Alfred Gusenbauer
©APA-Images/Andreas TischlerEinst zentral im Machtgefüge von René Benko und der Signa-Gruppe, heute geläutert: Der frühere österreichische Bundeskanzler steht nach dem Kollaps des Konzerns unter Druck. Welche Konsequenzen drohen dem Ex-Aufsichtsratschef? Eine Spurensuche.
Leicht nach vorne gebeugt, die Hände ruhig im Schoß gefaltet, spricht Alfred Gusenbauer in die Runde. Hinter der markanten schwarzen Hornbrille wirkt er konzentriert, dozierend. Hier ist er ganz in seinem Element: Das Publikum hört zu, während er ihm die große weite Welt erklärt. Neben ihm auf dem Podium hat ein früherer deutscher Spitzenpolitiker Platz genommen: Karl-Theodor zu Guttenberg. Jetzt Medienunternehmer, Investor und jedenfalls ein gefragter Speaker.
Gusenbauer trägt schwarzes Sakko mit Weste. Am Handgelenk eine hochpreisige Schweizer Uhr. Er gibt den Weltmenschen. Das Publikum wirkt ihm gewogen und somit ein Heimspiel im sozialdemokratischen Kärnten. Organisiert wird der Abend von einem Wiener PR-Unternehmer, mit dem Gusenbauer auch geschäftlich verbunden ist.
Der Mann von Welt
Im Saal sitzen Lobbyisten und Wirtschaftsbosse, aber auch ein alter Vertrauter des ehemaligen Signa-Chef-Aufsehers hat Platz genommen: sein früherer persönlicher Assistent. Einer, der es im Fahrwasser des Bundeskanzlers weit bringen sollte. Bis hoch zum wohldotierten Presseverantwortlichen der ganzen Signa-Gruppe. Mit einer eher überschaubaren Leistungsbilanz, wie zahlreiche mediale Beobachter zu berichten wissen.
Vieles erledigten schlussendlich andere für ihn. Teure externe Medienberater, Anwälte und Privatermittler wurden engagiert, um die über Jahre zunehmend desaströser werdende Berichterstattung rund um die Signa und ihren Mastermind René Benko kurzfristig einzudämmen. Heute ist er selbstständig: Als PR-Berater. So weit so kurios.
Ein Kanzler-Gehalt
Und doch ist es eben jener Mann, der Gusenbauer einst zu René Benko bringen sollte. Schon als junger Mitarbeiter im Kabinett des SPÖ-Bundeskanzlers knüpfte er Kontakte zu dem damals Anfang 30-jährigen Immobilienunternehmer, der gerade damit begann, sich neben seiner Innsbrucker Heimat auf dem Wiener Markt zu etablieren.
Der frühere Assistent Gusenbauers wechselte wenig später auf Benkos Seite. Als dessen persönlicher Assistent. Mit einem Ziel: Gusenbauers Netzwerk sollte in die Signa eingebracht werden. Und das mit Erfolg. Die Kontakte vom Nationalbankgouverneur bis zu hochrangigen Raiffeisen-Bankern öffneten Benko Türen, sorgten für jene Zugänge, die anderen am Markt verschlossen blieben.
Nach dem Ausscheiden aus der Bundespolitik lag der rote Teppich schon bereit; versüßt mit der gewohnten Kanzlergage und der unmittelbaren Aussicht auf weitere, zusätzliche Bonifikationen. Es war ein scheinbar gutes Leben für den Niederösterreicher. In den Folgejahren seiner Tätigkeit für Benko stiegen Gusenbauers Honorare kontinuierlich in die Millionensphären an. Allein für Beratungsleistungen rund um Galeria Karstadt Kaufhof stellte seine GmbH zwischen 2020 und 2023 rund zwölf Millionen Euro in Rechnung. Durch Benkos Signa wurde Gusenbauer zum Multimillionär.
Gusi vor Gericht
Alfred Gusenbauer musste am gestrigen Mittwoch (15. April 2026) vor Gericht Honorare von rund fünf Millionen Euro rechtfertigen, die er 2022 und 2023 von der insolventen Signa Holding erhielt. Der Masseverwalter bezweifelt, dass diesen Zahlungen entsprechende Leistungen gegenüberstehen. Gusenbauer war von 2008 bis 2023 Mitglied des Signa-Beirats und hatte mit seiner Firma den Auftrag, Investoren zu gewinnen.
Vor Gericht verwies er auf Beratungsgespräche mit René Benko, Kommunikationschef Robert Leingruber, anderen Beiräten sowie Kontakte zu Investoren und Bürgermeistern. Als konkreten Erfolg nannte er eine von ihm eingefädelte Investition der Schoeller Gruppe über 200 Millionen Euro im Jahr 2023.
Vertreter des Masseverwalters kritisierten fehlende Belege und verwiesen darauf, dass viele Erfolge nicht in den relevanten Zeitraum fallen. Gusenbauer erhielt jährlich Fixhonorare und Boni, 2023 insgesamt bis zu eine Million Euro. Ein Vergleich ist derzeit nicht absehbar. (apa/red)


Alfred Gusenbauer bei seinem ersten Auftritt vor Gericht in der Signa-Causa.
© APA, GEORG HOCHMUTHPrivatjet-Set
Schon zu Beginn seiner Tätigkeit als Beiratsvorsitzender der Signa Holding lernte Gusenbauer auf Flügen im Signa-Privatjet auch das private Umfeld des Immobilienjongleurs kennen. Auch in der Villa Ansaldi in Sirmione am Ufer des Gardasees ging er ein und aus. Dort, in geselliger Runde, brachte er Benko das Pokerspielen bei. In der rechten Hand eine kubanische Zigarre, in der linken ein Glas Rotwein. Um sich tags darauf in der Badehose beim Sudoku zu entspannen.
Diese Tage sind Vergangenheit. René Benko sitzt seit Ende Jänner 2025 in Untersuchungshaft. Seine Enthaftungsanträge wurden bisher abgelehnt. Bis hinauf zum Obersten Gerichtshof. Ein weiterer Versuch soll bevorstehen. Für ihn gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.


