Das Ardo-Tiefkühlwerk im Marchfeld steht vor der Schließung, die saisonunabhängige Versorgung Österreichs mit Frischgemüse damit an der Kippe. Oder doch nicht?
Erstaunlich, wie wenig man über die Hintergründe jener Lebensmittel weiß, zu denen man täglich einfach so greift. Etwa, dass die Iglo Austria GmbH zwar knapp 40 Prozent des heimischen Markts für Tiefkühlkost abdeckt, aber alles andere als ein heimisches Unternehmen ist: Gegründet vom internationalen Konzern Unilever in den 1960er-Jahren, der Name stammt vom niederländischen Konzern-Zweig, seit den 1970ern wird die „Iglo-Group“ von Konzern zu Konzern weiterverkauft, zuletzt 2015 um 2,6 Milliarden Euro an die amerikanische Investorengruppe Nomad Foods. Der österreichische Markt macht in der Iglo-Group 4,2 Prozent aus.
Gründonnerstag ohne Spinat?
Und vom belgischen Unternehmen namens Ardo, das in sieben Ländern weltweit 16 Tiefkühlwerke betreibt, 1,4 Milliarden Euro Umsatz macht und jährlich über 800.000 Tonnen Obst, Gemüse und Kräuter tiefkühlt, hatte man in Österreich bis Ende September kaum eine Ahnung. Zu diesem Zeitpunkt gab das Unternehmen allerdings bekannt, dass es sein Werk in Groß-Enzersdorf im Marchfeld 2027 schließen und demontieren werde.
Blöd nur, dass hier ungefähr 80 Prozent des heimischen Tiefkühlgemüses verarbeitet wurden, nicht nur für Iglo, sondern auch für die Eigenmarken der vier großen Lebensmittelketten. Keine Tiefkühlerbsen mehr fürs Risipisi, kein Kochsalat mit Erbsen mehr zur Augsburger und vor allem – kein Cremespinat mehr am Gründonnerstag? Spätestens da brach in Österreich dann Panik aus.
Jetzt hat Tiefkühlung von blanchiertem Gemüse zweifellos ihre Vorteile: Abgesehen von der Haltbarkeit und praktischen Handhabung bleiben durch blitzschnelle Verarbeitung oft mehr Vitamine und Nährstoffe erhalten als bei der Regalware. Ein wirkliches Zukunftsmodell ist das hinsichtlich Verarbeitung, Lieferkette und Lagerung extrem energieintensiver Verfahren aber natürlich nicht.
Es geht auch frischer
Noch dazu, wo wir eigentlich eine ganz gute Alternative dazu hätten – nämlich Frischgemüse auch im Winter. Seit der Entdeckung, dass nicht nur Kohlsprossen Frost ganz gut aushalten, sondern manche Sorten wie Pflücksalate oder Radieschen in der Kälte ganz neue Qualitäten entwickeln, tun sich da gemüsetechnisch neue Welten auf.
Dazu kommt die durch die anglo-amerikanische Smoothie- und Superfood-Bewegung plötzliche Popularität von Gemüsesorten, die davor eher ein Aschenputtel-Dasein führten. Man denke da nur an den Hype von „Kale“, früher auch bekannt als Grünkohl, oder Cavolo Nero alias Schwarzkohl, der zu Insta-tauglichen Chips geröstet, Curry geschmort, auf Quiches platziert oder mit weißen Bohnen und Nüssen kontrastiert wird.
Österreichs bester vegetarischer Koch, Paul Ivić, wiederum schwärmt von der vergleichsweise jungen, „Flower Sprouts“ genannten Kreuzung aus Kohlsprossen und Grünkohl. Die Foodies entdecken zunehmend ihre Liebe zur Zichorien-Art Puntarelle, um daraus römischen Salat mit Olivenöl, Anchovis, Zitrone und etwas Knoblauch zu machen, auch der Stängelkohl Cime die Rapa, steht hoch im Kurs und findet sich als Gemüse zu italienischer Salsiccia oder unter seiner neapolitanischen Bezeichnung Friarelli auch auf der Pizza.
Gemüse mit Aschenputtel-Biografie
Nicht zu vergessen die Sau- oder Ackerbohnen, nicht gerade mit einem schmeichelhaften Namen gesegnet, gilt die traditionsreiche und vor allem als Viehfutter verwendete Hülsenfrucht als Protein-Gigant. In Italien weiß man natürlich auch daraus Köstliches zuzubereiten (etwa den Fave alla Poverella-Salat) und hat mit „fava“ auch den sehr viel cooleren Namen für sie.
Die Liste lässt sich noch lange fortsetzen, Mangold etwa hält sehr tiefe Temperaturen aus, die gerade recht populär werdende Goldrübe wird bis zum Frost geerntet, Portulak wird gerade wiederentdeckt und mit der Karde hat man eine fantastische Alternative für die Artischocke zur Hand, die auch im Spätherbst noch zu ernten ist.
Klar, wer gemüsemäßig auf Tomaten, Gurken und Zucchini besteht, wird auf den Klimawandel hoffen müssen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 45/2026 erschienen.
