In sozialen Medien kursieren Millionen von Medizin- und Gesundheitsmythen, die als Fakten präsentiert werden, um daraus Profit zu schlagen. Sogenannte „Medfluencerinnen und Medfluencer“ werden immer mehr zum Problem für Gesellschaft und Behörden. Die deutsche Ärztin und Journalistin Julia Fischer erklärt, wie man Fakten von „Fakes“ unterscheidet.
Hafermilch sei mindestens so schädlich wie Cola, Proteinshakes ersetzen eine richtige Mahlzeit, Pflanzenöle seien giftig: In den sozialen Medien kursieren Millionen von Mythen rund um Gesundheit, Medizin und Ernährung.
Zu Gesundheit hat eben jede und jeder eine Meinung und viele machen ein florierendes Business daraus: Sogenannte „Medfluencerinnen und Medfluencer“ (eine Wortkombination aus Medizin und Influencer bzw. Influencerin) beeinflussen Millionen und vermarkten daneben nicht selten eigene Produkte, wie Nahrungsergänzungsmittel, Bücher oder Apps.
Fehlinformation und Deepfakes
Doch nicht alle Medizin-Content-Creator sind auch seriös oder gar qualifiziert: Der jüngste Fall um die deutsche Medfluencerin „Doc Alina“, die ein Medikament gegen eine erfundene Krankheit bewarb, rief sogar die Staatsanwaltschaft auf den Plan – wegen des Verdachts auf Missbrauch von Berufsbezeichnungen. Fälle wie dieser häufen sich.
Von Wundermitteln bis Mental-Health-Selbstdiagnosen: Die Bandbreite von pseudomedizinischen Inhalten in sozialen Medien ist gigantisch, und die Lage verschlimmert sich durch Deepfakes weiter: Da wird medizinisches Fachpersonal durch Künstliche Intelligenz instrumentalisiert, um in gefälschten Videos Fehlinformationen zu verbreiten. Die deutsche Ärztin und Journalistin Julia Fischer wurde selbst Opfer eines solchen Deepfakes. Sie engagiert sich seit Jahren für Aufklärung und gegen Wissenschaftsfeindlichkeit.
In Ihrem neuen Buch rechnen Sie ganz schön mit der Influencer-Welt ab. Dennoch werden Sie selbst als „Medfluencerin“ bezeichnet: Wie finden Sie das? Was unterscheidet Ihre Inhalte denn von denen anderer?
Ich bin tatsächlich hin- und hergerissen. Nicht, weil ich „Influencerin“ despektierlich fände – überhaupt nicht. Viele Menschen machen auf Social Media großartige Inhalte und bieten echten Mehrwert. Aber gerade „Medfluencer“ umfasst ein ziemlich wildes Spektrum: von seriöser, evidenzbasierter Gesundheitskommunikation bis zu fragwürdigen Heilversprechen, überflüssigen Supplements und Desinformation.
Deshalb denke ich bei dem Begriff manchmal schon: In dieser Schublade möchte ich eigentlich nicht liegen. Andererseits möchte ich natürlich Menschen „influencen“ – zu mehr Bewegung, gesunder Ernährung, Vorsorge und informierten Gesundheitsentscheidungen. Wenn jemand durch meine Inhalte versteht, warum Bluthochdruck behandelt werden sollte oder warum ein Wundermittel vermutlich vor allem demjenigen hilft, der es verkauft, ist das Einfluss, den ich sehr sinnvoll finde.
Meine Inhalte sind eine Mischung aus Medizin und Journalismus: wissenschaftlich sauber recherchiert und eingeordnet, aber so erzählt, dass man dafür kein Medizinstudium braucht und im besten Fall sogar Spaß beim Zuschauen hat. Evidenzbasiert muss ja nicht trocken sein. Also: Ich kann mit „Medfluencerin“ leben.
Welche jüngsten Entwicklungen halten Sie im Influencing-Bereich für besonders gefährlich, wenn es um medizinische Themen geht?
Besonders gefährlich finde ich es, wenn Menschen gezielt von evidenzbasierter Medizin weggeführt werden. Wenn suggeriert wird, man solle Ärzten, Ärztinnen und Fachgesellschaften misstrauen, sich nicht impfen lassen oder lieber irgendwelche Supplements nehmen als eine gut untersuchte Therapie. Das ist kein harmloser Wellness-Unsinn mehr. Im schlimmsten Fall kann so etwas Leben kosten. Durch KI bekommt das eine völlig neue Dimension.
