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Russell Perry: Der Österreicher, der Europas Luftraum Europa vermisst

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Russell Perry

©Matt Observe

Er schrieb heimische Start-up-Geschichte und gründet nun wieder in bahnbrechender Dimension. Mit Perivallon Technologies baut Russell Perry ein EU-weites Netzwerk zur Erfassung des bodennahen Luftraums. Für das Start-up hat er Österreich als Standort gewählt. Er nennt die „enormen Assets“ und was uns zukunftsfitter macht.

Der entscheidende Satz fällt im Gespräch eher beiläufig. Natürlich hätte Russell Perry das DeepTech-Unternehmen Perivallon Technologies auch in Abu Dhabi oder in Singapur gründen können. „Dort würde es vermutlich schneller gehen“, sagt er. „In Österreich zu bleiben, war eine bewusste Entscheidung.“

Hier hat Perry bereits Start-up-Geschichte geschrieben: Mit dem Verkauf des Firmendatenanbieters 360kompany an die US-Ratingagentur Moody’s lieferte er im Jahr 2021 einen der größten Exits in der Geschichte der heimischen Gründerszene. Der erfolgreichste Exit des Jahres gelang ihm überdies 2010 als CEO der Personensuchmaschine 123people.

Man muss sich den 49-Jährigen nicht als patriotischen Unternehmer vorstellen. Eher als jemanden, der Systeme vergleicht wie andere Wetterlagen: nüchtern, präzise, mit einem Gespür für Dynamiken.

Bildungssystem als klares Plus

Perry ist in Kitzbühel aufgewachsen und folgte seinem Vater nach der Scheidung der Eltern als Jugendlicher in die USA. Er war 16 Jahre alt, bestand die Studienberechtigungsprüfung und absolvierte ein Bachelorstudium.

Für sein Masterstudium kehrte er nach Österreich, konkret an die Donauuniversität Krems, zurück, weil das Preis-Leistungsverhältnis überzeugte: Lehrende aus weitreichenden Institutionen wie EU-Kommission, Europaparlament und Nationalbank zu einem Preis weit unter US-Universitätsniveau.

Frühe Netzwerke werden Anker

Perry kennt das amerikanische Prinzip: Tempo, Risiko, Skalierung. Und er kennt Europa: Regulierung, Abwägung, Verantwortung. Er hat sich aus mehreren Gründen entschieden, auch mit dem neuen Start-up Letzteres zu wählen. Sein über Jahrzehnte in Österreich aufgebautes Netzwerk ist einer davon. Es begann mit dem Jobangebot von Connect Austria – später Orange, heute Hutchison Drei – das ihn direkt nach dem Uniabschluss in Österreich hielt.

Mit Perivallon Technologies setzt er ein Projekt um, dessen Idee schon Anfang der 2000er-Jahre entstand: ein engmaschiges Netz von Sensoren, das den bodennahen Luftraum unter 1.000 Metern präzise, in Echtzeit, hyperlokal vermisst. Was lange aus Gründen von Kosten, fehlender Rechenleistung und Skalierung in der Schublade lag, brennt aktuell unter den Fingernägeln. „Jetzt ist der Zeitpunkt, Kosten für Connectivity und Komponenten betragen einen Bruchteil von früheren Werten. Diese Skalierungseffekte gab es nicht“, sagt Perry.

Innerhalb weniger Wochen etablierte Perivallon Technologies in der Schweiz 35 Stationen als Testnetzwerk. Binnen zwei Jahren sollen es 35.000 Standorte in Europa mit Stationen alle 12 Kilometer werden. Das Ziel ist ein dezentrales, flächendeckendes Sensornetz, das meteorologische Daten, GNSS-Informationen (GPS, Galileo) und Signal Intelligence nutzt und den bislang kaum erfassten bodennahen Luftraum sichtbar macht. 2.500 Stationen gehen noch bis Ende dieses Jahres live.

Aus Österreich. Für Europa

Erwartbar größte Kunden werden Nowcasting-Plattformen, KI-basierte Systeme, die kurzfristige Wetterentwicklungen vorhersagen. Eine weitere Zielgruppe liegt im Bereich Logistik und Mobilität. „Unsere Daten können direkt in operative Systeme integriert werden, etwa um Transportentscheidungen großer Speditionen dynamisch anzupassen, je nach Wetterlage oder lokalen Bedingungen“, erklärt Perry.

