Simon Morzé: "Ich glaube schon, dass ich ein paar Dellen mitgenommen habe"

Der Wiener Simon Morzé, Sohn eines Schauspielerpaars, hat mit neun Jahren zu drehen begonnen und sein ganzes Leben im Milieu verbracht. Der Deutsche Filmpreis als bester Hauptdarsteller trägt ihn jetzt ein großes Stück weiter

von Simon Morzé: "Ich glaube schon, dass ich ein paar Dellen mitgenommen habe" © Bild: Matt Observe/News

Steckbrief Simon Morzé

  • Name: Simon Morzé
  • Geboren: 1996 in Wien
  • Wohnt in: Wien
  • Größe: 1,75 m
  • Beruf: Schauspieler
  • Familienstand: ledig

Das wäre jetzt ein reizvolles Projekt für Mußezeiten: alle Auftritte als Sohn der Titelkriminalistin in der Serie „Schnell ermittelt“ zusammenzuschneiden, von 2009 bis heute. Und sich dann im Schnelllauf beim Wachsen zuzusehen, vom Dreizehnjährigen bis ins aktuelle Mannesalter von 27. Technisch sollte das kein Problem sein. Aber die Mußezeiten! Die sind künftig noch karger bemessen, seit der Wiener Schauspieler Simon Morzé in Berlin den Deutschen Filmpreis der Kategorie „bester männlicher Hauptdarsteller“ entgegengenommen hat.

Die Angebote verdichten sich schon, vorerst aus dem deutschen Sprachraum. Das unterscheidet die Karriere noch von der des Landsmannes Felix Kammerer, der vor einem Jahr im nämlichen Alter den gleichen Preis entgegennahm und gerade in Toronto mit Christoph Waltz dreht.

© Matt Observe/News Jahrgang 1996, Kameradebüt 2006 und seither nie wieder zu drehen aufgehört. Allein die Rolle in „Schnell ermittelt“ begleitet ihn seit 17 Jahren

Alles gegen den Krieg

Aber sonst läuft vieles parallel, auch abgesehen von den charismatischen, in 100 Nuancen changierenden Bubengesichtern. Beide haben mit Antikriegsfilmen ihr Glück gemacht. Kammerer mit dem Oscar-Gewinner „Im Westen nichts Neues“, Morzé mit Adrian Goigingers „Der Fuchs“. Kammerers Paul Bäumer verkommt elend im Dreck der Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Aber Morzés deformierter Bergbauernbursche Franz Streitberger erlernt auf der Höllenfahrt als Rekrut im Zweiten Weltkrieg auch das Menschsein, als er einen verwaisten kleinen Fuchs vor dem Tod rettet und aufzieht.

»Kriegsfilme waren eine Zeit lang nicht mehr beliebt. Jetzt kommt das Thema zurück«

Simon Morzé über das Antikriegsdrama "Der Fuchs"

Beide Filme entstanden vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, aber etwas mag in der Luft gelegen sein. „Kriegsfilme waren eine Zeit lang nicht mehr beliebt“, sagt Morzé. „Jetzt kommt das Thema zurück, und der Film ist zu diesem Zeitpunkt auch richtig und wichtig. Was mich schon beim ersten Drehbuchlesen bewegt hat: wie man in den Krieg hineingezogen wird, indem man dem Propagandaapparat zum Opfer fällt.“ Wieder eine Parallele zu Kammerers Remarque-Film, und es sind immer noch nicht alle.

Kammerer hat sich mit Bleiwesten und Idiomkursen für den Schützengraben hochtrainiert. Auch Morzé hat für den Film eine militärische Schnellausbildung absolviert, aber Goiginger verlangte in gewisser Hinsicht noch mehr. „Wenn man bei ihm mitmacht, lässt man sein Privatleben eine Zeit lang zurück“, beschreibt Morzé die viereinhalb Monate Vorbereitung auf einem Bergbauernhof, um Leben und Sprache der Bewohner zu erlernen.

