Zum vierten Mal in Folge wurde EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vom „Forbes“-Magazin zur mächtigsten Frau der Welt gewählt, nun hielt sie ihre sechste Rede zur Lage der Union. Porträt einer kühlen, disziplinierten Machtpolitikerin und einer Meisterin der Inszenierung und des Pathos.
„Wen rufe ich an, wenn ich Europa sprechen will?“ Diese durchaus spöttisch gemeinte Frage soll der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger in den 70er-Jahren gestellt haben. Er selbst meinte später, er könne sich daran nicht erinnern, aber er streiche gern die Lorbeeren dafür ein, denn es sei ein guter Spruch.
Ob tatsächlich gesagt oder nicht – der Satz beschrieb stets ein grundlegendes Problem der Europäischen Union. Seit einigen Jahren stellt sich die Frage nicht mehr, es gibt eine eindeutige Antwort: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Flucht nach vorne
Die 67-Jährige steht mitten in ihrer zweiten Amtszeit, von Anfang an hat sie das Heft in die Hand genommen, die Union auf einen geopolitischen Weg geführt und mit viel Disziplin das Tempo verschärft. Das gefiel und gefällt nicht allen. Doch von der Leyen ist Gegenwind gewohnt und steckt ihn scheinbar mühelos weg. Ihr Weg nach Brüssel war nicht nur überraschend, sondern auch eine Flucht, der sie vor dem Aus ihrer politischen Karriere bewahrt hat. Denn 2019 war ihre berufliche Laufbahn in Deutschland am Tiefpunkt angelangt, ihre Bilanz als Verteidigungsministerin wurde immer schlechter, sie bekam die Probleme nicht in den Griff.
Die Berateraffäre – das Ministerium vergab millionenschwere Aufträge an externe Berater – und die hochpeinliche Besenstiel-Affäre setzten die Ministerin unter Druck. Bei einem NATO-Manöver in Norwegen hatten deutsche Bundeswehrsoldaten schwarz gestrichene Besenstiele als Attrappen an die gepanzerten Fahrzeuge montiert, weil die eigentlichen Waffenrohre fehlten. Derart angeschlagen, wurde sie plötzlich von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Streit nach der EUWahl als Kompromisskandidatin ins Spiel gebracht. Von der Leyen erhielt nur eine hauchdünne Mehrheit bei der Abstimmung im EU-Parlament.
Frühe Prägung, späte Laufbahn
Die Politik hat Ursula von der Leyen von klein auf hautnah mitbekommen, Europa ist wortwörtlich ihre Heimat. Sie kam in Brüssel zur Welt, ihr Vater Ernst Albrecht war hoher Beamter in der Europäischen Union, später CDU-Ministerpräsident in Niedersachsen. Sie wuchs mit fünf Brüdern auf, ihre jüngere Schwester starb im Alter von elf Jahren an Krebs. Deren Tod habe die gesamte Familie sehr verändert, berichtete von der Leyen später in Interviews.
Die politische Laufbahn der heute mächtigsten Frau der Welt begann spät, erst mit Mitte 40. Davor studierte sie Archäologie, dann Medizin, sie arbeitete als Frauenärztin, heiratete den Mediziner Heiko von der Leyen und bekam sieben Kinder. Doch einmal in der Politik, erfolgte der Aufstieg rasch. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel holte von der Leyen 2005 als Familienministerin in ihr Kabinett, sie sollte über 14 lang die einzige Ministerin bleiben, die Merkel nicht austauschte. Bis zum rasanten Abwärtstrend 2019 und bis Brüssel zum rettenden Ausweg wurde.
Auch am Sofa souverän
Dass enorme Disziplin und Durchhaltevermögen ihre Stärken sind, zeigte Ursula von der Leyen auch im April 2021 in Ankara, als sie zu Besuch beim türkischen Präsident Recep Tayyip Erdoğan war. Bei dem Treffen, das als „Sofagate“ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, nahmen Erdoğan und der damalige EU-Ratspräsident Charles Michel auf den zwei bereitgestellten Stühlen Platz, für die Kommissionspräsidentin blieb lediglich das weiter entfernt stehende Sofa.
