Wer solche Verbündete hat, braucht keine Leugner

Antisemiten und Vandalen drohen den Klimaschutz zu übernehmen. Greta Thunberg ist nicht das einzige abschreckende Beispiel. Und die Deutsch-Matura war wieder ein Beispiel an Bürokrateneinfalt

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Lassen Sie mich offen sein: Wenn ich das Klima wäre, ich hätte die lebensverlängernden Maßnahmen längst einstellen lassen. Da pfeift man an sich schon aus dem letzten Ozonloch. Und dann laboriert man auch noch an solchen Verbündeten! Wer die hat, braucht keine Leugner mehr.

Zusehends gerät die Materie in die Hände gefährlicher Obskuranten. Kultur- und zivilisationsfeindliche Naturverklärung randaliert gegen Kunstwerke und rückt dabei dem Blut-und-Boden-Ungeist der Nazis immer näher. In Stockholm wurde die in den Schreiantisemitismus entgleiste Greta Thunberg zum wiederholten Mal festgenommen.

Und was ich als emeritierter Demonstrant mir nicht in meinen Albträumen vorgestellt hätte: Ich wünsche der schwedischen Exekutive weiter viel Erfolg bei diesem gottgefälligen Werk und danke auch der unseren für die Räumung des „Protestcamps“ bei der Uni. Als reichte dieser Tiefschlag nicht, muss ich auch noch Sobotka dafür akklamieren, Nazi-Geschmier auf jüdischen Geschäftsportalen übermalt zu haben. Leute, die den Erwerb eines Konzertflügels für das Parlament durch dessen Präsidenten als barbarischen Akt verurteilen, werden mir dahingehend möglicherweise nicht folgen wollen – aber Sobotka ist kein ausschließlich Böser.

Dafür ist einer, der sich noch vor kurzem als Pressesprecher der Letzten Generation aufgespielt hat, Ministerin Edtstadler mit Blutfarben angegangen. Diesmal nicht zum Besten der Temporeduktion auf Autobahnen, sondern um einen Kongress gegen Antisemitismus zu beeinspruchen. Im Burgtheater haben seine früheren Radaugeschwister (m/w/d) eine „Faust“-Vorstellung in der Regie von Martin Kusej für 45 Minuten unterbrochen (und kommen Sie mir jetzt nicht damit, das könnte der Höhepunkt des Abends gewesen sein).

Die Klima-Shakira hat sich morgens um dreiviertel acht vor den Spar Luegerplatz geklebt, um Zöglinge der nahen Volksschule bzw. des Gymnasiums Stubenbastei am Erwerb einer Jause zu hindern.

Und da rede ich noch gar nicht von den vergleichsweise gutartigen Freitags-Teenies! Haben die doch tatsächlich anonym beim Zentralorgan „Standard“ zu Protokoll gegeben, ihr Gründungsmitglied Lena Schilling sei durch Ehrgeiz schon immer unangenehm aufgefallen. Ja, klar: Ergriffen im Hietzinger Gymnasiastinnenchor mitzwitschern, ist das eine. Aber mit Herz, Antrieb und einer Riesengoschen etwas wollen (durchaus auch für sich selbst, da bin ich sehr dafür): Da stößt die gemeinsame Sache an ihre Grenze.

Wenn Sie mich jetzt fragen, worauf diese Entwicklungen zurückzuführen sind, so antworte ich: Es könnte etwas mit Bildung bzw. deren systematischer Vorenthaltung zu tun haben. Deshalb habe ich mir die Klausurthemen im Fach Deutsch zur Zentralmatura, diesem Menschheitsverhängnis, ausgedruckt. Sie erinnern sich: Literatur ist jetzt abgemeldet, weshalb sich der Unterricht mindestens vier Oberstufenjahre lang statt auf Goethe, Brecht und Handke auf die so genannten Textsorten konzentriert. Bevorzugt auf die Akklamation bzw. Beeinspruchung von Zeitungsartikeln mittels Leserbrief oder „Meinungsrede“.

Mit Literatur darf nur noch eines der sechs zur Wahl stehenden Themen zu tun haben. Im Format „Textinterpretation“ ist hier ein literarischer Eineinhalbseiter zu beamtshandeln. Diesmal ist das wenigstens kein aus dem Zusammenhang amputierter Romanfetzen, sondern die Kurzgeschichte „Fünf Mädchen“ von Teresa Präauer. Nun hat die famose österreichische Schriftstellerin auch schon Besseres verfasst, aber das passt schon. Vor allem zu den anderen Themen, u. a. „Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt“ (Meinungsrede) und „Gendermedizin“ (Zusammenfassung). Präuers witziger Text imaginiert die titelgebenden Schülerinnen, die sich gegen die Mühen der Ausgrenzung durch die Männergesellschaft behaupten.

Der Clou ist das Entmündigungskonvolut „Hinweise zur Kommentierung der Aufgaben“ für den Lehrer. Was da mit der Unerbittlichkeit einer Bauanleitung für atomare Wiederaufbereitungsanlagen aus dem 3D-Drucker alles abzufragen ist! Parallelismus und Interjektion, Anapher und Jargon der Straße, bürokratisch katalogisiert auf sechs eng bedruckten Seiten bis zur opportunen Schlussfolgerung. All das ist vom Probanden mit mindestens 540, aber höchstens 660 Wörtern abzuarbeiten, wobei Absätze mittels Leerzeilen zu markieren sind.

Nur was der Text kann, ob er amüsiert, empört, begeistert oder Widerspruch herausfordert: Das ist kein Thema. So vertreiben die Bürokraten den letzten Leser, zumal die verbleibenden fünf Schwafelthemen von jedem angepassten Analphabeten ohne Aufwand zu bewältigen sind.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz <AT> news.at

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