© Matt Observe/News Simon Morzé beim News-Shooting

Zuletzt musste er gar eine Wiener Therapeutin aufsuchen, die ihn konsequent mit Franz ansprach, während er sich vor ihr der frühkindlichen Traumata eines Bergbauernbuben der Zwanzigerjahre entledigte. Ob das nicht eine Spur übertrieben war? „Übertreiben ist immer gut“, erwidert er, und die Pointe dreht alles um: „Und dann kommt es zum Drehen, und der Adrian sagt: ,Lass alles los, vergiss es! Es ist abgespeichert, und jetzt konzentrieren wir uns nur auf die Arbeit.‘ Das Projekt hat mich stark bereichert.“

Schnell hinter Gittern

Besser hätte es in Simon Morzés Karriere kaum laufen können. Fix in einer Endlosserie zu sein, das kann einen auch vom Zeitbudget hoffnungslos auf einer Rolle festkleben. Aber einerseits beweist auch Adele Neuhauser das Gegenteil, die identitätsstiftend für die österreichischen „Tatorte“ steht und doch in Berlin am selben Abend wie Morzé den Nebenrollenpreis für die Psychotragödie „15 Jahre“ nach Hause brachte.

Und andererseits ist die Rolle des Kriminalistinnensohnes Jan Schnell nicht so zentral, dass sie auf dem Darsteller lasten würde. Nicht zu reden davon, dass der Junior gerade im Gefängnis einsitzt, und zwar wegen Mordes aus Liebe: Das schränke die Drehtage doch entschieden ein, gibt Morzé zu bedenken. „Meine Eltern besuchen mich im Gefängnis, mehr Spielraum ist nicht.“

Das Branchenkind

Also ausreichend Raum für die Karriere, die quasi ab ovo begonnen hat. Beide Eltern sind, respektive waren Schauspieler. Die Mutter, Petra Morzé, diente 18 Jahre lang mit Erfolg am Burgtheater, bis sie vom nunmehr scheidenden Direktor Martin Kusej rüde aus dem Engagement befördert wurde. So abgefertigt zu werden, sei für sie keine Kleinigkeit gewesen, sagt der Sohn, man habe damals viel telefoniert. „Aber meine Mutter ist ein sehr starker Mensch, ihr geht es jetzt sehr, sehr gut, und es war auch keine Einbahn. Sie dreht jetzt mehr und kann sich die Auftritte aussuchen.“

»Ich will aus dem Todesfall nichts Positives ziehen. Aber wenn man als Mensch reift, reift man auch künstlerisch«

Simon Morzé über den immer noch lastenden Tod seines Vaters

Der Vater, Stefan Matousch, ein feinnerviger Kraftschauspieler, war 15 Jahre lang am Linzer Landestheater engagiert. Er starb vor sechs Jahren. „Meine Mutter war alleinerziehend, mein Vater hat in Linz gelebt, wir haben ihn aber oft gesehen, und in den Ferien waren wir sehr viel bei ihm“, skizziert der Sohn die Verhältnisse. „Mein Vater und ich hatten eine sehr enge Beziehung, wir haben einander sehr geliebt und konnten das auch artikulieren. Als er 2018 gestorben ist, war das sehr schwierig. Ich glaube, ich bin noch immer am Verarbeiten. Ich will aus dem Todesfall nichts Positives ziehen“, beantwortet er die sich aufdrängende Frage. „Aber wenn man als Mensch reift, reift man auch künstlerisch. Wenn ich an einer Rolle arbeite und Trauer ein Thema ist, denke ich zwar nicht an meinen Vater. Aber es spielt mit.“