Ich bin selbst schon Opfer von Deepfake-Videos geworden, in denen ich angeblich Wundermittel empfohlen habe. Da wird Vertrauen gekapert, um Produkte zu verkaufen, die im besten Fall teuer und wirkungslos, im schlimmsten Fall aber schädlich sind. Gleichzeitig untergraben solche Fälschungen das Vertrauen in echte Ärztinnen und Ärzte und seriöse Gesundheitsinformationen. Wir müssen uns also nicht mehr nur fragen: Stimmt das, was diese Person sagt? Sondern inzwischen sogar: Hat diese Person das überhaupt gesagt?
Wenn falsche Gesundheitsinformationen millionenfach verbreitet werden, ist das keine rein individuelle, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.
Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass Ihnen Postings angezeigt wurden, in denen Eltern stolz von ihren ungeimpften Babys erzählen …
Das ist ein gutes Beispiel für Social-Media-Inhalte, die tatsächlich gefährlich werden können. Dabei finde ich es enorm wichtig, Ängste von Eltern ernst zu nehmen. Eltern dürfen und sollen kritisch nachfragen, aber Entscheidungen sollten auf Fakten beruhen. Problematisch wird es, wenn das Nichtimpfen zum stolzen Statement wird und damit andere Eltern beeinflusst werden.
Dahinter steckt auch ein klassisches Präventionsparadox: Gerade weil Impfungen so erfolgreich sind, haben wir viele der Krankheiten, vor denen sie schützen, aus unserem Alltag verdrängt. Wären Kinderlähmung, Pocken oder schwere Masernkomplikationen wie eine Enzephalitis heute noch so präsent wie früher, würden wir solche Posts vermutlich deutlich seltener sehen.
Ein ungeimpftes Kind, das gesund bleibt, beweist natürlich nicht, dass Impfungen unnötig sind. Bei bestimmten Erkrankungen profitiert es auch davon, dass viele Menschen in seinem Umfeld geimpft sind und der Erreger dadurch seltener zirkuliert. Kritisch nachfragen und Risiken abwägen: unbedingt. Aber Videos von Menschen ohne medizinische Expertise und Verständnis für die Komplexität solcher Entscheidungen sollten nicht die Grundlage dafür sein, wie wir über die Gesundheit unserer Kinder entscheiden.
Was ist das größere Problem: mangelnde Medienkompetenz oder diejenigen, die Halb- und Falschwissen produzieren? Und welche Verantwortung tragen die sozialen Netzwerke?
Es ist eine Mischung. Wir brauchen dringend mehr Medien- und Gesundheitskompetenz. Ich würde mir das sogar als Schulfach wünschen. Genau deshalb habe ich auch dieses Buch geschrieben: Wir müssen lernen, Quellen einzuschätzen und Gesundheitsversprechen kritisch zu hinterfragen. Aber wir können nicht alle zu Faktencheckern werden. Wer Arbeit, Kinder und Alltag bewältigt, kann nicht nebenbei Quellen prüfen, Interessenkonflikte recherchieren und jede Behauptung verifizieren.
Deshalb sind auch Politik und Plattformen in der Verantwortung. Wir brauchen mehr Transparenz darüber, wie Algorithmen funktionieren, warum bestimmte Inhalte enorme Reichweiten bekommen und wirksame Regulierungs- und Sanktionsmöglichkeiten bei gefährlicher Desinformation. Wenn falsche Gesundheitsinformationen millionenfach verbreitet werden, ist das keine rein individuelle, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.

„Was stimmt denn jetzt?“: Orientierung im Gesundheitschaos - online wie offline | Plus: die 7 gesündesten Entscheidungen deines Lebens!
Wurde sofort ein Bestseller: Dr. med. Julia Fischer gibt in „Was stimmt denn jetzt?“ wissenschaftlich fundierte Antworten auf medizinische Fragen und beleuchtet medizinische Social-Media-Inhalte kritisch. Knaur
Was kann man denn nun tun, um sich umfassend zu informieren: Zeitung lesen? Studien wälzen? Was empfehlen Sie?
Bei konkreten Gesundheitsfragen würde ich tatsächlich erst einmal die Ärztin oder den Arzt fragen, bei Medikamenten auch die Apothekerin oder den Apotheker. Sehr hilfreich sind außerdem Patientenleitlinien medizinischer Fachgesellschaften: Sie übersetzen den aktuellen Wissensstand und Empfehlungen so, dass man dafür kein Medizinstudium braucht. Dazu kommen unabhängige Gesundheitsportale und guter Wissenschaftsjournalismus.
Und online hilft ein einfacher Alarmtest: Sensationelles Heilversprechen, Angst als Verkaufsargument und am Ende zufällig ein Produkt im Warenkorb? Skeptisch werden. Und ruhig mehrere seriöse Quellen vergleichen. Gute Medizin erkennt man nämlich oft auch daran, dass sie Unsicherheit aushält und nicht für jede Frage eine spektakulär einfache Antwort verspricht.