Wetterdaten, wie Windentwicklungen, sind zudem für die kritische Infrastruktur von Flughäfen relevant oder können Schadenversicherer mit präzisen Daten versorgen. Die Technologie folgt dem „Dual Use“-Ansatz, denn sie kann auch staatliche Akteure im Sicherheitsbereich unterstützen, wenn es etwa um Drohnenerkennung oder die Analyse von Störungen in Navigationssystemen geht.

Bislang agiert Perivallon Technologies eigenfinanziert. Die angestrebte Fremdfinanzierung bewegt sich im neunstelligen Bereich. Trotz Interesses aus den USA und Asien sollen die Investoren aus dem europäischen Bereich kommen. „Purpose“, also eine klare Bestimmung, die über wirtschaftliche Belange hinausgeht, ist Russell Perry seit geraumer Zeit sehr wichtig. „Am Anfang ging es darum, Umweltveränderungen früher zu erkennen und damit Bevölkerung und Infrastruktur besser zu schützen. Inzwischen sehen wir, dass wir auch einen Beitrag zur europäischen Sicherheit leisten können.“

„Purpose“ als Erfolgsfaktor

Nutzen zu stiften, erachtet Perry als immanent wichtig für den Erfolg eines Teams. Bei Kompany sei es darum gegangen, zu einer funktionierenden Wirtschaft beizutragen, indem Geldwäsche erschwert wird. „Das Team stand auch deshalb so stark hinter dem Unternehmen, weil es darum ging, gesellschaftlich beizutragen“, sagt er. „Purpose ist ebenso wichtig wie die ökonomische Komponente.“

Diese Art zu denken, fehlt ihm bei den meisten börsenotierten Unternehmen. Er wünscht sich dort mehr geisteswissenschaftlich ausgebildete Führungskräfte: „Mir fehlt eine breitere Perspektive in der Führung, wenn sich alles auf Shareholder-Value verengt. Ich halte das für zu kurz gedacht. Es muss stärker um gesellschaftlichen Wert, um society value, gehen.“

Wir haben alle Voraussetzungen für mehr unternehmerischen Mut: hohe Lebensqualität und stabile demokratische Strukturen. Das sind enorme Assets

Russell Perry

Technologie beherrschbar machen

Technologie dürfe nicht nur vom Machbaren her gedacht werden, sagt er. Diese Einstellung erklärt eine weitere Motivation des Gründens in Österreich statt an ökonomisch attraktiveren Orten rund um den Globus.

„In Europa klagen wir oft über Regulierung. Zum Teil stimmt das. Aber Europa ist auch gut darin, Rahmenbedingungen zu setzen, damit technologischer Fortschritt gesellschaftlich beherrschbar bleibt. Ich sage bewusst: beherrschbar, nicht blockiert. Ohne Regeln riskieren wir Systeme, die gegen Gesellschaft, Demokratie und Institutionen eingesetzt werden können“, führt er aus. In Europa ortet er ein stärkeres Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung, wenngleich der Mut zum Umsetzen oft fehle. Perry: „Dabei haben wir alle Voraussetzungen: hohe Lebensqualität und stabile demokratische Strukturen.“

Schlagender Faktor Lebensqualität

Es sind Rahmenbedingungen wie Bildung, Gesundheitssystem, Umwelt und Sicherheit, die sich im Gespräch als womöglich wichtigster Faktor Pro-Österreich herauskristallisieren. Diese „weichen“ Faktoren ziehen Talente an, die trotz geringerer Verdienstmöglichkeiten im internationalen Vergleich und langer Wartezeiten auf die Rot-Weiß-Rot-Karte nach Österreich kommen und bleiben. Mein Sohn konnte hier in Sicherheit und Stabilität aufwachsen“, bringt es Perry auf den Punkt.

Das nennt er „enorme Assets“. „Grundsätzlich haben wir vieles: Humankapital, Universitäten, funktionierende Strukturen. Aber wir müssen bei Themen wie Mitarbeiterbeteiligung und Gesellschaftsformen nachschärfen und international konkurrenzfähig werden“, so seine Analyse.

Wenn neue Rechtsformen wie die FlexCo international erst erklärt werden müssen, sieht er ein unnötiges Hindernis. Wenn Unternehmensgründungen möglich sind, aber Prozesse nicht durchgängig digital funktionieren ebenso. Oder auch, wenn Mitarbeiterbeteiligungen steuerlich so unattraktiv sind, dass sie ihren Zweck verfehlen.

Trotzdem bleibt der Serial Entrepreneur. Nicht, weil Österreich einfacher wäre. Sondern weil genug stimmt, um Innovation gesellschaftlich auf ein höheres Niveau zu bringen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.

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