Felix Kammerer: Durch die Hölle zum Oscar?

Ein Theaterkind aus prominentester Familie, das sich allein an die Spitze gearbeitet hat: Felix Kammerer ist Protagonist des oscarnominierten Antikriegsfilms "Im Westen nichts Neues" und leuchtet an der "Burg" in Schnitzlers dunkle Seelenlandschaften

von Felix Kammerer © Bild: News/Matt Observe

Steckbrief Felix Kammerer

  • Name: Felix Kammerer
  • Geboren am: 19. September 1995 in Wien
  • Ausbildung: Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin
  • Beruf: Schauspieler, seit 2019 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters
  • Eltern: Opernsänger Angelika Kirchschlager und Hans Peter Kammerer

In acht Stunden ist Premiere am Akademietheater, und weitere zwei Stunden später werden die ersten Nachtkritiken im Netz stehen. Von denen wiederum, so wie von der noch wichtigeren Mundpropaganda, hängt das Schicksal der Aufführung ab: Verkauft sie sich, geht sie über längere Zeit ins Repertoire. Anderenfalls kümmert sie dort als Zombie, und auch das nur, wenn sich im Spielplan eine anderweitig nicht zu verspachtelnde Lücke öffnet.

So eine Premiere ist also ein fordernder Termin, und es gab schon Schauspieler, die sich nach der Generalprobe zwei Tage in der Klausur unsichtbar gemacht haben. Aber der junge Burgschauspieler Felix Kammerer sitzt am Premierentag um elf Uhr entspannt im Kaiserzimmer des Burgtheaters und erzählt von der schönen Arbeit, und dass Nervosität ihm tendenziell unbekannt, weil eine Frage des Typs, sei.

Abgesehen davon war Schnitzlers dunkle Tragikomödie "Das weite Land" schon ein paar Wochen vorher bei der koproduzierenden Ruhrtriennale in Bochum ein Erfolg. Also: "Ich weiß, was wir tun, es gibt keine Ungereimtheiten, und wir hatten schon drei Generalproben, zwei in Wien und eine in Bochum. Wir hatten genug Zeit, und es ist ein sehr, sehr guter Abend geworden. Es gibt folglich nichts, wovor man sich fürchten muss."

Großartiges "Weites Land"

Die Prognosen bewahrheiten sich unverzüglich. Die Aufführung ist großartig, die Kritiken sind es gleichfalls. Konträr zum anderweitigen Zulauf des Hauses sind die wenigen Reprisen im September ausverkauft, und auch das Minimalangebot im Oktober sollte noch stürmisch angenommen werden.

Arthur Schnitzlers grausame Tragikomödie aus dem Jahr 1910: Der Glühbirnenfabrikant Friedrich Hofreiter (Michael Maertens) ist ein radikaler, gewissenloser Egiost, der sich die Frauen nach Pläsier nimmt und Moral nur zur Innenausstattung seines Selbstbildes gebraucht. Eine Affäre seiner unglücklichen Frau (Katharina Lorenz) mit dem Fähnrich Otto Aigner (Felix Kammerer) führt in die Katastrophe. Barbara Frey hat inszeniert, in weiteren Rollen: Bibiana Beglau, Dorothee Hartinger. www.burgtheater.at
Felix Kammerer
© News/Matt Observe DER WEG FÜHRT AUFWÄRTS: Felix Kammerer, geboren am 19. September 1995 in Wien, auf der Feststiege des Burgtheaters

Die Schweizerin Barbara Frey, derzeit mehrfach als Nachfolgerin des Burgtheasterdirektors Martin Kušej genannt, hat inszeniert. Schnitzlers Text aus dem Jahr 1910 ist wie gefriergetrocknet: hoch konzentriert, aber durch keinerlei Allotria und Dekonstruktionsgaudi entstellt, sondern in einem finsteren Raum festgefroren wie die handelnden Personen, Untote in den Sterbejahren der Monarchie. Der Marine-Fähnrich Otto Aigner, ein halbes Kind, durchrast da wie im Traum eine fiebrige Liebesgeschichte mit der Glühbirnenfabrikantengattin Genia Hofreiter. Deren Mann, ein radikaler Egoist, hat gegen die Affäre nicht einmal etwas einzuwenden, aber er erschießt den Buben am Ende doch im Duell, kann sein aus Langeweile.