© Matt Observe/News

Der Autodidakt

Dass Simon Morzé keine Schauspielausbildung genossen hat, überrascht bei seiner kraftvollen, klaren Sprechtechnik. Aber auch wieder nicht, denn mehr an Ausbildung als 18 Jahre Kamerapraxis kann man kaum absolvieren. Er war neun Jahre alt, als für Nikolaus Leytners Fernsehfilm „Die Entscheidung“ ein Knabendarsteller gesucht wurde. Petra Morzé war Teil der Besetzung, und so debütierte Simon Morzé als Julia Stembergers todkranker Sohn, der ums Leben ein Spenderherz benötigt. Das würde von einer zweifelhaften Schweizer Spezialklinik auch zur Verfügung gestellt. Aber unter welch unaussprechlichen Bedingungen der Beschaffung! Dann kam schon „Schnell ermittelt“, und derzeit hält er bei 22 Film- und Fernseharbeiten. Für die Ausbildung blieb da schlicht keine Zeit, zumal der Handwerkskasten ja eher im Theater als vor der Kamera mit ihrem starken Fokus auf das Gesicht zum Einsatz gelangt.

Was hat das Aufwachsen im Metier gebracht? Nur Gutes oder auch Dellen? „Meine Eltern haben immer wieder nachgefragt, ob ich das wirklich noch will. Sie haben mich nicht getrieben, im Gegenteil. Ich glaube aber schon, dass ich ein paar Dellen mitgenommen habe“, schränkt er ein. In der Volksschule und in der Unterstufe des bekannt strengen Privatgymnasiums der Schulbrüder in Strebersdorf sei das noch ein Problem gewesen. „Man ist sehr beliebt und alle finden einen spannend, aber man weiß nie, ob sie einen spannend finden, weil man im Fernsehen war oder weil man die Person ist, die man ist. Wenn man älter wird“, fährt er fort, „ändert sich das, aber oft denke ich mir, ob das gut war, sich nur in diesem Arbeitsfeld zu bewegen. Ein Filmset ist ein sehr stressiger Ort, Zeit ist Geld, und es geht heiß her. Es war schon sehr fordernd, und wenn ich andere Eltern kennengelernt habe, dachte ich, wie spannend es doch eine Bürokraft haben könnte. Aber im Grunde“, kommt er ans gute Ende des Gedankengangs, „habe ich so viele spannende Menschen und Figuren kennengelernt, dass ich es nicht missen möchte.“

Mit Bruno Ganz vor dem Sperl

Eine besondere Begegnung hat er im Repertoire. Bruno Ganz ist das, neben dem er die Hauptrolle in Leytners Robert-Seethaler-Verfilmung „Der Trafikant“ spielte. Als siebzehnjähriger unglücklich Verliebter sucht er da beim von Ganz verkörperten Sigmund Freud Linderung. Ganz war damals schon vom Tod gezeichnet, er starb wenig später. Aber solch eine Freundlichkeit, obwohl er sich im Wissen um das Bevorstehende zusehends zurückzog. „Ich bin sehr dankbar, ihn noch erlebt zu haben“, erinnert sich Morzé. „Der erste gemeinsame Drehtag war vor dem Café Sperl. Ich war irrsinnig nervös, aber er war während des ganzen Drehs so zuvorkommend, hat eher geholfen als blockiert. Ich wurde besser durch ihn. Seine Krankheit dürfte schon klar gewesen sein, aber in seinem Orbit zu spielen, war großartig.“

© Matt Observe/News

Gab es im Lauf der Jahre denn auch blockierende Partner? „Immer wieder. Aber am öftesten blockiert man sich selber. Indem man im Kopf bleibt und sich an einer Vorstellung festklammert, die man sich im Kämmerchen zusammengeschrieben hat. Das ist der Tod des Schauspielers.“

Details zum Privatleben stehen klugerweise auch auf Nachfrage nicht im Angebot. Ledig sei er und in den Drehpausen ständig auf Reisen. Und auf sein „Literarisches Quartett“ möchte er gern verweisen, eine WhatsApp-Gruppe, die sich jeden Monat ein Buch zwecks Lektüre und gründlicher Diskussion vornimmt.

Noch etwas, abgesehen von Plänen, die noch nicht bekannt gegeben werden? Ja, etwas Schönes: Kürzlich war die erste Leseprobe für den nächsten „Tatort“. Da trafen einander die beiden Filmpreisträger wieder: Adele Neuhauser, die Kommissarin, und Simon Morzé, der Stargast.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2024 erschienen.