Nur für Sekunden blitzte von der Leyens Düpiertheit durch, dann verzog sie keine Miene und absolvierte den Termin gewohnt souverän. Erst danach machte sie ihrem Ärger Luft. Ob sie dies auch gegenüber Charles Michel, der in Ankara stoisch auf seinem Sessel sitzen geblieben ist, tat, darüber kann nur spekuliert werden. Michel jedenfalls kritisierte nach seiner Amtszeit von der Leyen scharf und bezeichnete sie als „sehr autoritär“.
Die Stimme Europas muss zu hören sein. Zu oft hat Europa zuletzt nicht gesprochen
Prioritätenwechsel
2024 wurde Ursula von der Leyen für eine zweite Amtsperiode wiedergewählt. Auch diese Abstimmung war nicht gerade ein fulminantes Ergebnis: 401 Abgeordnete stimmten für, 284 gegen sie. Die Mehrheit hatte sie sich mit umfangreichen Zugeständnissen an die Fraktionen im Europäischen Parlament gesichert. War der Green Deal, der Europa bis zum Jahr 2050 klimaneutral machen soll, zu Beginn ihrer Präsidentschaft noch oberstes Ziel und größtes Prestigeprojekt, wurde der Plan mittlerweile stark verwässert, abgeschwächt, verschoben und auf der Prioritätenliste nach hinten gereiht.
Ganz oben in dieser Aufstellung stehen nun wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherheit Europas. Mit dem Plan „Rearm Europe“ sollen bis zu 800 Milliarden Euro in die Verteidigung der Union investiert werden. Ursula von der Leyen treibt auch die Unterstützung der EU für die Ukraine energisch voran. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs war die Kommissionspräsidentin bereits elf Mal in der Ukraine, zuletzt im Juli des heurigen Jahres, um mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über eine engere Rüstungskooperation und über den EU-Beitrittsprozess zu beraten.
In ihrem Beistand für Kiew greift Ursula von der Leyen oft in die Schublade mit den großen Gesten und den ganz offensichtlichen Statements: Immer wieder trägt sie demonstrativ die ukrainischen Nationalfarben gelb und blau. Im Kreml gilt sie als eines der größten Feindbilder im Westen und wird regelmäßig mit Hohn, Spott, Lügen und Desinformationskampagnen – vielfach persönlich untergriffig – überschüttet.
Geehrt: Seit Beginn der russischen Vollinvasion hat für von der Leyen die Unterstützung der Ukraine höchste Priorität. Was sie im Kreml zum Feindbild macht, bringt ihr in der Ukraine große Anerkennung. Im Juli verlieh ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj den „Orden Europas“ für Verdienste für die Ukraine und Europa.
© APA-Images, Valentyn Ogirenko, REUTERSKein Bussi-Bussi
Wer sich in Brüssel zur Person Ursula von der Leyen umhört, vernimmt oft die Worte „fleißig“ und „zielstrebig“, aber auch „kühl“, und das in diesem Fall nicht als Kompliment gemeinte „typisch deutsch“. Viele politische Beobachter sind der Meinung, dass die Spitze der Kommission noch nie so mächtig wie mit von der Leyen war. Das bekommt mitunter auch die eigene Institution zu spüren. Ursula von der Leyen gibt den Takt vor, sie will die gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik der EU prägen, wenn es sein muss, auch im Alleingang. Das führt zu einem Grabenkampf mit der Außenbeauftragten Kaja Kallas, die um ihren Spielraum ringt.
Die Gegensätzlichkeit von Ursula von der Leyen zu ihrem Vorgänger, dem Luxemburger Jean-Claude Juncker, der für seine unkonventionellen Begrüßungsrituale von herzlichen Umarmungen, dem Tätscheln des Kopfes über das Wuscheln der Haare und leichten Ohrfeigen bis zu regelrechten Kuss-Attacken bekannt war, könnte nicht größer sein. In Anspielung auf Juncker meinen auch so mache: Europa sei eine Herzensangelegenheit, ein Gefühl – und das sei bei Ursula von der Leyen nicht spürbar.