Enge Beziehung: Alfred Gusenbauer zählte über Jahre zum engeren Kreis des gefallenen Unternehmers René Benko.
© APA-Images/Andreas TischlerGeschäftsführer als Statisten
Gusenbauer musste bereits wenige Tage nach Festnahme Benkos, Ende Jänner 2025, vor den Beamten der Soko Signa als Zeuge unter Wahrheitspflicht darlegen, ab wann er von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Signa Holding erfahren haben soll.
Im Zentrum der Befragung stand die als „Geldkarussell“ bekannt gewordene Kapitalerhöhung aus dem Sommer 2023. Über ein Geflecht von Gesellschaften sollen 35,35 Millionen Euro geschleust worden sein, mit dem Ziel, das Geld zwischenzuparken und als frisches Eigenkapital wieder in die Signa einzuspeisen. Gusenbauer erklärt vor den Ermittlern, er habe „dazu keine eigenen Wahrnehmungen“ und sei nicht involviert gewesen. Erst später habe er davon erfahren.
Auf die Frage, wann er als Aufsichtsratsvorsitzender und Beirat über die Schieflage informiert worden sei, sagt er: „Der Beirat war diesbezüglich nicht eingebunden, daher habe ich dazu auch keine Kenntnisse.“ Und weiter hält er fest: „Der Beirat hat mit der Geschäftstätigkeit nichts zu tun gehabt. Die Informationen kamen ausschließlich von René Benko, bei Beiratssitzungen waren zwar auch die Geschäftsführer zum Teil dabei, aber in der Rolle von Statisten.“
Rechnungen über Rechnungen
Und doch zeichnen die Akten ein differenzierteres Bild. News vorliegende Unterlagen zeigen, dass Gusenbauer noch bis kurz vor der Signa-Insolvenz in „Kapitalaufbringungsmaßnahmen“ eingebunden gewesen sein will. Am 24. Oktober 2023 stellte seine Gesellschaft jedenfalls drei Millionen Euro für „strategische Beratung bei der Durchführung von Kapitalaufbringungsmaßnahmen“ in Rechnung.
Just für jenen Zeitraum, in dem die Signa bereits ums endgültige Überleben kämpfte und händeringend nach letzter Liquidität suchte. Interner Mailverkehr legt zumindest nahe, dass dafür keine klare vertragliche Grundlage bestand. Zumindest konnte einer der beiden offiziellen Geschäftsführer der Signa Holding dem Insolvenzverwalter gegenüber dazu keine näheren Angaben machen.
Haselsteiner-Mann
Obendrein war Alfred Gusenbauer in einer seiner vielen Funktionen als Vorsitzender der Haselsteiner-Privatstiftung seit Jahren auch aus einer anderen Perspektive in Fragen der Kapitalaufbringung eingebunden. Die Stiftung des Bauindustriellen Hans Peter Haselsteiner rückte von einer Beteiligung an der Signa Prime Selection AG auf die Ebene der Signa Holding vor – und wurde dort zu einem der gewichtigsten Co-Investoren von René Benko.
Allein diese Verschiebung brachte Gusenbauer in einen engen Austausch mit Benko. Seine Einschätzungen hatten Gewicht, seine Meinung zählte. So leitete Haselsteiner in einer persönlichen Mail an Benko ein: „Lieber Rene, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du mit Sigi Wolf Geschäfte machen möchtest. Ich halte ihn für einen ‚Huber‘! Mindestens!“ – woraufhin sich Benko an Gusenbauer wandte mit der Frage: „Wie soll ich damit umgehen?“


Persönliche Empfehlung: Der Signa-Investor Hans Peter Haselsteiner ist scheinbar kein Freund des Russland-affinen Unternehmers Siegfried Wolf.
© NEWSIm weiteren Verlauf des Jahres 2023 geriet die Signa-Gruppe mit ihren Zahlungen an Gusenbauer persönlich in Verzug. Offene Honorare türmten sich. Selbst Mahnungen wurden verschickt. Gleichzeitig stieg seine monatliche Vergütung als Beirat im Februar 2023 noch kräftig an. Auf 50.000 Euro. Viel Geld für ein Unternehmen am Rande des Untergangs. Für einen Beirat der laut Signa-Geschäftsführung seit Jahren nicht zusammengekommen sein soll.
Kein Beschuldigter
Die Rolle und das Wirken des früheren Bundeskanzlers im Benko-Reich scheinen die Ermittler bis heute kaum zu beschäftigen. In Justizkreisen wird seit Monaten die Frage gestellt, warum Alfred Gusenbauer nicht stärker ins Visier genommen wird.
Abgesehen von einer Zeugeneinvernahme unter Wahrheitspflicht im Jänner 2025 vor der Soko Signa und einer weiteren kurzen Befragung durch Spezialisten des Amts für Betrugsbekämpfung blieb es für ihn ruhig. Der Ex-Kanzler hat sich vor allem mit seinen Millionenabrechnungen gegenüber der Signa Holding und dem dort zuständigen Insolvenzverwalter auseinanderzusetzen. Diese Woche steht dazu eine Zeugenaussage vor dem Wiener Handelsgericht für Gusenbauer auf dem Programm.
Und Gusenbauer selbst? Aus heutiger Sicht will er nicht ausschließen, dass der Aufsichtsrat über die wirtschaftlichen Verhältnisse getäuscht worden sein könnte.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.
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