Porträt von

Wer ist
Peter Handke?

Porträt - Wer ist
Peter Handke? © Bild: FRANCISCO LEONG / AFP

Mit "Publikumsbeschimpfung" und "Wunschloses Unglück" zum Kultautor - Wer ist Peter Handke?

  • Name: Peter Handke
  • Geboren am: 6. Dezember 1942, Griffen, Kärnten
  • Wohnhaft in: Chaville, südwestlich von Paris
  • Familienstand: ledig
  • Kinder: Tochter Amina (* 1969)
  • Beruf: Schriftsteller und Übersetzer

Zwei Argumente schienen immer dagegen zu sprechen, dass das Lebenswerk des Dichters Peter Handke mit dem Nobelpreis gekrönt wird: Die Zuerkennung des Nobelpreises 2004 an seine Landsfrau Elfriede Jelinek und sein umstrittenes pro-serbisches Engagement. Doch heute wurde dem 76-jährigen, seit langem in Paris lebenden gebürtigen Kärntner der Literaturnobelpreis 2019 zugesprochen.

Das Leben des Peter Handke

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen geboren, einem kleinen Kärntner Ort, dem er bis heute verbunden ist. Dass der aus Berlin stammende Ehemann seiner Mutter in Wahrheit sein Stiefvater war und ein verheirateter deutscher Sparkassenangestellter, der um vieles älter war als die Mutter, sein leiblicher Vater - das erfuhr Handke erst im Alter von 18 Jahren. Nach Besuch des katholischen Internats in Tanzenberg und des Gymnasiums in Klagenfurt studierte er ab 1961 in Graz Rechtswissenschaften. Während dieser Zeit fand er Anschluss an die Schriftsteller des "Forum Stadtpark".

© APA/dpa/Manfred Rehm Schriftsteller Peter Handke im Jahr 1973

Erste Publikationen in der Zeitschrift "manuskripte" und erste Lesungen im Radio waren ein hoffnungsvoller Beginn. 1965 gelang es Freunden wie Alfred Kolleritsch, für Handkes Debütroman "Die Hornissen" den renommierten Suhrkamp Verlag zu interessieren, wo das Buch im Frühjahr 1966 erschien. Handke brach sein Jus-Studium ab und lebte fortan als freier Schriftsteller. Sein Stern im Literaturbetrieb ging kometengleich auf, als der nahezu unbekannte Jungautor im April 1966 der Gruppe 47 bei einer Tagung in Princeton in einer erregten Schmährede "Beschreibungsimpotenz" vorwarf. Seinen plötzlichen Ruhm festigte die Uraufführung der "Publikumsbeschimpfung" wenige Monate später durch Claus Peymann in Frankfurt.

Handke - das "enfant terrible"

Handke war jemand - ein "Popstar", ein enfant terrible. Seine experimentellen Stücke sorgten für erregte Debatten, Titel wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1969) oder "Wunschloses Unglück" (1972) wurden zur Kultlektüre einer ganzen Schüler- und Studentengeneration. Nach seiner Heirat mit Schauspielerin Libgart Schwarz (1967) war der Autor zeitweise Alleinerzieher der 1969 geborenen Tochter Amina. Paris wurde für einige Jahre ständiger Wohnsitz, danach - 1979 bis 1987 - Salzburg. Seit 1990 ist die französische Schauspielerin Sophie Semin die Lebensgefährtin des vielfach Ausgezeichneten und mehrfachen Ehrendoktors (u.a. der Unis Klagenfurt und Salzburg, zuletzt im Mai des spanischen Alcala), ihre gemeinsame Tochter Leocadie wurde 1991 geboren.

© APA/HERBERT PFARRHOFER Peter Handke 1996

Sein eigensinniger literarischer Weg, der die Sprache, die Wahrnehmung und das Erzählen selbst in den Mittelpunkt stellte, wurde von der Fachwelt und der Kritik mit großer Aufmerksamkeit verfolgt ("Mein Jahr in der Niemandsbucht", "Der Bildverlust" u.v.a.), erreichte aber kaum mehr breite Leserkreise.