Und wie da der junge, zu Beginn der Spielzeit 2019/20 ans Haus verpflichtete Burgschauspieler still auftrumpft! Solch ein fast kindliches Leuchten haben meist nur Anfänger, aber der hier ist ein erfahrener Profi, der schon als Teenager in Maresa Hörbigers privater Talenteschmiede auffiel, dann das Handwerk an der Ernst-Busch-Schule in Berlin erwarb, während des Studiums am Deutschen Theater und am Maxim-Gorki-Theater spielte, 2019 bei den Salzburger Festspielen debütierte und jetzt am Burgtheater sesshaft ist.

Felix Kammerer, ein Theaterkind

Der Österreicher-Bonus zählt da gar nichts, denn beim aktuellen Schnitzler ist Felix Kammerer neben Branko Samarovski der einzige Originalklang unter großartigen deutschen Burgschauspielern, unter ihnen Michael Maertens und Katharina Lorenz. Das hier, sagt Felix Kammerer, ist eine andere Art von Authentizität. "Ich habe noch nie erlebt, dass man an einem Text auf diese Art arbeiten, so viele unterschiedliche Untertexte aufmachen kann. Ich finde das brillant, gerade bei Schnitzler dem Text zu vertrauen, weil es ein fantastischer Text und ein fantastisches Stück ist. Diese urösterreichischen Autoren leiden alle unter der österreichischen Färbung", rückt er Schnitzler verdientermaßen in die Weltliteratur. "Hier sind die Gedanken so präzise, das Gebäude ist so perfekt gebaut, und bei Nestroy ist es für mein Gefühl genauso. Aber sie liegen immer unter dem Schleier des österreichischen Palavers. Wenn man sich darüber hinwegsetzt und schaut, worum es wirklich geht, sind die Texte so stark, dass sie sich auch ohne Idiom behaupten."

»Wir sind für das klassische Theater ausgebildet. Das andere Tamtam, das mit den Videos, kommt mit dem Beruf«

Die Rolle, so könnte man meinen, wäre auch im simpel biografischen Sinn die seine. Denn Otto Aigner ist ein Künstlerkind, so wie Felix Kammerer, Sohn der Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager, die von der Staatsoper an die Bühnen der Welt aufbrach, und des Baritons Hans Peter Kammerer.

Deshalb ist Felix, der Sohn, auch schon branchenweit seit der Vorschulzeit als beherztes, nicht auf den Mund gefallenes Kind bekannt. Aber man wird von den Eltern kein Wort über ihn hören, denn er hat sich das, was er heute ist, ohne jegliches Zutun aufgebaut (worauf schon die Ausbildung in Berlin verweist).

Felix Kammerer mit seinen Eltern Angelika Kirchschlager und Hans Peter Kammerer
© imago images/SKATA Felix Kammerer mit seinen Eltern Angelika Kirchschlager und Hans Peter Kammerer am Opernball im Jahr 2004

Aber er kann erzählen. "Wenn man in einem solchen Haushalt aufwächst, ist das auf der einen Seite eine riesige Aufgabe, weil man ständig mit Reisen und Organisation konfrontiert ist. Es ist immer etwas los, man muss das Privatleben hintanstellen. Aber auf der anderen Seite ist es ein Riesengeschenk. Man kommt mit vielen Leuten in Kontakt, lernt viel, sieht viel von der Welt und wird gut gebildet."

Die Mutter nahm ihn immer mit, er durchquerte die USA, Südamerika und Japan, von den europäischen Metropolen nicht zu reden. Kein Bedarf nach Beständigkeit, nach Freunden im Kindergarten? "Mir hat es gefallen." Mit dem Schuleintritt war es vorbei.

"Im Westen nichts Neues"!

Was sich nun der Kinopremiere am 29. September nähert und ab Oktober von Netflix verbreitet wird, ist von elterlicher Protektion so weit entfernt wie ein Skoda vom Nürburgring: Felix Kammerer ist nichts Geringeres als der Protagonist der Neuverfilmung des Romans "Im Westen nichts Neues". Die Nazis verbrannten das Werk des Pazifisten Erich Maria Remarque, weil es das Entsetzen an der Westfront im Ersten Weltkrieg mit der nämlichen Radikalität darstellt wie Karl Kraus die Bestialisierung des Hinterlandes in den "Letzten Tagen der Menschheit".

Der Roman des Deutschen Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1928 schildert das Entsetzen des Ersten Weltkriegs aus der Perspektive eines durch das Hurragebrüll betrunken gemachten jungen Mannes. Ewald Berger verfilmte das von den Nazis verbrannte Buch mit einer großartigen jungen Besetzung, an deren Spitze Felix Kammerer den todgeweihten jungen Paul Bäumer spielt. Der Film gelangt am 29. September zum Kinoeinsatz und ist ab Oktober beim Produzenten Netflix abrufbar.

Felix Kammerer ist Paul Bäumer, der im Rausch des patriotischen Taumels an die Front zieht und dort nichts als Entsetzen und einen elenden Tod findet. "Um Gottes willen!", beantwortet er die Frage nach eigener Wehrdienstpraxis. Er hat den Zivildienst im "Haus Miriam" abgeleistet, einem Asyl für alleinstehende Frauen in akuter, auch seelischer Not. "Ich habe da Einblick in ganz andere Lebensrealitäten bekommen, die man als junger Mensch im schönen Wien nicht kennt." Und jetzt? Hat er sich vier Monate lang geschunden, einen Waffen- und einen Sprach-Coach für das Osnabrücker Idiom und einen Schauspiel-Coach für den Dreh bemüht. Während dieser Zeit lief er täglich zehn Kilometer mit der Bleiweste, um die Kondition für das Schlachtfeld aufzubauen, das auf den 120.000 Quadratmetern einer ehemaligen sowjetischen Luftbasis bei Prag nachgebaut wurde.

Und jetzt Friede, sofort!

Kein Mensch dachte damals daran, dass der Krieg Realität werden könnte. "Ja, es ist beängstigend. Man beginnt sich schon wieder mit dem Krieg gedanklich zu arrangieren und steht doch noch unter Schock, weil man nicht dachte, dass so etwas überhaupt geht. Gerade in meiner Generation hatte ich mit Krieg keinerlei Berührungspunkt. Ich war gerade geboren, als Jugoslawien noch in der Luft schwang."

Was folgt, ist ein Bekenntnis zur Friedensbewegung, von der sich die Elterngeneration gerade auf Zehenspitzen davonmacht. "Es ist erschreckend, mit was für einer Radikalität sich das Weltklima auch in den Köpfen verändert, wenn man ständig mit Säbelrasseln und Ausnahmezuständen konfrontiert ist. Das ist unheimlich, und ich bin angespannt, wie sich das weiterentwickelt. Aber das", schwingt er sich zu einem Appell auf, der schöner nicht sein könnte, "ist wohl der Punkt, an dem man anfangen muss, erst recht für die Friedensbewegung zu sein. Wir drehen gerade alle durch. Also: hinsetzen, durchatmen, weitermachen. Aber bitte nicht wie vorher! Das ist die Position der Jugend, die in ihrer Naivität die Kriege der letzten 20 Jahre nicht mehr im Kopf hat. Mit dieser Naivität darf man hineingehen und sagen: Jetzt muss einfach Schluss sein!"

Für die Schauspielkarriere geht es jetzt um allerhand, denn der Film wird von Deutschland in den Oscar-Bewerb geschickt, und die Angebotslage für den jungen Protagonisten gestaltet sich heftig.

Er müsse abwarten, sagt er, aber den auf jeweils ein Jahr ausgelegten Burgtheatervertrag werde er in jedem Fall erfüllen, und das gern. "Ich merke, dass ich das Theater brauche. Es ist sehr angenehm, ein Automatikauto zu fahren, aber wenn man die Höhenstraße mit Gangschaltung hochfährt, ist das eben das analoge Erlebnis. Beim Theater ist man direkt, man spielt von vorne bis hinten durch und hat eine ganz andere Erdung als im Film."

Nur, dass sich das Theater in krisenreichen Zeiten eventuell wieder mehr dem Publikum verpflichten muss, denn die Leute strömen nicht mehr unaufgefordert. "Ich frage mich, ob sich nicht die Sehgewohnheit verändert. Ob man nicht wie in einer Schleife wieder zum Klassiker zurück will, zum klassischen Theater."

Kann denn das ein junger Schauspieler noch? Und wie er kann, entgegnet Felix Kammerer da heftig. An der Ernst-Busch-Schule, dem verbliebenen Besten der alten DDR, erlerne man nichts mit solcher Rigorosität wie das Sprechen. Und nicht nur dort. "Wir sind für das klassische Theater ausgebildet, dafür, einander im 'Weiten Land' zwei Stunden in die Augen zu sehen und die Spannung zu halten. Das andere, das mit den Videos und dem anderen Tamtam", fügt er hinzu, "das kommt erst im Beruf."

Es alsbald wieder verlernen zu dürfen, wäre ein Traum für alle Beteiligten.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2022 erschienen.