ABO

„Viele Abzocker, aber auch viel Gutes“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
3 min
Artikelbild
Wolfgang Salomon©Klaus Pichler

Es ist nicht leicht, in Venedigs Lokalszene den Überblick zu bewahren. Denn nicht nur, dass es so unglaublich viele Lokale gibt, mittlerweile ändert sich die Szene auch recht rasch. Venedig-Kenner Wolfgang Salomon erklärt, was sich ändert und warum.

News auf Google bevorzugen

Sie beobachten Venedigs Lokalszene seit Langem und auch aus beruflichem Interesse. Wie hat sich Venedigs Kulinarik in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Früher war in Venedig – wie in vielen anderen italienischen Regionen – eher eine gewisse „Arme Leute“-Küche üblich. Man aß Pferde- und Eselfleisch, Innereien, Schmorgerichte, Fisch und Meeresfrüchte waren eher der Luxus. Aber mit dem boomenden Tourismus änderten sich natürlich die Standards, da kommst du mit Pferdefleisch und Innereien nicht mehr sehr weit, Venedig und auch seine Küche wurden internationaler.

Aber es gibt auch so wahnsinnig viel Neues, musste dafür Altes weichen?

Das lag nicht zuletzt am letzten großen Hochwasser im Jänner 2019. Da haben viele aufgesteckt, verkauften an ausländische Investoren. Und dann kam auch noch Corona. Das war für eine Stadt, die 365 Tage vom Tourismus lebt, natürlich die blanke Katastrophe, aber man muss sagen: Es hat Venedig verjüngt, es ist lebendiger denn je.

Täuscht es, oder betrifft das vor allem die Bacaro-Szene, die typischen venezianischen Weinbars, die gerade eine starke Renaissance erleben?

Absolut, das Thema ist bei Bloggern und Influencern sehr beliebt. Aber wohl auch weil die Biennale so hipp geworden ist. In der Via Garibaldi zwischen Arsenal und Giardini entstanden in den vergangenen Jahren unzählige Bed & Breakfast-Unterkünfte. Dort explodierte die Bacaro-Szene regelrecht.

Man hat auch das Gefühl, dass lokale Herkunft und Zutaten aus der Lagune ein großes Thema sind. Zeigt die Slow-Food-Philosophie da Wirkung?

Die Alten kannten das natürlich auch schon alles, das Gemüse aus St. Erasmo, die Muscheln von Pellestrina, aber die neue Gastronomen-Generation kann mit diesen Produkten und auch mit ihrer Vermarktung sehr gut umgehen. Die Jungen streichen die Herkunft sehr viel stärker heraus.

Traditionell wurde Venedig ja eher von Kultur-Touristen, Liebespaaren und Tagesausflüglern besucht. Wird Venedig jetzt zur Foodie-Destination?

Die Venezianer waren immer schon Handelsleute und damit international, passten sich immer schon den Gegebenheiten an. Und nachdem in der Stadt nur mehr 50.000 Menschen leben, braucht es nicht mehr so viele Schuster, Schneider, Nahversorger. Das wird dann alles zum Lokal umgewandelt. Da entstand sehr viel – viele Abzocker, aber auch viel Gutes.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 44/2026 erschienen.

Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER