Ursula Poznanski: Meisterin im Method Writing

Ursula Poznanski steht für Spannung, Lust an falschen Fährten und Täter, die man liebgewinnen kann. Seit ihrem Debüt "Erebos" fand die Wienerin Millionen Leser und einen Stammplatz auf den Bestsellerlisten. Ihr Talent, dem Schicksal zu vertrauen, scheint wegweisend für ihren Erfolg.

von Ursula Poznanski © Bild: News/Ricardo Herrgott

Steckbrief Pamela Ursula Poznanski

  • Name: Ursula Poznanski
  • Geboren am: 30. Oktober 1968 in Wien
  • Ausbildung: Studium der Japanologie, Publizistik, Rechtswissenschaften und Theaterwissenschaften an der Universität Wien (ohne Abschlüsse)
  • Beruf: Schriftstellerin und Bestsellerautorin
  • Wohnhaft in: Wien
  • Familienstand: verheiratet, Mutter eines Sohnes

Ihre Neugierde auf die Welt brachte Ursula Poznanski an Orte, von denen die meisten kaum etwas miteinander gemeinsam haben. Die Bühne der Wiener Staatsoper. Die Würstelküche einer Blutspendestation. Oder die Redaktion eines medizinischen Fachverlags. Vor gut zehn Jahren war es dann die Frankfurter Buchmesse. Dort hat sie als Stammgast ein Zuhause gefunden. Das andere, private Heim der Österreicherin liegt am südlichen Stadtrand Wiens. Dort, wo sich die Bestsellerautorin schon seit Kindestagen heimisch fühlt.

In Perchtoldsdorf ist Ursula Poznanski aufgewachsen. Unweit von dort, in Liesing, hat sie die Figur des Londoner Schülers Nick Dunmore erdacht, der es in ihrem Jugendbuchhit "Erebos" mit einem lebensverändernden Computerspiel aufnimmt. Auch der Blumenhändlerin Carolin Bauer, eine Gärtnerin mit schicksalhafter Vergangenheit, hauchte sie dort Leben ein. Sie ist die Protagonistin von Poznanskis erfolgreicher Thriller-Trilogie "Vanitas".

Den Jugend-Thriller "Erebos"(Loewe) von Ursula Poznanski können Sie hier erwerben.*

Den Roman "Stille blutet" (Knaur) von Ursula Poznanski können Sie hier erwerben.*

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Insgesamt 21 Romane für Jugendliche und Erwachsene im Spannungssegment sind seit 2010 von ihr erschienen. Sie fanden mehr als zwei Millionen Käufer, brachten der Autorin - mit Ausnahme des Jahres 2014 - seit damals jährlich mindestens einen Buchpreis und beförderten sie regelmäßig in die "Spiegel"-Bestsellerlisten, insgesamt für rund 200 Wochen.

Ursula Poznanksi - mit G'spür für jede Figur

Der anhaltende Erfolg ist dem ehrgeizigen Jahrespensum der Vielschreiberin geschuldet, deren Werke in 38 Sprachen übersetzt wurden. Je einen Thriller für Erwachsene und einen für Jugendliche schreibt sie pro Jahr. Tausend Worte pro Tag. An ihren besten Tagen schafft sie die mit viel Disziplin in vier Stunden. Die Disziplin habe sie sich auch antrainiert, erzählt die Autorin, denn vom Schreiben leben zu können, sei ein Geschenk. "Das darf man nicht schleifen lassen", so Poznanski. "Außerdem schreibe ich nicht gerne in der Nacht. Ich mag viel lieber das Gefühl, wenn das Tagwerk erledigt ist und ich weiß: Jetzt ist Freizeit."

Ursula Poznanksi ist eine lebhafte, begeisterte Gesprächspartnerin, der man die Liebe zu ihren Protagonisten anmerkt. Auch zu den von Grund auf bösartigen Figuren, von denen sie in Landtmanns Jausenstation in Schönbrunn mit Hingabe erzählt. Poznanski stattet sie alle mit reichlich Motiven und in Tranchen servierten Hintergrundgeschichten aus. "Es hat etwas von Method Writing. Diesbezüglich kommen einander der Beruf des Schauspielers und des Autors sehr nahe. Ich denke mich in die Romanfigur hinein und versuche, Auslöser für ihr Verhalten zu finden. Ich spiele sie zwar nicht wie der Schauspieler, aber ich schreibe aus dieser Figur heraus", beschreibt die Autorin eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Fintenreiche Wendungen in ihren Plots und ihre Lust am Legen (falscher) Fährten kommen dazu.

Fasziniert vom Bösen

Die Nähe, die sie zu den bemitleidenswerten sowie den verabscheuungswürdigen Akteuren ihrer Romane erzeugt - viele entwickeln sich von einem Attribut zum anderen -, treibt Poznanski im neuen Thriller "Stille blutet" auf die Spitze. Eine junge Nachrichtensprecherin verkündet darin vor laufender Kamera ihre Ermordung. Zwei Stunden später ist sie tot, so wie kurze Zeit später ein Blogger, der seinen Tod ebenfalls angekündigt hat. Und während ein aalglatt erscheinender Werbefachmann sich im Visier der Polizei seinen Schwächen stellt und dabei scheibchenweise Strahlkraft verliert, baut Ursula Poznanski Seite um Seite einen anonymen Erzähler auf, der den Leser zum Komplizen macht.

Ursula Poznanski
© News/Ricardo Herrgott TAUSEND WORTE, EIN TAG. So lautet das Erfolgsrezept von Thriller-Autorin Ursula Poznanski. Zwei Romane schreibt sie pro Jahr, einen für Erwachsene, einen für Jugendliche
»Eine gefahrlose Grenzüberscheitung, die in Gedanken Spaß machen kann«

Die Kapitelüberschriften des zwielichtigen Erzählers hat die Autorin der düsteren Poesie "An die Verstummten" des expressionistischen Dichters Georg Trakl entlehnt. "Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne der Besessenen. Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht", heißt es an Finsternis schwer zu überbietend bei Trakl. Warum ausgerechnet die menschlichen Abgründe sie so faszinieren, hat Ursula Poznanski noch nicht endgültig ergründet. "Vielleicht ist es so etwas wie eine gefahrlose Grenzüberschreitung, die in Gedanken durchaus Spaß machen kann?", so ihr Versuch einer Antwort.

Für authentische Details in ihren Romanen recherchiert sie jedenfalls mit Lust und Akribie. Aus Fachliteratur eignet sie sich Wissen über die Spritzmuster an, die beim Durchstoßen einer Arterie durch das austretende Blut entstehen. Sie lässt sich von einer Autoschrottverwertung den genauen Ablauf der Schrottpresse erklären, wenn darin befindliche Personen umkommen sollen. Und sie schätzt die fachspezifischen Obuktions-Videos von @dr.tsokos auf Instagram.

Ursula Poznanksi: "Vielleicht klappt's ja auch?"

Sucht man den roten Faden der steilen Karriere der Autorin, ist Poznanskis Lust, sich angstfrei auszuprobieren und einzulassen, eine vielversprechende Spur. Als sie neben vier, jeweils abgebrochenen Studiengängen (Japanologie, Publizistik, Rechtswissenschaften und Theaterwissenschaften) einen Nebenjob suchte, erinnerte sie sich an die unterhaltsamen Anekdoten des Großonkels vom Statisten-Dasein an der Staatsoper. Sie tat es ihm gleich und gab die "Hofdame oder Nonne oder etwas Ähnliches" auf einer Bühne mit José Carreras, Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und Agnes Baltsa. "Das ist eine andere Welt, die mir die Liebe zur Oper geschenkt hat", schwärmt die Thriller-Spezialistin. Sie kocht als Nebenjob aber auch Würstchen für Blutspender und machte Telefonmarketing für ein Bank.

Dann kam ihr der Journalismus dazwischen, wie sie sagt. Ursprünglich sollte sie nur das Stellengesuch eines Medizinfachverlags im Institut für Publizistik aushängen, um Bewerber anzulocken. Als sich niemand fand, wurde sie gefragt, ob sie nicht Lust auf den Job hätte. "Ich habe mich durchs Bewerbungsgespräch geblufft und saß wenig später in London bei einem Kongress über Ostheoporose. Learning on the job", kommentiert sie ihre Herangehensweise. Nach dem Mut für das unbeleckte Betreten des Neulands befragt, sagt Poznanski leichthin: "Mehr, als dass es schiefgeht, kann ja nicht passieren. Aber vielleicht klappt es ja auch."

Wichtigste Ablehnung des Lebens

Mit dieser Leichtigkeit veröffentlichte die Autorin auch 2003 ihr erstes Kinderbuch ("Buchstabendschungel"). Kurz zuvor war ihr Sohn - heute 23 Jahre und Student - zur Welt gekommen und das Schreiben für dessen Weltsicht war dringliches Bedürfnis geworden. "Ich habe das Buch an fünf Verlage geschickt und einer hat es akzeptiert", erinnert sie sich. 2005 holte sie den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien für das Kinderbuch "Die allerbeste Prinzessin".

"Die Wände, gegen die man normalerweise läuft, die gibt es bei mir nicht, diese entbehrungsreiche Geschichte kann ich nicht erzählen", sagt Poznanski.

Den Punkt, der zur Zerreißprobe ihrer Karriere wurde, gab es freilich doch. Sie erwähnt ihn beiläufig. Auch das sagt viel über ihren Erfolgsweg aus. Kurz bevor ihr mit "Erebos" der Durchbruch gelang, musste sie eine Ablehnung verdauen, die schicksalhaft werden sollte. Es war das Aus für ihren ersten großen Roman, an dem sie fünf Jahre lang jede freie Minute geschrieben hatte. "Er hatte 500 Seiten und war fertig", so die Autorin. Für Fantasyromane sei aktuell kein Markt zu finden, wurde ihr gesagt. "Wir nehmen sie gerne, aber nicht mit diesem Buch", so die Ansage. Ob sie nicht eine andere Idee hätte?

"Gekiefelt habe ich schon daran", gesteht Poznanski. Gleichzeitig vertraute sie dem Schicksal, statt stur auf ihrem Buch zu beharren und erzählte von der vagen Romanidee um ein Computerspiel, "Erebos". 2011 gab es dafür den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2012 erschien ihr erster Thriller für Erwachsene. Seitdem gießt Poznanski erfolgreich nervenzerfetzende Ideen in Buchseiten. Zum Thema Hirnforschung, Fake News, Spiel mit Identitäten oder Social Media, wie aktuell in "Stille blutet".

Jahrzehntelang dieselbe Figur am gleichen Ort ermitteln zu lassen, wäre nicht das Ihre. "Ich brauche die Abwechslung. Immerhin muss mich das Thema ja auch ein paar Hundert Seiten lang fesseln", sagt die Autorin.

Kein Grund für einen Pranger

Bleibt noch das Missverständnis rund um das Jugendbuch "Erebos", das an Schulen zur Standardlektüre zählt. Gerne sehen Eltern und Lehrer im Buch ein Werk, das Computerspiele anprangert. Weit gefehlt. "Eigentlich ging es mir um die Macht der Manipulation", sagt Poznanski "Das Computerspiel ist hier Mittel zum Zweck, denn es gibt auch andere Möglichkeiten, sich zu schaden. Gegen Computerspiele habe ich gar nichts. Nur das Ersetzen der Realität durch Computerspiele halte ich für schwierig."

Wer "die eine Moral" in den Büchern der Thrillerautorin sucht, muss sie sich selbst zimmern. Poznanski fände dergleichen anmaßend. Viel spannender findet sie es, ein Thema in den Ring zu werfen, mit der Herausforderung: Wenn ihr Lust habt, denkt doch mal ein bisschen daran herum.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2022 erschienen.