Pathos und Teflon
Die 67-Jährige gibt sich bescheiden, in Brüssel hat sie eine Miniwohnung direkt neben ihrem Büro im 13. Stock des Berlaymont-Gebäudes, dem Sitz der Kommission am Place Schuman, bezogen. Trotz dieses Understatements beherrscht Ursula von der Leyen die Kunst der Inszenierung. Oder vielleicht ist die zur Schau gestellte Bescheidenheit ja auch Teil des Arrangements. Die Kommissionspräsidentin überlässt nichts dem Zufall, ihre Sprache ist geprägt von Superlativen, so manche bezeichnen sie auch als Hohepriesterin des Pathos. Oft fehlen ihren großen Worten aber konkrete Lösungsansätze.
Was andere über sie denken, scheint Ursula von der Leyen egal zu sein. Es wirkt, als lasse sie Kritik ungerührt an sich abperlen. Etwa bei „Pfizergate“. Gemeint ist damit die Kontroverse um den Milliarden-Impfstoffdeal mit dem Pharmariesen Pfizer während der Coronapandemie. Von der Leyen verhandelte direkt via Textnachrichten und Anrufen mit Pfizer-Chef Albert Bourla. Journalisten forderten später die Herausgabe der Chats, die Kommission weigerte sich – nach einem Gerichtsurteil, das klarstellte, die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, zu erfahren, wie der Impfstoffdeal zustande gekommen war, hieß es aus Brüssel, die Nachrichten seien mittlerweile gelöscht.
Mit Ursula von der Leyen an der Spitze wird es Europa nicht an Selbstbewusstsein und einem entschlossenen Auftreten mangeln
Zu unangenehmen Themen wie zuletzt zum isländischen Nein zur Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen schweigt die sonst so mitteilsame Kommissionspräsidentin. Wozu sie jedoch sehr gern und immer wieder etwas sagt: die absolute Notwendigkeit, dass Europa unabhängig wird, ihr Wunsch, das Einstimmigkeitsprinzip im EU-Rat bei bestimmten Themen, etwa der Außenpolitik, aufzugeben, ihre Ansicht, dass sie die EU-Erweiterung für essenziell erachte, oder auch dass die Ukraine den Krieg gewinnen müsse.
Die EU-Politik der kommenden Jahre wird jedenfalls ein ordentlicher Kraft- und ein Balanceakt. Die US-Präsidentschaft von Donald Trump verschärft die ohnehin angespannte Lage noch weiter. Mit Ursula von der Leyen an der Spitze wird es Europa nicht an Selbstbewusstsein und einem entschlossenen Auftreten mangeln. „Die Stimme Europas muss zu hören sein. Zu oft hat Europa zuletzt nicht gesprochen“, sagte die EU-Kommissionspräsidentin im Frühjahr bei einer Veranstaltung der deutschen Zeitung Die Zeit in Hamburg.
Leichter wird es nicht
Zumindest nicht mit einer Stimme spricht Europa bei der nächsten anstehenden ganz großen Entscheidung. Diese betrifft den mehrjährigen Finanzrahmen für die Jahre 2028 bis 2034. Der Vorschlag der Kommission sieht vor, das Budget von derzeit rund 1,2 auf fast zwei Billionen Euro aufzustocken – das gefällt so gut wie niemandem. Den einen ist es zu wenig, den anderen zu viel, und so gut wie alle wollen eine andere Verteilung der Gelder. Das wilde Tauziehen hat längst begonnen. Von der Leyen signalisiert Kompromissbereitschaft. Um grünes Licht für das Budget zu bekommen, bleibt ihr auch gar nichts anderes übrig.
Eine dritte Amtszeit dürfte die Kommissionspräsidentin nicht anstreben. Ihr einflussreicher Kabinettchef Björn Seibert, einer der wenigen engen Vertrauten der „Solistin“ von der Leyen, soll dies Anfang Juni bei einem privaten Abendessen mit mehreren hochrangigen Beamten geäußert haben.
Steckbrief

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Ursula von der Leyen
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.
