In der Nacht auf Sonntag werden die Uhren zurückgestellt. Eine große Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass die Zeitumstellung nicht einfach schädlich ist: Die Umstellung im Frühling hängt mit mehr Herzinfarkten zusammen, jene im Herbst eher mit Vorteilen.
Kein einheitlich negatives Bild
In der Nacht auf Sonntag, 25. Oktober, endet die Sommerzeit, die Uhren werden um 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt. Was die Zeitumstellung für die Gesundheit bedeutet, hat ein Forschungsteam um Steponenaite, Wallraff und Wild in einer großen Übersichtsarbeit untersucht. Ausgewertet wurden 157 Studien aus 36 Ländern. Die Ergebnisse sind heuer im European Journal of Epidemiology erschienen.
Das Fazit fällt differenzierter aus als viele Warnungen vor der Zeitumstellung. Die verbreitete Botschaft, die Umstellungen und die Sommerzeit seien durchwegs schädlich, werde durch die Daten nicht gestützt, schreiben die Autorinnen und Autoren. Statt für die Beibehaltung oder Abschaffung der Zeitumstellung zu werben, spreche ihre Auswertung für einen ausgewogenen Umgang mit dem Thema.
Frühling: mehr Herzinfarkte und tödliche Unfälle
Ungleich sind vor allem die Folgen der beiden Umstellungen. Die Umstellung auf die Sommerzeit im März, bei der eine Stunde fehlt, geht laut der Auswertung kurzfristig mit mehr akuten Herzinfarkten einher, vor allem in den ersten Wochen danach. Eine in der Arbeit zitierte Metaanalyse beziffert den Anstieg des relativen Risikos auf rund vier Prozent.
Zudem steht die Frühjahrsumstellung mit mehr tödlichen Verkehrsunfällen in Verbindung, besonders in Studien aus den USA. Bei der Gesamtsterblichkeit fand eine hochwertige US-Studie nach der Umstellung im Frühling dagegen keine Veränderung. Wie stark der Schlaf in diesen Tagen tatsächlich leidet, ist laut den Forschenden unklar, der Schlafverlust scheint nicht größer zu sein als an anderen Tagen des Jahres.
Herbst: eher Vorteile
Für die Umstellung im Herbst, die am Sonntag ansteht, zeichnen die Daten ein freundlicheres Bild. Sie geht laut der Übersichtsarbeit mit einer geringeren Gesamtsterblichkeit und weniger Arbeitsunfällen einher. Kurzfristig könnte sich zudem die Schlafdauer verlängern, weil die Nacht eine Stunde mehr hat.
Ganz ohne Schattenseiten ist auch der Herbst nicht. In den ausgewerteten Studien war die Umstellung auf die Winterzeit mit mehr Straftaten verbunden, bei denen Menschen körperlich zu Schaden kamen, während sich im Frühling das umgekehrte Muster zeigte. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, mögliche Vorteile zu erhalten und erkannte Risiken gezielt zu verringern, etwa durch Sicherheitsmaßnahmen und eine vorausschauende Planung rund um die Umstellung.
„Eine Art kleiner Mini-Jetlag“
Wie der Körper die Umstellung erlebt, beschreibt die Chronobiologin Kristin Tessmar-Raible von der Universität Wien in einem Beitrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Für den Körper ist die Zeitumstellung eine Art kleiner Mini-Jetlag“, sagt sie. „Manche Menschen spüren das deutlich, andere kaum.“
Innere Uhren laufen nach ihren Angaben in nahezu jeder Zelle und werden von einer zentralen Uhr im Gehirn koordiniert. Die wichtigsten Taktgeber sind Licht, Essen und Bewegung. Im Vergleich zu anderen Belastungen der inneren Uhr ist die einstündige Verschiebung klein. „Langfristige Schichtarbeit gilt als gesundheitliches Risiko“, sagt Tessmar-Raible. Ob die Zeitumstellung abgeschafft werden soll, sei nicht nur eine biologische, sondern auch eine gesellschaftliche und politische Entscheidung.
Wo die Auswertung an Grenzen stößt
Die Forschenden weisen selbst auf deutliche Einschränkungen hin. Weil sich die einzelnen Studien stark unterscheiden, konnten sie die Ergebnisse nicht in einer gemeinsamen Metaanalyse zusammenrechnen. Viele Aussagen beruhen auf wenigen Arbeiten, für manche zentrale Frage gibt es nur eine einzige hochwertige Studie.
Besonders dünn ist die Datenlage zu innerer Uhr und Schlaf, Schlafstudien haben oft nur wenige Teilnehmende. Berücksichtigt wurden nur Arbeiten auf Englisch und Deutsch. Die Mechanismen hinter den beobachteten Zusammenhängen bleiben laut den Autorinnen und Autoren vorerst Vermutung.