In Kontrast dazu stehen die Aufregungen, die Handke, dessen Auseinandersetzung mit den eigenen slowenischen Wurzeln in seinem Stück "Immer noch Sturm" (2011) kulminierte, mit seiner pro-serbische Position in den Konflikten am Balkan und der scharfen Ablehnung der westlichen Haltung verursachte. 1996 sorgte sein Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" für heftige Debatten, zehn Jahre später seine Rede bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic.

Seit mittlerweile 28 Jahren lebt Peter Handke in Frankreich, wo er zu seinem Domizil im Pariser Vorort Chaville vor einigen Jahren auch ein einsames Haus in der Picardie erworben hat. Die Reise von hier nach dort ist in seinem Roman "Die Obstdiebin" (Untertitel: "Einfache Fahrt ins Landesinnere") nachzulesen. Seit über einem halben Jahrhundert steht er in der literarischen Öffentlichkeit, in den 60er-Jahren als Kulturautor gefeiert, später wegen seines nicht nur literarischen Eigensinns umstritten und war seit langem regelmäßig auf jenen Buchmacher-Listen zu finden, in denen die Wettquoten der Nobelpreis-Kandidaten veröffentlicht werden. Beim Wettanbieter "Nicerodds" schoss er heute kurz vor der Bekanntgabe mit einer Wettquote von 11 zu eins im Ranking nach oben - in der Vorwoche lag seine Quote noch bei 21 zu eins.

© APA/HERBERT NEUBAUER

Werke

Peter Handke ist der prominenteste lebende österreichische Schriftsteller. Über 11.400 Seiten enthält die vom Suhrkamp Verlag herausgegebene "Handke Bibliothek", in der alles enthalten ist, was er jemals in Buchform veröffentlicht hat. Ein gigantisches Werk.

Neben der Prosa, seiner vielfältigen Übersetzertätigkeit und vier eigenen Filmen (u.a. "Die linkshändige Frau" und "Die Abwesenheit") ist es vor allem das Theater, das Handke immer begleitet hat. Dort verfolgte man seinen Weg von der Sprachlosigkeit ("Kaspar", 1968) zurück in die Sprachlosigkeit ("Die Stunde da wir nichts voneinander wußten", 1992) und weiter zu den Versuchen, seine Kritiker sprachlos zu machen ("Die Fahrt im Einbaum", 1999) stets mit Interesse. Für "Immer noch Sturm" erhielt Handke den Mülheimer Dramatikerpreis 2012. Claus Peymann ist ihm als Uraufführungsregisseur trotz gelegentlicher Differenzen bis in die Gegenwart treu geblieben. "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" wurde 2016 von Peymann im Burgtheater zur Uraufführung gebracht - eine poetische Konfrontation des Einzelnen mit der Gesellschaft, aber gleichzeitig auch ein Hadern mit sich selbst. Handkes Lebensthema quasi. 2018 wurde er mit dem Nestroy-Preis für sein Lebenswerk geehrt. Am 10.Oktober 2019 folgte nun der Nobelpreis.

Handkes umstrittene "Serben-Freundschaft"

Peter Handke ist bis heute wegen seiner politischen Ansichten zum Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien (1991-1999) umstritten. In Serbien wurde er deshalb mit Ehrungen überhäuft. Kritiker werfen ihm dagegen eine Verharmlosung der serbischen Kriegsverbrechen vor, was Handke unter Hinweis auf eine differenzierte literarische Darstellung zurückwies.

1996 kam es nach der Veröffentlichung von Handkes Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" zu heftigen Kontroversen. Wegen der Haltung des Vatikans im Kosovokrieg trat Handke 1999 aus der Römisch-katholischen Kirche aus und zur Serbisch-orthodoxen Kirche über.

Teilnahme am Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic

Zu den umstrittensten Auftritten des Schriftstellers zählte 2006 seine demonstrative Teilnahme am Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic, dem vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal der Prozess gemacht worden war. In seiner Ansprache gedachte Handke aber keines Politikers, dafür aber zahlreicher serbischer Schriftsteller und Künstler.

