Nicolai Tangen
©Hans Fredrik AsbjørnsenNicolai Tangen verwaltet rund 2,3 Billionen Dollar. Warum der Wirtschaftswissenschafter und Manager des norwegischen Staatsfonds jetzt mit härteren Zeiten rechnet – und was man sich bei Norwegen abschauen kann, verrät er im Interview.
Zuerst erschienen im „Handelsblatt“ am 14.9.2026.
2.293.484.252.464 Dollar. So viel Geld – knapp 2,3 Billionen US-Dollar – verwaltet Nicolai Tangen als Chef des weltweit größten Staatsfonds. Der norwegische Government Pension Fund Global ist an rund 7.100 Unternehmen in mehr als 50 Ländern beteiligt und besitzt knapp 1,5 Prozent aller weltweit börsennotierten Aktien.
Tangen, 60, steht als einziger Norweger auf der Fortune-Liste der 100 mächtigsten Wirtschaftsführer der Welt. Bevor er 2020 die Führung des Staatsfonds übernahm, verdiente er in London mit seiner eigenen Hedgefondsfirma AKO Capital ein Vermögen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Tangen, wie er auf die KI-Börsenrallye blickt, warum er trotz Rekordgewinnen mit härteren Zeiten rechnet und selbst einen vollständigen Verlust des Staatsfonds nicht völlig ausschließt.
Herr Tangen, sind Sie der mächtigste Fondsmanager der Welt?
Nein.
Aber Sie verwalten den weltweit größten Staatsfonds. Der norwegische Government Pension Fund Global ist rund 2,3 Billionen Dollar schwer und besitzt rund 1,5 Prozent aller Aktien börsennotierter Unternehmen weltweit. Da liegt der Gedanke nahe.
So sehe ich das nicht. Wir führen den Staatsfonds sehr nah an einem Index. Zudem gibt das norwegische Finanzministerium einen wichtigen Teil unseres Mandats vor. Der Großteil der Risiken steckt damit bereits im Mandat – darüber entscheide nicht ich.
Aktuell investiert der Fonds rund 72 Prozent in Aktien, knapp 26 Prozent in Anleihen, 1,6 Prozent in Immobilien und 0,5 Prozent in Infrastruktur für erneuerbare Energien. Die grundlegende Vermögensaufteilung und die Anlagestrategie gibt das norwegische Finanzministerium vor, größere strategische Änderungen muss das Parlament billigen. Wie viel Freiheit haben Sie da als Anlagechef noch?
Es gibt klare Grenzen für das, was ich tun darf. Das ist bewusst so konstruiert – und bei einem Fonds, der für ein kleines Land derart wichtig ist, sehr sinnvoll. Es muss Grenzen dafür geben, wie viel zusätzliches Risiko ein Fondsmanager eingehen kann. Das Mandat macht präzise Vorgaben und legt die Risikotoleranz fest. Ich halte das für vernünftig. Es funktioniert gut.
Sie halten den begrenzten Spielraum für aktives Management also für richtig?
Ja.
Im ersten Halbjahr 2026 erzielte der Fonds einen Rekordgewinn von mehr als 184 Milliarden Dollar – das höchste Halbjahresergebnis seiner Geschichte. Was trieb die Gewinne?
Die starken Kursgewinne im Aktienteil unseres Portfolios. Mehr als die Hälfte der Gewinne kam von Tech-Aktien. In den vergangenen Jahren trieben vor allem US-Technologiekonzerne die Renditen. Diesmal waren es insbesondere asiatische Tech-Werte aus der Halbleiter-Branche.
Vor allem Chip- und KI-Aktien haben die Märkte zuletzt stark angetrieben. Ist diese Rally fundamental gerechtfertigt?
Das ist derzeit die große Frage. Ohne Zweifel findet eine gewaltige Revolution statt. Zugleich steckt die Anwendung von KI noch in den Kinderschuhen. Vor allem europäische Unternehmen und der öffentliche Sektor haben noch einen sehr langen Weg vor sich. Deshalb ist es äußerst schwer zu sagen, an welchem Punkt des KI-Zyklus wir stehen.
Aktienkurse steigen nicht ohne Unterbrechung bis in den Himmel. Härtere Zeiten werden kommen, das ist sicher
Setzt der Fonds KI auch für Anlageentscheidungen ein?
Bei der Auswahl einzelner Aktien weniger, aber für fast alles andere. Laut Anthropic gehören wir bei der KI-Integration zu den führenden Vermögensverwaltern. In meinem Podcast habe ich früh mit Leuten wie Sam Altman, Dario Amodei und Bill Gates gesprochen. Dabei habe ich erkannt, welches Potenzial darin steckt. Seit 2021 treiben wir den Einsatz von KI intern voran. Inzwischen nutzen 70 Prozent unserer Beschäftigten Claude Code. 200 unserer 700 Mitarbeiter bauen eigene KI-Agenten. Der Fonds hat sich zu einem Technologieunternehmen entwickelt.
Wie haben Sie den jüngsten Rekordgewinn aufgenommen: mit Freude oder mit Sorge, dass die Märkte übertreiben? Bei der Arendalsuka, Norwegens größtem politischen Treffen, haben Sie kürzlich davor gewarnt, dass der Fonds eines Tages ganz verschwinden könnte.
Nach derartigen Gewinnen muss man die Erwartungen dämpfen. Aktienkurse steigen nicht ohne Unterbrechung bis in den Himmel. Härtere Zeiten werden kommen, das ist sicher.
Sie glauben wirklich, dass vom weltgrößten Staatsfonds mit rund 2,3 Billionen Dollar Anlagevermögen eines Tages nichts mehr übrig sein könnte?
Die Möglichkeit besteht. Kein Land hat es in der Geschichte je geschafft, ein großes finanzielles Vermögen über einen sehr langen Zeitraum zu bewahren. Ich halte die Wahrscheinlichkeit dafür für sehr gering. Aber man muss auf alles vorbereitet sein.
Bei der Arendalsuka sagten Sie, dieses Extremszenario sei in der heutigen Welt „nicht völlig unwahrscheinlich“. Nach Jahrzehnten niedriger Zinsen, Steuern und Inflation: Was macht die heutige Lage so riskant?
Früher fand sich unter den zehn größten Unternehmen vielleicht ein Ölkonzern, ein Einzelhändler, eine Bergbaufirma, eine Bank, ein Versicherer und ein Technologieunternehmen. Selbst unter den größten Positionen gab es also eine gewisse Streuung. Heute sind die zehn größten Unternehmen im Wesentlichen Technologiekonzerne, die an denselben Risiken hängen. Die Korrelation ist enorm. Zudem machen die Top Ten inzwischen 25 Prozent unseres Aktienportfolios aus.
Welche Risiken sehen Sie noch?
Taiwan birgt ein großes geopolitisches Risiko, weil dort so viele Chips produziert werden. Auch hohe Staatsschulden sind ein Risiko, ebenso eine mögliche KI-Korrektur und die Deglobalisierung. Wir leben in einer beispiellosen Zeit.
An einer Stelle hätten Sie gern mehr Spielraum: bei Private Equity. Sie haben wiederholt dafür geworben, drei bis fünf Prozent des Fondsvermögens in nicht börsennotierte Unternehmen investieren zu dürfen. Die Politik hat Ihnen diesen Wunsch bislang verwehrt.
Ein großer Teil der unternehmerischen Wertschöpfung findet inzwischen statt, während Unternehmen noch in privater Hand sind. Deshalb habe ich dafür plädiert, Private Equity in das Mandat aufzunehmen. Bislang ist das nicht geschehen. Wir werden sehen.
Ist das kein Wettbewerbsnachteil?
Das lässt sich schwer sagen. Das Thema befindet sich gerade in einem politischen Prozess. Deshalb kann ich in meiner Argumentation nicht konkreter werden.
Private Equity würde das Portfolio aber schon breiter aufstellen und stärker diversifizieren.
Ja.
Sie waren 15 Jahre lang Hedgefondsmanager in London, bei Ihrer eigenen Firma AKO Capital. Wie schwer fällt es Ihnen, heute keine großen aktiven Wetten mehr eingehen zu dürfen?
Gar nicht.
Schwer zu glauben.
Nein, wirklich. Das ist ein völlig anderer Job. Ich liebe meine Arbeit. Hier gibt es genug zu tun.
Ich messe Erfolg nicht in Geld. Ich messe ihn am Sinn meiner Arbeit, an dem, was ich lerne, und am Dienst für mein Land
Wie nervös macht es Sie, für knapp 2,3 Billionen Dollar verantwortlich zu sein?
Gar nicht. Es fühlt sich gut an. Das Mandat ist klar, einen großen Teil des Risikos gibt das Finanzministerium vor. Und ich habe 700 großartige Kollegen.
Wie oft prüfen Sie das Portfolio?
Auf einzelne Aktienkurse schaue ich nicht täglich. Das machen unsere Portfoliomanager. Den Gesamtwert des Fonds prüfe ich einmal am Tag – immer morgens um sieben, wenn der Bericht aus Singapur kommt.
Was reizt Sie daran am meisten?
Erstens liebe ich die Vermögensverwaltung. Mich faszinieren Märkte, Unternehmen, Finanzen und die Weltwirtschaft. Zweitens macht es großen Spaß, diese Organisation weiterzuentwickeln – gerade jetzt, da wir KI und Technologie so stark integrieren. Drittens leiste ich etwas für mein Land.
Nach Ihrem Wechsel im Jahr 2020 wurde berichtet, dass Sie in Norwegen womöglich mehr Vermögensteuer zahlen, als Sie in Ihrem neuen Job verdienen. Ihr Jahresgehalt von umgerechnet rund 650.000 Euro ist nur ein Bruchteil dessen, was Sie früher als Hedgefondsmanager verdient haben. Spielt Geld für Sie keine Rolle mehr?
Ich messe Erfolg nicht in Geld. Ich messe ihn am Sinn meiner Arbeit, an dem, was ich lerne, und am Dienst für mein Land. Ich bewerte mein Leben heute anders.
Als Sie 2020 zum Staatsfonds wechselten, löste Ihre Berufung in Norwegen heftige Kontroversen aus. Wegen möglicher Interessenkonflikte gaben Sie Ihre Anteile an AKO Capital ab und kappten alle Verbindungen zum Management. Sogar das norwegische Parlament beschäftigte sich mit dem Fall. Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?
Sehr viel. Meine Berufung war damals stark umstritten. Unter diesem Stress und durch all die negativen Presseartikel lernt man viel. Die Menschen waren skeptisch, weil sie mich nicht kannten. Da kam jemand, der viel Geld verdient hatte, und übernahm einen wichtigen und attraktiven Job. Eine Erkenntnis war: Negative Presse vergeht. Heute ist die Berichterstattung überwiegend positiv.
Deutschland führt 2027 ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot ein. Damit sollen Sparer stärker über Aktien und Fonds fürs Alter vorsorgen. Was kann Deutschland beim langfristigen Investieren von Norwegen lernen?
Konkrete Tipps kann ich da nicht geben. Aber für unseren Fonds waren einige Dinge entscheidend: Das Mandat ist über alle Parteien hinweg politisch verankert. Die Regierung darf pro Jahr höchstens drei Prozent des Fonds für den Staatshaushalt nutzen. So bleibt der Großteil des Kapitals geschützt. Auch Transparenz war für uns sehr wichtig. Ein Regierungswechsel etwa darf nicht dazu führen, dass sich die Ausrichtung des Fonds ändert. Die Regeln müssen langfristig praktisch in Stein gemeißelt sein.
Ihre zweite und regulär letzte Amtszeit läuft bis 2030. In Ihrem Büro in Oslo zählt eine große rote Digitaluhr die Tage, die Ihnen noch als Fondschef bleiben. Wie oft blicken Sie darauf?
Jeden Tag. Die Uhr hängt ja an der Wand. Heute steht dort: 1.468.
Warum tun Sie das?
Die Uhr verleiht allem, was ich tue, Dringlichkeit. Wenn jemand in mein Büro kommt und sagt: „Das können wir nächstes Jahr machen“, antworte ich: „Nein, das können wir nicht. Mir bleiben nur noch 1.468 Tage.“ Dann sagen die Leute: „Echt, nur noch 1.468? Dann machen wir es sofort.“

Steckbrief
Nicolai Tangen
Nicolai Tangen ist ein norwegischer Hedgefondsmanager, Kunstsammler und seit September 2020 Chef von Norges Bank Investment Management. Damit verantwortet er den norwegischen Staatsfonds, den größten Staatsfonds der Welt.
Tangen studierte Wirtschaft an der Wharton School, arbeitete unter anderem bei Cazenove und Egerton Capital und gründete 2005 den Londoner Hedgefonds AKO Capital. Zusätzlich absolvierte er Studien in Kunstgeschichte und Sozialpsychologie.
2020 sorgte seine Ernennung zum Fondschef wegen möglicher Interessenkonflikte für Kritik. Nach einer Anhörung im norwegischen Parlament gab Tangen seine Anteile an AKO Capital ab. Als Fondschef setzt er stark auf Technologie und Künstliche Intelligenz und warnt zugleich vor geopolitischen und wirtschaftlichen Risiken.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.
