Der Amaro-Boom sorgt dafür, dass wir auf einmal alle Spirituosen trinken wollen, die uns eigentlich gar nicht schmecken sollten.
Wer gerade Lebensstil und Kennerschaft demonstrieren will, trinkt bitter. Lässt sich rote, gelbe oder braune Bitterliköre mit klingenden italienischen Namen über Eiswürfel gießen, mit Prosecco zu Sprizz verrühren oder vom Barkeeper des Vertrauens den König der Aperitif-Getränke bauen, den Negroni. An Bitter kommt man gerade nicht vorbei.
Warnung der Geschmackssensoren
Dabei war die Geschmacksnote „bitter“ in unserem Wahrnehmungsspektrum ursprünglich dazu gedacht, um uns zu warnen. Dass da was verdorben oder giftig ist, dass wir da jedenfalls die Finger und vor allem die Zunge davon lassen sollten.
Nur können die für dieses nützliche Geschmacksempfinden zuständigen hTAS2-Rezeptoren, hauptsächlich an der Unterseite der menschlichen Zunge angebracht, auch noch etwas anderes, nämlich nach der Alarmmeldung auch gleich körpereigene Strategien zur Entgiftung in Gang setzen, konkret die Anregung von Magensäure und Gallensekret. Mit dem angenehmen Nebeneffekt: Verdauungsförderung und Appetit-Anregung.
Mönche wussten schon, was gut ist
Wir kennen das vom Aperitif-Bierchen oder vom Espresso nach dem Essen. Den Effekt machte man sich aber schon seit jeher zunutze, indem Kräuter, Beeren, Dolden und Wurzeln zu „bitterer Medizin“ vermischt wurden. Vor allem in mittelalterlichen Klostergärten herrschte diesbezüglich hohe Kompetenz, im 13. Jahrhundert brachten schließlich Kreuzfahrer die technische Errungenschaft der Destillation aus dem Orient mit, Arnaldo von Villanova entwickelte die Methode der Mazeration, also der Auslaugung von Kräutern in Alkohol. So entstanden berühmte Klosterliköre wie der Chartreuse, Mechitharine, Bénédictine D.O.M., Ettaler, Engelszeller & Co.
Irgendwie schafften es die Klosterliköre dann im 19. Jahrhundert an die städtischen Theken in Paris, Turin und Mailand, es könnte durchaus etwas mit den psychoaktiven Wirkungen einiger der mazerierten Wurzeln zu tun gehabt haben. Schlaue Unternehmer aus Frankreich und Italien kauften den Mönchen ihre Jahrhunderte alten Rezepturen ab und machten aus der Medizin ein Konsumprodukt. Averna, Campari, Ramazotti, Fernet-Branca, Braulio und wie sie alle heißen mögen, präsentierten ihre einprägsamen Etiketten in den Regalen der damals angesagten Bars.
Der Zauber der Wurzeln
Die bitteren Zutaten haben bis heute ein bisschen was Mystisches, da schwingt der Zauber des Mittelalters, das Alchimistische durchaus noch mit: Enzianwurzel, Chinarinde, Ginseng, Schalen der Bitterorange, Kaskarillrinde, Blutwurz, Engelswurz und natürlich der Wermut – je mehr davon, je besser balanciert und mit Gewürzen abgepuffert, desto besser.
Und genau so tauchten diese bitteren Liköre, die in den letzten 30 Jahren in der Hausbar ja ein bisschen nach hinten gerutscht waren, auch wieder auf: über ihre interessanten Zutaten. Denn mit dem Gin-Boom der vergangenen 15 Jahre wurden „Botanicals“ plötzlich wieder zum Thema; auch das von den Balearen und Italien nach Österreich vordringende Wermut-Revival fügte sich in diese Welle. Das floss dann irgendwie zusammen und auf einmal war der Negroni das, was alle trinken wollen mussten – ein vor 126 Jahren erstmals gemixter Pre-Dinner-Cocktail aus Gin, Wermut und Campari, also alles da.
Im Windschatten dieses Negroni-Trends wurde die Aperitivo-Bar – eine bis dahin in Österreich unbekannte Gastronomie-Gattung – auf einmal zur urbanen Selbstverständlichkeit, aktuell vergeht keine Woche, in der nicht eine neue aufmacht und wir zusehen können, wie wir alle ein bisschen italienischer werden. Gut so, auch wenn es etwas bitter schmecken mag …
Campari: Der Bitter-Bestseller
Der Bitterlikör aus Mailand ist nicht nur in aller Munde derer, die sich einen Frühabend-Cocktail bestellen, der Mutterkonzern des roten Bestsellers ist heute absoluter Marktbeherrscher auf dem Sektor von Aperitif und Bitterlikören. Die bis heute geheime Rezeptur aus etwa 80 Zutaten ist angeblich nur dem Präsidenten der drei Milliarden Euro schweren Firmengruppe bekannt, eine nette Geschichte.
Tatsache ist, dass man vor 20 Jahren auf den natürlichen Farbstoff Karmin verzichtete, weil die Herkunft des originalen Rot von der Cochenille-Schildlaus stammt und man das als marketingtechnisch suboptimal einschätzte, und dass der Zuckergehalt zunahm.
Seit 1995 besitzt Campari auch den markanten Artischocken-Amaro Cynar (auch der wurde damit süßer und büßte sein fantastisches Originaletikett ein), von 1999 bis 2025 besaß man Cinzano, seit 2003 gehört Aperol zur Firmengruppe, 2014 kamen die Amaro-Klassiker Averna und Braulio dazu, 2022 erweiterte der Konzern das Portfolio um die französischen Marken Picon und Sarti.
Seit 2018 gibt es auch eine limitierte „Cask Tales“-Sonderedition, für die der Campari in Bourbon-, Rum- oder Tequilafässern gelagert wird. 2019 eröffnete Campari in Kooperation mit dem Schwarzen Kameel im Goldenen Quartier die vom Mailänder Architekten Matteo Thun gestaltete Bar Campari, in der das rote Bittergetränk so gemixt wird, wie es sich gehört.
Bar Campari
Seitzergasse 6
1010 Wien
barcampari.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.