2009 wurde Handke bei einem alljährlichen Dichtertreffen in der serbischen Enklave Gracanica im Kosovo mit dem "Goldenen Kreuz des Fürsten Lazar" ausgezeichnet. Das Dichtertreffen findet anlässlich des Jahrestages der Schlacht von Amselfeld (1389) am 28. Juni statt. Handke ist der erste ausländische Autor, dem diese Auszeichnung verliehen wurde, er war aber bei der feierlichen Zeremonie nicht persönlich anwesend.

Der serbische Fürst Lazar Hrebeljanovic kam in der Schlacht gegen die Osmanen auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) ums Leben. Der "Vidovdan" (St.-Veits-Tag), der 28. Juni, wurde zum nationalen Trauertag des serbischen Volkes. Der im einstigen Jugoslawien praktisch vergessene St.-Veits-Mythos wurde zum 600. Jahrestag der Schlacht 1989 von damaligen serbischen Kommunisten- und Staatschef Milosevic erneut wachgerufen.

Bei der Überreichung des internationalen Ibsen-Literaturpreises 2014 in Oslo war der Schriftsteller wegen seiner proserbischen Haltung von Demonstranten als "Faschist" beschimpft worden. Als Reaktion hatte er angekündigt, einen Teil des Preisgeldes in Höhe von umgerechnet 306.000 Euro im Kosovo zu spenden und den Rest an den norwegischen Staat zurückgeben zu wollen. 50.000 Euro spendete Handke für den Bau eines Schwimmbades in der Kosovo-Gemeinde Velika Hoca, in dem eine kleine serbische Minderheit mitten unter der albanischen Bevölkerungsmehrheit wohnt.

2015 wurde Handke zum Ehrenbürger der serbischen Hauptstadt Belgrad ernannt. In seiner Dankesrede verwies er darauf, dass die Stadt in nur einem Jahrhundert dreimal Bombenangriffen ausgesetzt gewesen sei. Er meinte damit zwei schwere Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs (1941 von deutschen Flugzeugen und im Frühjahr 1944 durch die Alliierten) sowie die NATO-Luftangriffe im Zuge des Kosovo-Konflikts 1999.

Handke habe den Titel des Ehrenbürgers verdient, weil er Serbien jahrzehntelang, "ungeachtet dessen, wer an der Macht war", unterstützt habe, erläuterte Goran Vesic von der Belgrader Stadtverwaltung anlässlich der Verleihung der Auszeichnung. Handke habe als Intellektueller viel dafür getan, damit in den Zeiten des Zerfalles des früheren Jugoslawien auch die "andere Seite der Wahrheit" ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sei.

Kritik an Blair, Schröder & Clinton

2015 gab Handke in einem Interview mit der Belgrader Zeitung "Kurir" westlichen Spitzenpolitikern Schuld an den Kriegen und Krisen in den Balkanländern. Dem früheren britischen Premier Tony Blair, dem deutschen Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem einstigen US-Präsidenten Bill Clinton "sollte man dafür gratulieren, was sie vor 20 Jahren zusammengeköchelt und vergiftet haben", sagte Handke.

Die drei kritisierten Politiker hatten 1999 die Bombardierung Serbiens durch die NATO durchgesetzt, weil serbische Verbände im Kosovo 800.000 Albaner brutal vertrieben hatten. Demgegenüber gab Handke den Albanern selbst die Schuld an ihrer Lage. Sollte die serbische Minderheit im Kosovo eines Tages von den Albanern ganz aus dem Land gedrängt werden, wäre das laut Handke "eine große Tragödie für die jungen Albaner. Dann haben sie keine Feinde mehr. Das wäre ihr Selbstmord, denn die Albaner brauchen Feinde."

Literaturnobelpreis an Handke - Die Begründung im Wortlaut

Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019 "für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht", wie es in der offiziellen Begründung heißt. Darüber hinaus hat die Akademie "Biobibliografische Notizen" veröffentlicht - im Folgenden in einer APA-Übersetzung aus dem Englischen:

Peter Handke wurde 1942 in einem Dorf namens Griffen geboren, das in der Region Kärnten im südlichen Österreich liegt. Es war auch der Geburtsort seiner Mutter Maria, die zur slowenischen Minderheit gehörte. Sein Vater war ein deutscher Soldat, den er nicht kennenlernen würde, bevor er selbst erwachsen war. Stattdessen wuchsen er und seine Geschwister mit der Mutter und ihrem neuen Ehemann, Bruno Handke auf. Nach einer Zeit im schwer kriegsgeschädigten Berlin kehrte die Familie nach Griffen zurück. Nach dem Abschluss der Dorfschule wurde er in einem christlichen Gymnasium in der Stadt Klagenfurt aufgenommen. Ab 1961 studierte er Jus an der Universität Graz, brach seine Studien aber einige Jahre später ab, als sein Debütroman "Die Hornissen" (1966) erschien. Es ist experimentelle "Doppelfiktion" in der der Protagonist die Fragmente eines anderen, dem Leser unbekannten, Romans erinnert. Gemeinsam mit dem Theaterstück "Publikumsbeschimpfung" (1969) - das im selben Jahr uraufgeführt wurde und dessen wichtigstes Konzept es ist, dass die Schauspieler die Besucher dafür beschimpfen, dass sie da sind - hat er der Literaturszene jedenfalls seinen Stempel aufgedrückt. Dieser Stempel schwächte sich kaum ab, nachdem er der zeitgenössischen deutschen Literatur bei einem Treffen der Gruppe 47 in Princeton, USA, bescheinigte, an "Beschreibungsimpotenz" zu leiden. Er stellte sicher, dass er sich von den Anforderungen an gemeinschaftsorientierte und politisierte Positionen fernhielt und fand seine eigene literarische Inspiration stattdessen in der Nouveau Roman-Bewegung der französischen Literatur.

Mehr als fünfzig Jahre später, nachdem er eine große Zahl von Werken in verschiedenen Genres produziert hat, hat er sich als einer der einflussreichsten Schriftsteller in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert. Seine Bibliographie enthält Romane, Essays, Notizen, Theaterstücke und Drehbücher. Seit 1990 lebt er in Chaville, südwestlich von Paris, und hat von hier aus viele produktive Reisen unternommen. Seine Werke sind erfüllt von einer starken Sehnsucht nach Entdeckungen, und diese Entdeckungen erweckt er zum Leben, indem er neue literarische Ausdrucksweisen für sie findet. Wie er sagte: "Wahrzunehmen ist alles." Mit diesem Ziel gelingt es ihm, auch die kleinsten Details in Alltagserfahrungen mit explosiver Signifikanz aufzuladen. Sein Werk ist charakterisiert von einem starken abenteuerlichen Geist, aber auch von einer nostalgischen Neigung, zunächst sichtbar Anfang der 1980er Jahre im Drama "Über die Dörfer"(1981) und besonders im Roman "Die Wiederholung" (1988), wo der Protagonist Georg Kobal zu Handkes slowenischen Ursprüngen auf der mütterlichen Seite zurückkehrt.

Motivation für diese Rückkehr zu den Ursprüngen ist das Bedürfnis, die Toten in Erinnerung zu rufen. Aber unter dem Begriff "Wiederholung" sollte man nicht die strenge Repetition verstehen. Im Roman "Die Wiederholung" wird die Erinnerung im Akt des Schreibens transformiert. Ähnlich im Traumstück "Immer noch Sturm" (2010), das ebenfalls in Slowenien spielt, wird der idealisierte Bruder von Handkes Mutter, Gregor, der im Krieg getötet wurde, als Partisan wiedererweckt, der sich im Widerstand gegen die Nazi-Beherrschung Österreichs befindet. Bei Handke muss die Vergangenheit ständig neu geschrieben werden, kann aber nicht wie bei Proust in einem puren Akt der Erinnerung erhalten werden.

Darum nimmt Handkes Werk immer in der Katastrophe seinen Anfang, wie er in "Das Gewicht der Welt" (1977) berichtet, ein Werk, das uns in die gewaltige Produktion täglicher Notizen durch die Jahre einführt. Diese Erfahrung ist eindrücklich dargestellt in dem kurzen und harschen, aber zutiefst liebevollen Buch nach dem Selbstmord seiner Mutter, "Wunschloses Unglück" (1972). Handke würde möglicherweise Maurice Maeterlinck's Worten zustimmen: "Wir sind nie intimer eins mit uns selbst als nach einer irreparablen Katastrophe. Dann scheinen wir uns wiedergefunden und einen unbekannten und essenziellen Teil eines Seins erhalten zu haben. Eine seltsame Stille tritt auf." Diese Momente finden sich in einigen von Handkes Werken und sie sind nicht selten kombiniert mit einer Epiphanie der Präsenz der Welt, etwa in "Die Stunde der wahren Empfindung" (1975).

