Vegetarier drei. Eine Portion entspricht einem Glas oder Becher mit 150 bis 200 Millilitern oder zwei dünnen Käsescheiben. Dazu kommt der ausdrückliche Rat: „Bevorzugen Sie fettärmere und ungesüßte Produkte.“ Die drei Portionen der kanadischen Studie liegen also über dem, was hierzulande für Fleischesserinnen und Fleischesser empfohlen wird.
Hintergrund des Rats zu fettärmeren Produkten sind die gesättigten Fettsäuren, die in Milchfett reichlich enthalten sind. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt in ihrer Leitlinie zu Fetten aus dem Jahr 2023, dass sie höchstens zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen. Eine einzelne kleine Studie ändert an diesen Empfehlungen nichts. Sie liefert aber ein weiteres Indiz dafür, dass Milchprodukte nicht nur nach ihrem Fettgehalt beurteilt werden sollten, wie die Forschenden aus Toronto argumentieren.
Quellen
The Journal of Nutrition: The Effect of Three Daily Servings of Full-Fat Dairy for 12 Weeks on Body Weight, Body Composition, Energy Metabolism, Blood Lipids, and Dietary Intake of Adults with Overweight and Obesity (2026)
University of Toronto, Temerty Faculty of Medicine: Full-fat dairy shows benefits without raising body fat or cholesterol, study finds (17. Juni 2026)
AGES und ÖGE: Österreichische Ernährungsempfehlungen, Milch und Milchprodukte (2026)
WHO: WHO updates guidelines on fats and carbohydrates (17. Juli 2023)