Warum haben Sie ein Buch geschrieben, in dem Sie nicht nur auf problematische Inhalte in sozialen Medien aufmerksam machen, sondern auch Mythen entlarven? Gab es ein einschlägiges Ereignis?
Es gab nicht diesen einen Moment. Ich beschäftige mich seit fast zehn Jahren journalistisch mit Gesundheitsmythen und habe immer wieder auf neue Behauptungen reagiert, sie eingeordnet oder richtiggestellt. Irgendwann dachte ich: Ich möchte nicht immer nur reagieren, sondern vorher ansetzen. Deshalb ist das Buch vor allem als eine Art Werkzeugkasten gedacht: Warum überzeugt uns eine persönliche Geschichte manchmal mehr als gute Daten? Wie erkenne ich fragwürdige Studien oder Interessenkonflikte?
Die konkreten Mythen im Buch sind einerseits Themen, die gerade viele Menschen beschäftigen – gleichzeitig sind sie Paradebeispiele, an denen man den Umgang mit diesem Werkzeugkasten üben kann. Mir war auch wichtig, die Perspektive umzudrehen: Was wissen wir denn tatsächlich darüber, was zu einem gesunden, langen und möglichst glücklichen Leben beiträgt?
Die Antwort ist oft erstaunlich unaufgeregt – und sehr viel weniger spektakulär als unser aktueller Social-Media-Feed. Es sind eben nicht der nächste Biohack oder das neueste Supplement. Mein Ziel ist deshalb nicht, den Menschen vorzuschreiben, was sie glauben sollen, sondern ihnen Orientierung und Werkzeuge zu geben, mit denen sie Gesundheitsversprechen selbst besser einordnen können.
Sie sprechen im Buch auch von „Infodemie“: Warum sind Menschen derzeit so interessiert an medizinischen und psychologischen Themen? Ist das eine Folge der Pandemie?
Die Pandemie war sicher ein enormer Beschleuniger. Gesundheit wurde zum gesellschaftlichen Dauerthema, gleichzeitig hat sich Vertrauen teilweise verschoben: weg von Institutionen und hin zu einzelnen Personen auf Social Media, zu denen wir eine vermeintliche persönliche Nähe empfinden. Das kann problematisch werden, wenn Nähe mit Expertise verwechselt wird.
Dazu kommt eine ohnehin wachsende Selbstoptimierungskultur. Es reicht nicht mehr, gesund zu sein – Schlaf, Ernährung, Blutzucker, Darm, Hormone und Konzentration sollen möglichst auch noch optimiert werden. Wearables und Social Media verstärken das zusätzlich. Und möglicherweise spielt auch unsere unsichere Zeit eine Rolle: Politische Verhältnisse verschieben sich, Kriege und globale Krisen rücken näher, vieles erscheint kaum kontrollierbar.
Es gibt die These, dass wir uns dann umso stärker dem zuwenden, was vermeintlich kontrollierbar ist: dem eigenen Körper. Wir haben heute also nicht zu wenig Gesundheitsinformationen, sondern eher zu viele. Die eigentliche Herausforderung dieser „Infodemie“ ist, die verlässlichen herauszufiltern.
Nun blicken wir mit KI auf eine gänzlich andere Dimension der Informationsverbreitung. Welche Chancen sehen Sie in puncto Gesundheitsinfos, und welche Risiken?
KI bietet enorme Chancen: Sie kann komplizierte medizinische Informationen verständlich machen, Arztbriefe übersetzen oder helfen, sich auf ein Arztgespräch vorzubereiten. Das kann Gesundheitskompetenz verbessern und Wissen zugänglicher machen.
Gleichzeitig kann KI Falschinformationen mit beeindruckender Überzeugungskraft produzieren – sprachlich perfekt, aber inhaltlich falsch. Und mit Deepfakes wird zunehmend sogar unklar, ob eine Person etwas überhaupt gesagt hat. Wir müssen deshalb sehr schnell lernen, KI sinnvoll zu nutzen, ihre Grenzen zu verstehen und KI-generierte Inhalte kritisch einzuordnen. Darauf sind wir als Gesellschaft noch nicht ausreichend vorbereitet.

Steckbrief
Julia Fischer
Julia Fischer ist Journalistin, Ärztin, Content Creatorin und Autorin. Sie moderierte „Doc Fischer“ im SWR/ARD und den YouTube-Kanal „ARD Gesund“. Seit 2019 widmet sie sich erfolgreich ihrem eigenen Instagram-Account, wo sie über medizinische Themen aufklärt und kritisch berichtet.
Auch in ihrem neuen Buch „Was stimmt denn jetzt?“ klärt Julia Fischer über medizinische Mythen, die häufig über Social Media transportiert werden, auf und macht sich so gegen medizinische Halbwahrheiten stark.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 43/2026 erschienen.
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