Die besondere Kunst Handkes ist die außergewöhnliche Aufmerksamkeit für Landschaften und die materielle Präsenz der Welt, die das Kino und die Malerei zu zwei seiner wichtigsten Inspirationsquellen gemacht hat. Zugleich zeigt sein Schreiben eine unendliche Suche nach existenzieller Bedeutung. Daher ist das Wandern und Migrieren sein ureigener Aktivitätsmodus und der Weg ist der Ort für das, was er seinen "epischen Schritt" nennt. Wir sehen das in seinem ersten großen Versuch, eine Landschaft zu beschreiben, "Langsame Heimkehr" (1979), das oft als Wendepunkt in seinem Schreiben betrachtet wird. Der "epische Schritt" ist allerdings nicht an ein Genre gebunden, sondern ist auch in seinem dramatischen Werk sichtbar, wie erst kürzlich gezeigt in "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstrasse. Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten" (2015).

Oft verweist Handke auf den mittelalterlichen Schriftsteller Wolfram von Eschenbach und auf die Quest Romance als narrative Modelle, wo ein herumirrender einsamer Held auf der Suche nach dem Heiligen Gral auf die Probe gestellt wird. Das ist wundervoll dargestellt in dem jüngsten, großartigen Roman "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" (2017), wo die junge Heldin, Alexia, im Inneren der französischen Provinz Picardie herumirrt, ohne zu wissen, welches seltsame Schicksal sie erwartet. In einem anderen seiner Romane, "Der Chinese des Schmerzes" (1983) verübt der Protagonist Andreas Loser einen mörderischen, ziemlich ungeplanten Akt, der seine Lebensdauer dramatisch ändert. Die Beschreibung der Umgebung der Stadt Salzburg ist herrlich reich und präzise, während die Handlung selbst rigoros reduziert, fast nichtexistent ist.

Handke hat gesagt, "die Klassiker haben mich gerettet" und nicht zuletzt das Erbe von Goethe ist überall präsent und bezeugt Handkes Willen, zu den Sinnen und der lebendigen Erfahrung des Menschen zurückzukehren. Man kann dies nicht zuletzt in seinen Notizbüchern beobachten, etwa in dem kürzlichen "Vor der Baumschattenwand nachts: Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007-2015 (2016). Die Wichtigkeit der Klassiker ist auch sichtbar in seinen Übersetzungen aus dem Altgriechischen, Werke von Aischylos, Euripides, Sophokles. Er hat auch eine lange Liste von Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen verfasst, Werke von Emanuel Bove, Rene Char, Marguerite Duras, Julien Green, Patrick Modiano, Francis Ponge und Shakespeare.

Zugleich bleibt Handke intensiv zeitgenössisch und ein Aspekt davon ist seine Beziehung zu Franz Kafka. In derselben Schneise muss Handke gegen sein väterliches Erbe revoltieren, das in seinem Fall pervertiert war durch das Nazi-Regime. Handke hat sich stets für seine mütterliche, slowenische Linie entschieden, ein wichtiger Grund für seinen antinationalistischen Mythos seiner Abstammung vom Balkan. Obwohl er immer wieder Kontroversen ausgelöst hat, kann er nicht als engagierter Schriftsteller im Sinne Sartres betrachtet werden und er gibt uns kein politisches Programm.

Handke hat das Exil als produktiven Lebensweg gewählt, wo die Erfahrung, Schwellen und geografische Grenzen zu überschreiten, wiederkehrend auftritt. Wenn er als Autor eines Ortes betrachtet wird, sind es nicht in erster Linie die Metropolen, sondern die Vororte und die Landschaft, die seine Aufmerksamkeit erregen. Er fängt das Ungesehene ein und macht uns zum Teil davon. Das passiert speziell in einigen seiner mächtigsten Erzählungen, "Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten" (1994) oder der bereits erwähnten "Obstdiebin", die beide die Tradition von Baudelaire an umdrehen, die Paris zum mythischen Zentrum der modernen Literatur erkor. Gemeinsam mit der jungen Heldin Alexia sind wir hier zu Fuß unterwegs, weg vom ausgerufenen Zentrum in die französische Region Picardie, und die Namen der kleinen Dörfer sind plötzlich erfüllt von berauschender Schönheit. Handke unterwandert unsere Ideen von einem zentral regierten Staat und lässt uns verstehen, dass das Zentrum überall ist.

Handke in (alten) Zitaten

Zum Selbstverständnis

"Habt keine Angst vor mir. [...] Ich bin ein epischer Mensch im Sinne Tolstois. [...] Ich habe den Traum und habe die Kraft, universal zu sein." (Bei der Verleihung des Würth-Preises 2016)

"Ich habe nie Aktuelles behandeln können - im Gegensatz zu anderen Stückeschreibern. Es ist mehr ein präziser Tiefentraum vom Menschsein. Aber natürlich, wenn dieser Traum nicht auch das Aktuelle zumindest streift und zum Schwingen und zum Ondulieren bringt, hat es auch keinen Sinn." (Im APA-Interview 2016)

"Ich bin immer so größenwahnsinnig, dass ich denke: Mein Problem ist nicht nur meines. Sonst würde ich ja nicht schreiben." (ebendort)

"Einer meiner Lieblingssprüche ist: Lass Dich überraschen! Überrascht mich! Oder: Der ist für eine Überraschung gut. Das ist meine Ethik." (ebendort)

"Ich bin ein Eckensteher, ein Winkelsteher - aber nicht zur Strafe, sondern auch zum Sehen." (ebendort)

"Früher hab ich ab und zu etwas Provokantes gesagt", aber es gebe auch "Provozieren im guten Sinn". (Im ORF-Interview 2007)

"Zum Glück bin ich in vielem ein nicht gerade gespaltener Mensch, habe aber die Möglichkeit, mich aufzuspalten - um das Wort "schizophren" zu vermeiden. Sonst wäre ich auch kein Theaterautor geworden." (APA-Interview 2012)


"Ich bin kein Extremfall. Nur dadurch, dass ich eben der und der bin mit meiner Arbeit, wirkt es manchmal extrem. Aber im Grunde bin ich relativ normal - im Vergleich zu den meisten anderen Leuten. Kommt mir vor." (ebendort)

Zum Kulturverständnis

"Es gibt nur eine Kultur. Das Schöne ist: Diese eine Kultur hat unendlich viele Varianten - ob das die islamische Kultur oder die christliche ist." (APA-Interview 2016)

"Ich habe die Menschheit ja eigentlich nie verstanden. Aber jetzt verstehe ich sie noch weniger. [...] Ich habe gegen den Großteil der Medien keine Chance, und die Medien haben keine Chance gegen mich. Im Grunde ist es ein völlig sinnloses Gerangel." (2006 im "Standard" zur Debatte um die Verleihung des Heine-Preises an ihn)

"Ich habe den Eindruck, dass ich ein vertrauensvoller Mensch bin und dass ich dann manchmal eins drüber gezogen bekommen habe durch mein Öffnen. Und dass ich dann gemerkt habe, dass meine Melodie nicht ankommt, und ich die Tendenz entwickelt habe, mich zu verschließen oder auf der Hut zu sein." (APA-Interview 2012)

Zum Nobelpreis

Die Auszeichnung bringe mit ihrer "falschen Kanonisierung" der Literatur nicht viel Gutes. "Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen." (APA-Gespräch 2014)

"Na so was! Super! Unglaublich! Gewaltig! Da muss ich mich erst einmal setzen." (Gegenüber der APA als Reaktion auf den Jelinek-Nobelpreis 2004)

Zum Engagement für Serbien

Sein umstrittenes Erscheinen beim Begräbnis von Slobodan Milosevic sehe er nicht als öffentlichen Auftritt: "Ich bin als privater Mensch hingegangen. [...] Ich war auf eine Weise Trauergast für das gestorbene Jugoslawien. [...] Mich hat etwas Stärkeres angetrieben als die Möglichkeit des Bedenkens." (ORF-Interview 2007)

"Ich habe nie Partei ergriffen. Ich habe dieses unerzählte Land erzählt. [...] Ich habe immer Pathos und Nationalismus abgewehrt, wenn ich hier war." (Im "Zeit"-Interview 2007)

"Demokratie ist ein fadenscheiniges Wort geworden. Sie wird als Schwert gegen andere Länder verwendet. Um uns sind noch und noch kleine Diktaturen. [...] An Stelle der G7 müsste sich endlich die Welt zusammensetzen. [...] Es geht nicht mehr über Wohlverhalten und Weltbank und Almosen und Schurkenstaaten, denn es gibt nur noch Schurkenstaaten. Ganz abgesehen davon, dass ich Schurken manchmal lieber mag als Gentleman-Killer." (2001 im "News"-Interview)

"Ich bin durch die Vorfahren meiner Mutter zur Hälfte ein Kärntner Slowene, ich will aber nicht extra meine Brust freimachen und das drauftätowieren lassen." (Im ORF-Interview 2007)

"Stecken Sie sich Ihre Betroffenheit in den Arsch! Ihr tut so, als gehört Euch das Leid und die tausenden Toten, Sie Jammergestalt! Ich rede nicht mit Ihnen, hauen Sie ab!" (Bei einer Lesung im Wiener Akademietheater 1996)

Zu seinem Glauben

"Ich scheue mich, mich einen Christen zu nennen. Aber ich fühle mich in der Nachfolge Christi, ohne dass ich sein Nachfolger wäre. Er ist für mich die größte Gestalt in der Geschichte." (2006 im "Zeit"-Interview)

"Ich predige überhaupt nicht, obwohl ich nichts gegen schöne Predigten habe." (Im APA-Interview 2012)

Bisherige Auszeichnungen für Peter Handke

Auswahl der bisherigen Auszeichnungen für Peter Handke in den Bereichen Literatur, Theater und Film:

  • 1967: Gerhart-Hauptmann-Preis
  • 1972: Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark
  • 1973: Schillerpreis der Stadt Mannheim
  • 1973: Georg-Büchner-Preis
  • 1975: Filmband in Gold für das Drehbuch zu "Falsche Bewegung"
  • 1978: Französischer Filmpreis Prix Georges Sadoul
  • 1979: Preis der Gilde deutscher Filmtheater
  • 1983: Kulturpreis des Landes Kärnten
  • 1983: Franz-Grillparzer-Preis
  • 1985: Anton-Wildgans-Preis (abgelehnt)
  • 1986: Literaturpreis des Kulturfonds der Stadt Salzburg
  • 1987: Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur
  • 1987: Internationaler Literaturpreis Vilenica
  • 1988: Bremer Literaturpreis
  • 1991: Franz-Grillparzer-Preis
  • 1995: Schiller-Gedächtnispreis
  • 2004: Siegfried-Unseld-Preis für Literatur
  • 2007: Berliner Heinrich-Heine-Preis
  • 2008: "Njegos-Orden erster Klasse" der Republika Srpska
  • 2008: Thomas-Mann-Literaturpreis der Bayerischen Akademie der
    Schönen Künste
  • 2009: Franz-Kafka-Preis der Stadt Prag
  • 2009: "Goldenes Kreuz des Fürsten Lazar" (Orden einer serbischen
    Literatenorganisation)
  • 2010: Vinzenz-Rizzi-Preis des Zentralverbands Slowenischer
    Organisationen
  • 2012: Großer Kunstpreis des Landes Salzburg
  • 2013: Verdienstorden (Medalja za zasluge) der Republik Serbien in
    Gold
  • 2013: Einspieler-Preis des Rats der Kärntner Slowenen
  • 2014: Internationaler Ibsen-Preis
  • 2014: Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis
  • 2015: Ehrenbürger von Belgrad
  • 2016: Würth-Preis für Europäische Literatur
  • 2017: Serbischer Milovan-Vidakovic-Preis für Literatur
  • 2018: Nestroy-Theaterpreis für das Lebenswerk
  • 2019: Nobelpreis für Literatur

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